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Kleve
Als Mataré der Natur die Kunst entriss

Kleve: Als Mataré der Natur die Kunst entriss
Wald (Finnland oder Estland). 1930/31 malte Mataré die Bäume auf hellem Grund. FOTO: Buch, Werkverzeichnis der Aquarelle
Kleve. Das Werkverzeichnis der Aquarelle von Ewald Mataré mit Texten von Guido de Werd, Roland Mönig und Valentina Vlasic sowie einem Vorwort von Kleves Museumsdirektor Harald Kunde ist jetzt als großer Foliant erschienen. Von Matthias Grass

Schräg stehen die Bäume am leichten Abhang, der sandweiß zum Wasser führt. Die Kronen sind windverweht gen Landesinnere, die Stämme wirken wie rhythmisch gereiht. Schräg scheint das Licht zwischen die Kiefern durch, die bergan immer dichter zu stehen scheinen. Der Rhythmus der Bäume, der geraden Stämme und der sich verwirbelnden Kronen machen das Bild lebendig. Trotz der auf dem stumpfen Papier des Katalogs eher gedeckten Farben scheint es zu leuchten. Man glaubt, die Nähe des Meers zu spüren. Wobei, so auch Zeichner Martin Lersch, das stumpfe Papier sehr schön an wirkliches Aquarell-Papier erinnere.

1930/31 schuf der Bildhauer Ewald Mataré eine ganze Reihe von Aquarellen während eines Aufenthaltes in Finnland und den baltischen Staaten. Irgendwo dort, in Finnland oder Estland stand oder steht dieser küstennahe Kiefernwald. Mataré benutzte Deckfarben für das 24 mal 35 Zentimeter große Blatt, das so direkt ins Ornament der Bäume guckt. Jenes Ornament, das Mataré immer als das Wesen seiner Kunst definiert hat, wie Kleves ehemaliger Museumsdirektor Guido de Werd im neuen Werkverzeichnis der Aquarelle des Künstlers schreibt. Das Werkverzeichnis ist jetzt zur Ausstellung im Museum Kurhaus anlässlich Matarés 50. Todestag erschienen.

Auch wenn die Aquarelle Matarés Grundsatz entsprechen, dass die "Abstraktion aus der Natur genommen sein muss, wenn sie Leben haben soll" (so der Künstler), auch wenn sie gerade in den Bildern der Kuh ebenso wie seine Holzschnitte und vor allem seine Skulpturen auf der Suche nach dem Wesen des Tiers sind: Mataré sah sie als eigenständige Gattung in seinem Gesamtwerk. "Wenn ich mit den Aquarellen noch einmal anzufangen hätte, würde ich sie unter einem anderen Namen herausgeben", schrieb er in den späten vierziger Jahren dem Sammler Herbert Ganter (so de Werd). Sie waren für ihn Beiwerk.

Beiwerk, das sehenswert ist, wie das Werkverzeichnis zeigt. Wunderbare Landschaften fast abstrakt und doch wie für die Ewigkeit geschaffen wie die Felsen von Positano vor dem Blau des Mittelmeers. Blätter zeigen auf den Strand gezogene Boote, Strandkörbe wie Muster auf dem Sand, grafisch sich gebende Dachlandschaften oder den Blick aus dem Fenster auf den Niederrhein. Dann wieder die Natur: die Bäume, Tiere, wie Bilder seiner Skulpturen, Landschaften. Mataré sah sich hier ganz in Dürers Tradition: "Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie", hatte der Nürnberger postuliert. Mataré entriss der Natur diese Stücke. Als Bildhauer, aber auch in seinen Aquarellen.

Die Aquarelle entstanden in Schüben, auf Reisen. Allein in Positano entstanden in rascher Folge über zwanzig Aquarelle, wie Dr. Roland Mönig, jetzt Direktor des Museums in Saarbrücken, schreibt. "Selten hat man vor Yves Klein ein derart sattes Blau gesehen wie in den Himmeln von Matarés Positano-Blättern", schreibt Mönig. Er zeigt auch, dass Matarés Aquarelle gar nicht so weit von der Plastik entfernt waren, die es die schroffe Aussage des Künstlers zum "Beiwerk" vermuten lässt: Die scheinbar mühelos hingestrichene, mit nur wenigen Pinselstrichen gemalte ,Liegende Kuh' ist so ornamental, so reduziert und klar, dass sie "ihren unter großen Anstrengungen aus Holz geschnitzten Artgenossen kaum nachsteht, was physische Kompaktheit und Präsenz betrifft", wie Mönig treffend die Krux des Bildhauers mit der Leichtigkeit der "Wasserfarbe" auf den Punkt bringt.

Den Abschluss des Bandes macht Valentina Vlasics Betrachtung der Künstlerpostkarten. Vlasic hatte auch die Redaktion des seit Jahren liegenden Verzeichnisses, das jetzt mit einem Vorwort von Prof. Harald Kunde vorliegt.

Quelle: RP
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