| 11.48 Uhr

Alkohol in der Schwangerschaft – Pflegeeltern berichten
"Sie werden wohl niemals selbstständig leben können"

Alkohol in der Schwangerschaft: Vollrausch im Mutterleib
Die Mütter der beiden Jungen haben in der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Beim Ehepaar S. haben sie ein Zuhause gefunden, in dem sie sich wohlfühlen. FOTO: Reichwein
Babys, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken, kommen oft mit schweren Gehirnschäden zur Welt. Ein Paar aus dem Kreis Kleve hat zwei schwerbehinderte Jungen als Pflegekinder aufgenommen. Keine leichte Aufgabe. Von Saskia Nothofer, Kleve

Fast alles, was Felix* lernt, vergisst der Grundschüler auch wieder. "Sein Gehirn ist mit dem eines Demenzkranken vergleichbar", sagt sein Pflegevater Armin S. aus dem Kreis Kleve. An manchen Tagen könne der Kleine fließend lesen, an anderen seien die Buchstaben auf dem Papier für den Jungen bloß unverständliche Symbole.

Felix gilt als 100 Prozent schwerbehindert. Er leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS), da seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Das ungeborene Kind wird dabei über die Nabelschnur mit dem gleichen Alkoholgehalt konfrontiert wie die Mutter. Es trinkt quasi mit und hat auch denselben Promillewert wie die Mutter.

Das nehmen Schwangere am häufigsten ein FOTO: Techniker Krankenkasse

Da die Leber des Embryos noch unfertig ist, dauert es jedoch deutlich länger, den Alkohol wieder abzubauen. Zudem sind die jungen Organe besonders anfällig. "Der Körper eines Embryos braucht drei Mal so lange, den Alkohol abzubauen wie der eines Erwachsenen", erklärt Heike Hoff-Emden, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums in Leipzig.

Irreparable Schäden

Laut aktueller Studien leben in Deutschland 38 von 10.000 Menschen mit den Folgen des Alkoholkonsums ihrer Mutter während der Schwangerschaft, und 26 Prozent der werdenden Mütter trinken Alkohol. Mehr als 5000 Kinder werden so jährlich in Deutschland mit irreparablen Schäden geboren.

So wie Felix. Seine leibliche Mutter konnte sich nach der Geburt nicht um ihn kümmern. In den ersten drei Jahren seines Lebens wurde er daher in drei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht - bis er schließlich bei Familie S. ein echtes Zuhause fand. "Papa, kommst du mal gucken?", fragt Felix während des Gesprächs, greift die Hand seines Pflegevaters und will ihn ins Spielzimmer ziehen.

Nicht nur Felix hat mit dem Ehepaar S. eine Mama und einen Papa bekommen. Auch den jüngeren Jan hat das Paar seit einigen Jahren als Pflegekind bei sich aufgenommen. "Die beiden sind wie Brüder", sagt Pflegemutter Cordula S.. "Sie verstehen sich super." Auch Jan ist mit FAS auf die Welt gekommen, konnte nicht bei seiner leiblichen Mutter bleiben, wurde von Familie zu Familie gereicht, lebte mehrere Jahre im Kinderheim. "Er wurde immer mit dem Stempel 'nicht familientauglich' wieder abgegeben", so Cordula S. Dass die beiden Jungen unter dem Syndrom leiden, wusste das Paar bei der Vermittlung nicht.

Stillen - Probleme und Lösungen FOTO: TK

Doch Cordula und Armin S. lieben ihre Pflegekinder deshalb nicht weniger. Sie haben ihr Leben an die beiden angepasst. Während er arbeiten geht, kümmert sie sich den gesamten Tag um die Jungen. "Ich kann die beiden nicht aus den Augen lassen", sagt die Pflegemutter. Ein herannahendes Auto beim Überqueren einer Straße etwa erkennen sie nicht als Gefahr und gehen trotzdem los. Bedrohungen wie diese werden die Jungen aufgrund ihrer Hirnschädigung wohl nie einschätzen können. "Und sie werden wohl auch niemals selbstständig leben können", sagt Cordula S.. "Vermutlich müssen sie später betreut wohnen und kommen vielleicht in einer Behindertenwerkstatt unter."

Sozial unreif, Probleme im Alltag

Die Kinder- und Jugendmedizinerin Hoff-Emden bestätigt, dass nur rund zwölf Prozent der Kinder mit FAS als Erwachsene selbstständig leben können. Und zwar vor allem, weil sie oft sozial unreif seien, ihre Lern- und Merkfähigkeit eingeschränkt sei, und sie kein Gespür für Alltägliches wie das Einhalten von Terminen hätten. "Die meisten Betroffenen können nicht planen und dementsprechend auch nicht danach handeln", so die Ärztin. Zudem neigten Menschen mit FAS dazu, in eine Sucht zu verfallen. Und rund 50 Prozent werden laut Hoff-Emden straffällig, da ihnen zum einen das soziale Gespür fehle und sie zum anderen teilweise sehr impulsiv und damit unkontrolliert handelten.

