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Kalkar
Hitler noch auf Kalkars Ehrenbürgerliste

Fast vergessene "Hitler-Skandale"
Fast vergessene "Hitler-Skandale" FOTO: AP
Kalkar. Auch 70 Jahre nach der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur hat die Nicolaistadt dem "Führer" die Ehrung noch immer nicht offiziell aberkannt. Nun gibt es Bestrebungen, die Ratsmitglieder darüber abstimmen zu lassen. Von Dieter Dormann

Die Namen derer, die im Laufe der Geschichte Ehrenbürger Kalkars waren, sind auf der Internet-Seite der Stadt verzeichnet. Fünf Namen fallen einem gleichsam auf den ersten Blick auf - sie sind gefettet: Gerhard Janssen, Joseph van Lauff, Hugo Mönnig, Dr. med Karl Bartels und Theodor Kuypers. Den Namen des sechsten Ehrenbürgers "entdeckt" erst, wer genauer hinschaut und liest. Im Erläuterungstext zum Ehrenbürger Hugo Mönig steht - in Klammern gesetzt: "(1933 erfolgte die vorläufige Aussetzung der Ehrenbürgerrechte auf Antrag der NSDAP im Stadtrat; gleichzeitig wurde Hitler - wie in allen Städten und Gemeinden üblich - zum Ehrenbürger ernannt.)"

Wilfried van Haag, politisch engagierter, parteiloser Bürger der Stadt Kalkar, hat den Eintrag auf der Internetseite "erwirkt". Anfangs war sein Interesse an der Thematik Ehrenbürgerschaft durch eine Führung über den Friedhof geweckt worden. Später bekam er im Stadtarchiv nach seiner Schilderung auf die Frage, ob Adolf Hitler Ehrenbürger der Stadt gewesen sei, die Antwort: "Das ist doch nicht mehr zu ändern." Erst auf seine mehrfache Nachfrage bei Harald Münzner, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt, seien die Namen auf der Internetseite eingetragen worden. Wilfried van Haag sagt: "Kalkar muss sich der Vergabe der Ehrenbürgerschaft an Hitler stellen. Und dazu gehört auch die Verantwortung, dass man diesen Beschluss zurücknehmen muss."

Viele deutsche Städte hatten den "Führer" zum Ehrenbürger ernannt. Aber viele haben ihm die Auszeichnung später auch mittels Ratsbeschluss wieder aberkannt - wenn auch erst viele Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom NS-Regime. So vollzog Goslar den Schritt 2013, in Bad Oeynhausen erfolgte die Streichung Hitlers aus der Ehrenbürgerliste 2014. In der Nicolaistadt jedoch steht auch 70 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Nazi-Regime NS-Diktator Adolf Hitler, dessen Ehrenbürgerschaft wie bei jedem anderen offiziell mit seinem Tode beendet war, immer noch in der Liste der Kalkarer Ehrenbürger. Nun gibt es auch in Kalkar konkrete Bestrebungen, den Namen Adolf Hitler von der Liste der Ehrenbürger per Ratsbeschluss zu streichen. Der Fraktionsvorsitzende der Bündnis-Grünen, Willibald Kunisch, will in der Fraktionsvorsitzenden-Sitzung am 14. April anregen, den Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 1933 auf der kommenden Ratssitzung am 28. April zurückzunehmen. Damit würden die Ratsmitglieder sowohl Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft aberkennen als auch Hugo Mönnig die Ehrung nachträglich wieder zuerkennen.

Das Pogrom 1938 in Düsseldorf FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Einigen sich die Fraktionen am 14. April nicht auf einen gemeinsamen Antrag, will Willibald Kunisch für seine Fraktion beantragen, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Auch andere Fraktionen wollen nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen die Abstimmung über Hitlers Ehrenbürgerschaft in Kalkar. Günter Pageler, Ratsmitglied der Freien Bürger für Kalkar (FBK), bestätigte auf Anfrage, er werde sich bemühen, das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung des Kulturausschusses zu setzen - nach vorheriger Absprache mit dem Ausschuss-Vorsitzenden Hubert Hell vom Forum Kalkar.

Es war die jüngst in Kalkar geführte Diskussion über ein Mahnmal an die Judenverfolgung im Dritten Reich, die Willibald Kunisch dazu brachte, das Thema Hitlers Ehrenbürgerschaft aufzugreifen. So wie Stolpersteine, die andernorts vor Häusern verlegt worden seien, in denen Juden gewohnt hätten, in Kalkar "kein Thema" seien und nur "hinter vorgehaltener Hand" über Gründe für diese Haltung gesprochen werde, so werde nicht über Hitlers Ehrenbürgerschaft geredet. "Die Zeit des Verschweigens" muss laut Willibald Kunisch endlich vorbei sein.

Auch in anderen Kommunen im Kleverland hat es lange gedauert, bis dem NS-Diktator die Ehrenbürgerwürde abgesprochen wurde. So hat erst am 18. Juni 2003 die Gemeinde Kranenburg "den Sündenfall" - so nennt Stadtarchiv Johannes Stinner die Entscheidung der damaligen Bürgermeisterei, 1933 Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft zuzuerkennen - rückgängig gemacht. Im entsprechenden Ratsbeschluss heißt es: "dass mit dieser ausgesprochenen Distanzierung faktisch die rückwirkende Aberkennung des Ehrenbürgerechtes verbunden" sei. Die Mitglieder des Klever Rates stimmten am 23. April 2008 einem interfraktionellen Antrag auf Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers und Widerruf der Abererkennung von Ehrenbürgerschaften (August Fleischhauer, Heinrich Wulff) einstimmig zu.

Quelle: RP
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