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Kalkar
Alkoholsucht: "Ich darf es nie vergessen"

Kalkar. "Mein Name ist Hans. Ich bin Alkoholiker." So stellen sich die Mitglieder der Anonymen Alkoholiker vor. Die Kalkarer Selbsthilfegruppe besteht seit 30 Jahren. Am 19. Mai begeht sie das kleine Jubiläum mit einem öffentlichen Meeting. Von Anja Settnik

/ kreis kleve Dass Hans die Kalkarer AA-Selbsthilfegruppe besucht, heißt nicht, dass der Mann aus Kalkar kommt. Viele Alkoholkranke suchen die Anonymität und schließen sich lieber einer Gruppe in der Umgebung an. So kommt es, dass sich in dem Seminarraum des Kalkarer St.-Nikolaus-Hospitals wöchentlich Männer und Frauen aus verschiedenen Orten treffen, um ihre individuellen und doch häufig sehr ähnlichen Probleme zu besprechen. Alle haben eine Vergangenheit, in der der Alkohol eine zerstörerische Rolle spielte. Und hinter ihnen liegt das Problem auch nach Jahrzehnten nicht, denn Alkoholiker, wissen Fachleute und Betroffene, bleibt man ein Leben lang. Auch, wenn man "trocken" ist. "Ich darf das nie vergessen. Denn nach einem Glas würde ich rückfällig", ist Hans überzeugt.

Dr. Gerd Gromann ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Nikolaus-Hospital. Auf seiner Station werden viele Entgiftungen vorgenommen. Praktisch immer empfiehlt er den Patienten im Anschluss an die Akutbehandlung die Selbsthilfegruppe. Von Hans, Werner und den anderen wird jeder Neue gern aufgenommen. Rund 20 Männer und Frauen, die meisten jenseits der 50, treffen sich da, hören zu und tauschen sich aus. "Ich kann hier alles sagen, denn ich weiß, dass jeder versteht, wovon ich rede", erklärt Werner. Auch über Schwächen wird natürlich geredet, über Rückfälle, über Mutlosigkeit. Dann sagt Hans aufbauend: "Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben."

Die Gründungsmitglieder kommen seit 30 Jahren zur AA-Gruppe. Auch, wenn sie schon viele Jahre trocken sind, brauchen sie die regelmäßige Erinnerung daran, was war - den Schmerz und die Scham wollen sie auf keinen Fall noch einmal erleben. Die versteckten Schnapsflaschen, die Abstürze, der Jobverlust, mancher hat die Frau verloren. "Ich hab' schon als Jugendlicher mit dem Trinken angefangen, der Suff war lange Zeit einfach gesellig. Aus dem Trinken wurde Gewohnheit, ohne Alkohol hab' ich gar nicht mehr funktioniert. Mit einem Schluck am Morgen, einer Flasche im Schreibtisch, mit Kaffeebohnen zum Kauen in der Tasche und mit reichlich Rasierwasser zum Übertünchen der Fahne kann man die Umwelt lange betrügen. Bis alles zusammenstürzt", berichtet einer.

Häufig treten Depressionen zusammen mit Alkoholmissbrauch auf, weiß Dr. Gromann. Mancher leide auch zunächst an einer Angsterkrankung, fürchte sich vielleicht vor Prüfungen. "Da scheint das Glas Sekt oder das Schnäpschen vorab zu helfen. Aber bald schon wird die Entspannung nicht mehr mit einem Glas erreicht, es braucht mehr." Erstaunlich lange schafften es viele Trinker, ihre Sucht geheim zu halten. Bis sie in der Entgiftung landeten. Die nicht unbedingt in einer Fachabteilung stattfinden muss. "Nicht selten wird der Ernst der Lage erst bemerkt, wenn die Leute wegen einer anderen Sache ins Krankenhaus kommen und nicht operiert werden können, weil sie ohne Alkohol ins Delirium fallen."

Der Arzt weiß: "Selbst die Entgiftung ist keine Garantie zur Umkehr, denn die Klinik muss den Patienten nach wenigen Tagen wieder nach Hause schicken. Bei einer unkomplizierten Entgiftung zahlt die Krankenkasse nicht länger." Für die Rehabilitation und Entwöhnung sei der Rentenversicherungsträger zuständig, erklärt der Klinik-Chef. Um eine Therapie zu beantragen, sollten Hausarzt und Suchtberatung angesprochen werden. Und für die Langzeitanbindung seien Selbsthilfegruppen (auch Guttempler, Kreuzbund . . .) besonders geeignet.

Am Donnerstag, 19. Mai, werden einige Mitglieder der Kalkarer Gruppe ihre Anonymität aufgeben, wenn sie ab 15 Uhr im St.-Nikolaus-Hospital ihre Gäste begrüßen. Die Selbsthilfegruppe bietet ein "öffentliches Meeting" an, bei dem auch Chefarzt Gromann sowie ein Vertreter der Suchtberatung informieren.

Quelle: RP
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