| 00.00 Uhr

Kranenburg
Am Galgensteeg in Gefangenschaft geraten

Kranenburg: Am Galgensteeg in Gefangenschaft geraten
In Schottheide mitsamt Granaten und Unterstand am 9. Februar 1945 zurückgelassenes deutsches 8,8-Geschütz. FOTO: K.D. Barge
Kranenburg. 8. Februar 1945 - erster Tag der Offensive "Veritable": Ein Mann folgt den Spuren seines Vaters im Kranenburger Grenzgebiet. Von Hans Rühl

Was Kriege den Menschen in den betroffenen Gebieten an Not und Elend aufbürden, das führen uns die Flüchtlingsströme aus dem nahen Orient, aus Asien und Afrika tagtäglich drastisch vor Augen. Dass die Bevölkerung im niederrheinischen Grenzgebiet einst ebenfalls den Bomben und Granaten ausgesetzt war und viele Familien in der Fremde Schutz suchen mussten, dazu wird der Kreis derer, die jene schlimme Zeit bewusst miterlebt haben, immer kleiner.

Das Bevrijdingsmuseum und die Airborne Vrienden in Groesbeek haben sich im zurückliegenden Jahr multimedial bemüht, das damalige Frontgeschehen wie das Schicksal vieler Leute beiderseits der Grenze durch Hörsteine und Schautafeln in die Gegenwart zu holen und vor der Vergessenheit zu bewahren. Dieses Gesamtmosaik besteht aus zigtausend unterschiedlichen Einzelsteinchen. Wenn daran nach sieben Jahrzehnten mehr gedacht wird als etwa nach fünfzig Jahren, ist das neben den in naher Zukunft fehlenden Zeitzeugen auch der Tatsache zuzuschreiben, dass vieles in Militärarchiven erst nach langer Zeit zur Einsicht freigegeben wird.

Auch Familien gehen den Spuren ihrer gefallenen Angehörigen nach und besuchen deren Gräber auf den vielen Soldatenfriedhöfen. Doch interessieren sich auch manche für die Orte, in die der Zweite Weltkrieg ihre zum Militär eingezogenen Verwandten verschlug, um sich von der Umgebung und deren Besonderheiten ein eigenes Bild zu machen. Weil der Kranenburger Ortsbereich Scheffenthum der letzte Einsatzort von Rolf Barge (1919 - 2002) war, kam unlängst sein Sohn Klaus-Dieter Barge (68) mit seiner Frau Edda aus der Nähe von Wolfenbüttel nach hier. Unterkunft fand er in der Neuenhofer Mühle, in der nach seiner Kenntnis der Vater damals als vorgeschobener Artillerie-Beobachter ebenfalls sein Quartier gehabt haben dürfte. Die Gäste aus Niedersachsen spazierten gedankenvoll den Galgensteeg hinauf zum Hövel.

Am Galgensteeg war der zum Artillerie-Regiment 184 gehörende Wachtmeister, der 1943 seine Hertha geheiratet hatte, am ersten Tag der gewaltigen Montgomery-Operation "Veritable" am 8. Februar 1945 den einrückenden Engländern in die Hände gefallen. Bis zum 25.7.1946 dauerte seine Gefangenschaft in mehreren belgischen Lagern. Sein Fluchtversuch endete nach 14 Tagen. Anfang April 1945 waren bei einem Bombenangriff auf seine thüringische Heimatstadt Nordhausen seine Eltern, zwei Schwestern und ein kleiner Neffe wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner ums Leben gekommen. Nach der Heimkehr fand er Arbeit im Bleicheröder Elektrizitätswerk, danach in der Zentrale der Energieversorgung in Erfurt. In dieser Landesmetropole arbeitete später auch sein Sohn als Diplom-Ingenieur. Seit seiner Pensionierung befasst sich dieser als Hobbyhistoriker vor allem mit Militärgeschichte, auch für das französische Atlantikwall-Forum" und für das deutsche "Forum der Wehrmacht". So stieß er auch auf die Karte vom Kampfverlauf um Kranenburg am ersten Angriffstag der Briten. Auf der zwischen Maas und Waal nur 11 km breiten Front drängten Engländer und Kanadier hier gleichsam durch ein von Reichswald und überfluteter Niederung gebildetes Nadelöhr in Richtung Kleve vor. Insgesamt benutzten die Eroberer vorwiegend höher gelegene, aber durch den strömenden Regen verschlammte Nebenwege - die Niederung stand unter Wasser. Mehr als 200 Gefangene gab es vor Nütterden, das vom Kartenausschnitt nicht mehr erfasst wird. Wie langsam und mühevoll das Unternehmen anlief, dokumentiert der erläuterte Kartenausschnitt. Er lässt ahnen, dass es hier noch heftigen deutschen Widerstand gegeben hat. Eine englische Zeitung erwähnt Häuserkämpfe in Schottheide und dessen Ortsbereich Königsheide. Alois Tissen, einer der ersten auf Schottheide von den Engländern angetroffenen Zivilisten in der schon im Herbst evakuierten Grenzgemeinde und nach dem Krieg Bürgermeister in Kranenburg, berichtet in Marlene Linkes Büchlein "Kriegsschauplatz Kreis Kleve", dass der Panzergraben für die Alliierten kein großes Hindernis war. Übrigens gab diese Publikation Barge den Anstoß dazu, das Kriegsgeschehen am unteren linken Niederrhein intensiv zu erkunden, auch an Hand von Berichten in der Grenzlandpost. Die mehrfarbige Karte - Eckpunkte: Richtersgut-Drüller Berg-Frasselt-Schwarzwasser - ein Unikat - ist beim Berichtenden nach Telefonat per E-Mail erhältlich.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kranenburg: Am Galgensteeg in Gefangenschaft geraten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.