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Kevelaer
Wie der Ritter zum Bischof wurde

Kevelaer: Wie der Ritter zum Bischof wurde
Das Martinskomitee Winnekendonk blickt auf eine neun Jahrzehnte währende Tradition zurück: Ulrich Völlings (links) und Klaus Mülders. FOTO: Markus van Offern
Kevelaer. Das Martinskomitee in Winnekendonk blickt auf 90 Jahre Tätigkeit zurück. Geändert hat sich während dieser Zeit das Aussehen des St. Martins im Ort. Geblieben ist die Einstellung der Ehrenamtlichen: Teilen geht vor! Von Bianca Mokwa

Die Regale sind vollgestopft mit alten Büchern und wer sich umschaut, wird noch jede Menge mehr aus längst vergangenen Tagen entdecken. "Wir treffen uns in einer historischen Stätte", sagt Klaus Mülders. In einem gerahmten Bild sitzt der Namensgeber dieser Stätte, Carl Schumacher, entspannt in einem Stuhl, eine Pfeife rauchend. Schumacher war Lehrer und Winnekendonks erster Präsident des Martinskomitees.

Das feiert in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen. "30 Jahre lang gab es keine Festschrift", sagt der jetzige Präsident Ulrich Völlings. Deswegen wird es in diesem Jahr Zeit, Rückblick zu halten, mit einer Feier am 6. November und einer umfassenden Festschrift.

Für das "Futter" der Festschrift ist Mülders verantwortlich, für die künstlerische Gestaltung Ute Derks. Herausgekommen ist ein Werk voller Erinnerungen. Unvergessen sind etwa die Fußballspiele "zwischen den alten und den uralten Herren des Sportvereins Viktoria" oder der Frauenturngruppe. Der Erlös aus dem Eintritt floss in die Martinskasse.

Schon früh wurde der Blick weiter, das Thema "Teilen" nicht nur auf die Winnekendonker Kinder umgemünzt. Der Erlös aus der Martinsverlosung geht schon seit vielen Jahren an die Andheri-Hilfe mit Sitz in Bonn, die unter anderem mit Augenoperationen dafür sorgt, dass junge Menschen in Bangladesch wieder sehen können.

Nie geändert hat sich in den 90 Jahren der Leitsatz des Martinskomitees. Amtsdirektor August Wormland formulierte ihn 1950 so: "Unser Lohn soll nicht irgendein Gewinn sein, sondern wir wollen uns erbauen an den frohen Kinderaugen; deren Glanz beim Empfang der Martinstüte soll unser Dank für die Mühewaltung sein!"

Dabei begann alles ganz klein, mit ein paar Kegelbrüdern, die sich um besagten Carl Schumacher scharrten und das Martinskomitee gründeten, um im Heimatort Winnekendonk einen Laternenzug für die Kinder zu veranstalten. Heute sind es 60 Martinsschwestern und -brüder, die zu zweit losziehen und Geld sammeln und zudem am Martinstag 1200 Tüten mit den herrlichsten Leckereien packen. In Winnekendonk bekommen Kinder bis 14 Jahre eine Martinstüte und Senioren ab 75 Jahren. Der Nachwuchs hat übrigens zwei kleine Weckmänner in der Tüte, einen mit und einen ohne Rosinen. Eine Umfrage in der Schule habe ergeben, dass viele Kinder gar keine Rosinen mögen, da habe man gehandelt, erklärt Völlings. Die Senioren bekommen einen großen Weckmann mit Rosinen und "seniorengerechte Süßigkeiten, damit die Zahnärzte sich nicht beschweren", sagt Völlings. Die Winnekendonker sind da sehr pragmatisch.

Geändert hat sich im Laufe der Zeit das Aussehen des St. Martins. Ein Gewand aus Samt, ein weiter Mantel mit Hermelinpelz, lautet die Beschreibung des Ritterkostüms aus den Anfängen. Mittlerweile reitet St. Martin nicht mehr als Ritter, sondern als Bischof durch Winnekendonks Straßen. Der erste St. Martin, der übrigens ein gut gehütetes Geheimnis bleiben sollte, bis sein Pferd mit ihm durchging, war Johann Schülter. Der aktuelle St.-Martin-Darsteller ist seit einigen Jahren Franz-Josef "Jupp" Pellander.

Am Sonntag, 6. November, wird zu einer Feierstunde in die Öffentliche Begegnungsstätte ab 17 Uhr eingeladen, um an die gemeinsame Geschichte zu erinnern. Der Martinszug zieht am Samstag, 12. November, durch die Ortschaft. Start ist um 18 Uhr an der Overberg-Grundschule. Nach dem Zug geht es traditionsgemäß noch weiter. In der Öffentlichen Begegnungsstätte folgt die Martinsfeier, die Mülders als ein großes Familienfest beschreibt.

Völlings, Mülders und die anderen Ehrenamtler des Martinskomitees wandeln auch nach 90 Jahren in den Spuren der Gründer. "Die Freude des Martinsgedankens weiterzutragen", nennt es Völlings. Und wenn er in die strahlenden Augen der Kinder und Senioren blickt, dann geben sie ihm Recht.

Quelle: RP
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