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Kleve
Däumchen drehen ohne Hände

Kleve. Die Klever Stadthalle war restlos ausverkauft, im Foyer hofften noch Dutzende auf Einlass. Offenbar spricht der Kabarettist Rainer Schmidt, den Lebenshilfe und VHS nach Kleve eingeladen haben, ein riesiges Publikum an. In seinem Programm "Däumchen drehen - keine Hände, keine Langeweile" setzt sich der evangelische Theologe und Goldmedaillengewinner im paralympischen Tischtennis auf witzige und lebenskluge Weise mit dem Thema Inklusion auseinander. Von Verena Krauledat

Der 51-jährige Schmidt, der ohne Unterarme und mit einem verkürzten Bein geboren wurde, erzählte von seiner Kindheit im Oberbergischen, von seinen teils abenteuerlichen Erlebnissen in der Sonderschule, berichtete von komisch-peinlichen Situationen aus seinem Lebensalltag, mischte Klamauk und anzügliche Witze mit persönlichen, bewegenden Ansprachen.

Inklusion bedeute nicht nur, dass Nicht-Behinderte Rücksicht auf Behinderte nehmen müssten. "Auch ich als Behinderter bin verantwortlich - was kann ich tun, um meinen Mitmenschen ihre Verunsicherung im Umgang mit mir zu nehmen?" So fragte Schmidt etwa: "Wie gebe ich jemandem die Hand, der keine hat?", worauf er durch den Saal ging und mit einigen Zuschauern das Händeschütteln "übte".

Unsicheren Mitmenschen, die eigentlich helfen wollen, riet Rainer Schmidt dazu, diese Unsicherheit offen anzusprechen: "Herr Schmidt, kann ich Ihnen helfen, und wenn ja, wie?" Er rief sein Publikum auf, mutig zu sein und sich trotz der eigenen Verunsicherung anderen zu nähern - und zwar nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Menschen aus anderen Kulturen.

Mit entwaffnender Offenheit gab er Auskunft über zum Teil intime Details wie Toilettengang und Sexualität, was dem Abend bisweilen skurrile Züge verlieh - und immense Bewunderung für diesen Mann auslöste, der sich selbst und andere so hemmungslos aufs Korn nimmt: "Man kann so viel Spaß mit seiner Behinderung haben, wenn man sich nur traut!"

Schmidt zeigte, wie sinnlos es ist, Menschen in unterschiedliche Kategorien einzuteilen und zu sagen, Behinderte könnten Dinge nicht, zu denen "gesunde" Menschen in der Lage seien. (Bei seiner Frage etwa, wer außer ihm noch nicht Klavier spielen könne, meldete sich die Mehrheit des Publikums.) Sicher sei es manchmal schmerzlich, an seinen eigenen Grenzen zu scheitern, doch dieses Gefühl kenne jeder einzelne von uns. "Ich kann vieles nicht, was Sie können, aber Sie können auch vieles nicht, was ich kann. Wir sind alle hochbegabt und hochbegrenzt!"

Er stoße so oft auf vorgefertigte Bilder in den Köpfen anderer, dabei lohne sich bei der Begegnung mit jedem Menschen der zweite Blick. Er wünsche seinen Zuhörern Menschen, "die als erstes Ihnen begegnen und nicht irgendeinem Bild", sagt Schmidt.

Die andächtige Stille, die sich nach einem solchen Satz über den Saal legte, durchbrach Schmidt mit großem Vergnügen selbst: "Jetzt hätte ich beinahe ,Amen' gesagt!"

Quelle: RP
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