Ärzte raten daher dazu, während der Schwangerschaft komplett auf Alkohol zu verzichten. Denn ganz egal wie viel eine werdende Mutter trinkt, ist es auch "nur" das eine Gläschen Sekt, riskiert sie eine Frühgeburt. Überlebt das Kind, können Hirnschäden und Entwicklungsstörungen sowie körperliche Behinderungen die Folge sein. Im schlimmsten Fall sprechen Ärzte vom Fetalen Alkoholsyndrom. Vielen Kindern sieht man FAS äußerlich nicht direkt an - auch Felix und Jan nicht -, die meisten sind aber zu klein, zu leicht, haben eine sehr dünne Oberlippe und schmale Lidspalten, so die Fachärztin.

Der Alltag bei Familie S. ist nicht einfach. Denn die Jungs haben durch die immer wieder wechselnden Pflegefamilien Traumata erlitten, sind bindungsgestört, haben Verlustängste. Der kleinere Jan hat zudem seine Impulse schlecht unter Kontrolle, muss alles anfassen, kann kaum still sitzen. Felix leidet neben dem stark beeinträchtigten Kurzzeitgedächtnis auch an einem Mangel am Schlafhormon Melatonin. Die Folge: Er muss sein Leben lang Tabletten schlucken, um ein- und durchschlafen zu können.

Sport in der Schwangerschaft - Das müssen werdende Mütter beachten FOTO: dpa, Kay Tkatzik

Außerdem sind seine Muskeln sehr schwach, da sie sich im Mutterleib durch den Alkohol nicht richtig entwickeln konnten. "Durch ihre Beeinträchtigungen brauchen die Jungs eine feste Struktur", sagt der Pflegevater. "Jeder Tag läuft bei uns daher gleich ab. Wir wecken die beiden immer zur selben Zeit, essen, machen Hausaufgaben und putzen die Zähne zu festen Zeiten."

Die Entscheidung, zwei schwerbehinderten Kindern dauerhaft ein Zuhause zu geben, haben Cordula und Armin S. nie bereut. "Wir haben selbst erwachsene Kinder, wollten aber niemals ohne welche leben", so die Pflegemutter. "Wie sind sehr glücklich mit den beiden und hätten am liebsten noch mehr Pflegekinder. Platz wäre in unserem Haus noch für zwei."

"Es reicht hinten und vorne nicht"

Einzig das Jugendamt lege ihnen immer wieder Steine in den Weg und würdige all das, was sie für die Kinder tun, nicht. Das Problem seien vor allem die Kosten. Das Pflegegeld ist nach dem Alter des Kindes gestaffelt. Nach Angaben des Kreises Kleve erhält das Paar so für die Jungen 1118 Euro Pflegegeld pro Monat sowie pro Kind einen Erziehungsbeitrag von 248 Euro.

Laut Familie S. fällt der Gesamtbetrag bei ihnen aber etwas geringer aus, da Pflegeeltern, die ein Kind für längere Zeit in Vollzeitpflege aufnehmen, auch einen Anspruch auf Kindergeld haben und dieses mit dem Pflegegeld verrechnet wird - auch in Abhängigkeit von der Anzahl der Pflegekinder. "Das klingt auf den ersten Blick zwar viel", sagt Cordula S. "Es reicht aber hinten und vorne nicht, da wir ja nicht nur Kleidung, Essen und Schulmaterial für die Kinder kaufen, sondern auch unzählige Fahrten zu Kinderärzten und Psychologen haben. Wir legen jeden Monat drauf."

Schon oft hätten sie daher einen Antrag auf einen höheren Zuschuss beim Jugendamt gestellt. "Die werden aber einfach nicht bearbeitet", so der Pflegevater. Laut dem Kreis Kleve ist es möglich, dass ein erhöhtes Pflegegeld gezahlt wird, wenn etwa aus gesundheitlichen Gründen ein Mehrbedarf besteht und/oder die Anforderungen an Betreuung und Erziehung besonders hoch sind. "In diesen Fällen wird der Bedarf des Kindes oder Jugendlichen beziehungsweise der Aufwand im Einzelfall betrachtet", heißt es.

Armin und Cordula S. warten schon lange darauf, dass auch ihr Einzelfall betrachtet wird. "Wir wünschen uns doch nur das Beste für unsere Kinder", so die Pflegemutter. Und tatsächlich wäre es für die beiden Jungen das Beste, dauerhaft in der Familie zu bleiben, in der sie sich wohlfühlen, die ihnen eine geordnete Struktur bietet und in der sie feste emotionale Bezugspersonen haben. "FAS ist eine lebenslange Behinderung, und die einzigen schützenden Faktoren sind eine frühe Diagnose und ein stabiles Bezugssystem", betont die Leipziger Ärztin Hoff-Emden.

*alle Namen geändert

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Alkohol in der Schwangerschaft: Vollrausch im Mutterleib


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.