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Bedburg-Hau
Ännes Reise in die Vernichtung

Bedburg-Hau: Ännes Reise in die Vernichtung
Karge Bühne, starker Ausdruck. Crischa Ohler (vorne) und Sjef van der Linden vor einem Kinderbild Ännes. FOTO: Gottfried Evers
Bedburg-Hau. mini-art inszeniert zum 100-jährigen Bestehen der LVR-Klinik Bedburg-Hau ein Stück aus dunklen Zeiten: 1940 wurde Anna Lehnkering als schwachsinnig geltend von den Nazis ermordet. Das Theater erzählt ihre Geschichte. Von Matthias Grass

Die Psychiatrie-Schwester macht ein böses Gesicht. Das sieht nach mehr Arbeit aus. Arbeit, die Änne der Schwester macht. Denn morgen muss sie weg. Sie muss ihre Sachen packen. Macht eine Reise. Vielleicht ans Meer, mutmaßt Änne in einem Brief an ihre Mutter. Ans Meer, auf dessen Wasser man schweben kann, als würde man fliegen. Änne würde auch gerne fliegen. Aber die Reise geht nicht ans Meer.

Es soll Ännes letzte Reise werden. Anna Lehnkering, genannt Änne, fährt von der Klinik in Bedburg-Hau, der Provinz- und Heilanstalt, mit dem Zug nach Grafeneck. Vom Bahnhof geht es mit einem grauen Bus direkt in eine Gaskammer in der dortigen Klinik. Am 6. März 1940 wird Anna Lehnkering ermordet. Die zarte, zittrige Frau wurde nur 25 Jahre alt. Ihr Leben galt den Machthabern als nicht lebenswert. Prof. Dr. Otto Löwenstein, Chef der ersten psychiatrischen Kinderklinik in Deutschland, habe sie 1930 als "schwachsinnig" erklärt, erzählt das Stück. Bei den neuen Machthabern ab 1933 bedeutete das ihr Todesurteil.

Sjef van der Linden und Crischa Ohler bringen in ihrem Stück "Ännes letzte Reise" die Geschichte der Anna Lehnkering auf die Bühne, setzen der Person aus Sterkrade ein Denkmal, die einen Teil ihres Lebens in der Psychiatrie in Bedburg-Hau verbrachte und von hier in den Tod geschickt wurde. Mit dem Stück werfen sie ein grelles Schlaglicht auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, das erst in jüngster Zeit aufgearbeitet wurde. Ein Kapitel, an das so mancher vielleicht nicht so gerne erinnert wird, ein Kapitel, in dem von der systematischen Vernichtung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen erzählt wird.

Deshalb startet das Stück mit einer Entschuldigung. Mit einem Verzeihen. Und entwickelt von Beginn an trotz oder wegen der für mini-art typischen, sensiblen und unaufgeregten Art, Geschichten zu erzählen, eine ungemein drängende Dynamik. Man weiß um das Schicksal der kleinen Änne, die bei einem Unfall ein Auge verliert. Die so gerne mit sanftem Blick der Mutter beim Arbeiten zuschaut und die bei den Diakonissen in Kaiserswerth als Hilfe hätte arbeiten können. Hätte. Denn Löwenstein erklärt sie für schwachsinnig, die Schwestern können sie deshalb nicht nehmen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Sjef van der Linden und Crischa Ohler schlüpfen während des Stücks in diverse Rollen, tippen die der Änne aber nur an, lassen sie nur imaginär auf der Bühne lebendig werden. Das Bühnenbild ist ebenso karg wie ausdrucksstark. Weiß lackierte Stühle, ein Tisch. Dazu werden von der Künstlerin Ulrike Oeter bearbeitete Fotos von Änne und ihrem Lebensraum auf eine weiße Rückwand geworfen.

Aber mini-art möchte mit "Ännes letzte Reise" nicht nur in deutsche Geschichte tauchen. Ohler und van der Linden wollen auch den latenten Faschismus im Alltäglichen aufzeigen: Wenn Menschen ausgegrenzt werden, sie gemobbt werden, auch im Internet. Ein Stück ab 14 Jahre – Pflichtprogramm für alle, die sich mit dem Dritten Reich auseinandersetzen.

(RP/rl)
 
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