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Kranenburg/Ven-Zelderheide
Das Ende der Idylle

Kranenburg/Ven-Zelderheide: Das Ende der Idylle
Im Garten von Familie van Diepenbeek: Der schmale Windmessmast ist am Horizont zu sehen. 200-Meter-Anlagen dürften für eine bedrängende Wirkung sorgen. FOTO: van Offern, Markus (mvo)
Kranenburg/Ven-Zelderheide. Direkt hinter der Grenze bei Grunewald liegt das recht überschaubare Örtchen Ven-Zelderheide. Das intakte Dorfleben und die Ruhe am Rande des Reichswaldes macht es für die 825 Einwohner hier so lebenswert. Doch deutet sich an, dass die glücklichen Zeiten bald Vergangenheit sind. Von Peter Janssen (Text) und Markus van Offern (Bilder)

Arno van Diepenbeek (52) hat eine Firma, ein Auto mit einem 5,7-Liter-Motor und ein Haus, von dem aus er über Felder hinweg einen wunderschönen Blick auf den Reichswald hat. Er wohnt mit Frau Mariska (43) und Sohn Leonard (12) direkt hinter der Grenze in dem Ort Ven-Zelderheide. Vor einigen Jahren hatte der Unternehmer das Haus gekauft. Sein Eigenheim ist eins von der Stange, rot-braun verklinkert - ein Gebäude, an dem man vorbeifährt. Van Diepenbeek hatte dennoch einen stolzen Preis dafür bezahlt. Es ist die Lage, die die Summe rechtfertigt. Seitdem der Niederländer das Wohnhaus gekauft hat, will er es umbauen. Doch schiebt er seit Jahren die Renovierungen vor sich her. Grund dafür ist der geplante Bau des Windparks im Reichswald. Die Familie van Diepenbeek hätte danach beste Sicht auf die 200 Meter hohen Anlagen. "Wir wollen nicht auf Türme schauen, an denen sich rote Lampen drehen", sagt der 52-Jährige. Die Lebensqualität wäre dahin und seine letzte Option lautet dann: einpacken und wegziehen.

825 Einwohner hat die niederländische Grenzgemeinde Ven-Zelderheide. Einige Bewohner sind, nachdem das Vorhaben der Gemeinde Kranenburg bekannt wurde, schon einen Schritt weiter als van Diepenbeek. Bei der Fahrt durch den Ortskern grinst einen mehrmals ein Mann mit Oberlippenbart und nach hinten gegelten Haaren an. Das Portrait ist auf Schildern abgebildet, die in Vorgärten stehen. Der Name des Mannes ist "Rob Disbergen" und sein Beruf ist Makler. Selbst wenn Rob ein besonders guter Verkäufer ist, dürfte er es schwer haben, neue Besitzer für die Eigenheime zu finden. "Die Häuser sind nicht zu verkaufen", sagt Marc Nabuurs (51). Nabuurs ist der Vorsitzende des Dorfrats von Ven-Zelderheide. In dem Ort hat eine Landflucht eingesetzt. Die Menschen versuchen wegzuziehen. Ellie Roelofs (51), die hier aufwuchs, hat bereits resigniert. "Der Ort zerfällt durch den geplanten Windparkbau", sagt sie. Die soziale Struktur verändere sich. "Familien orientieren sich um, alte Leute, die weniger mobil sind, bleiben", beschreibt die 51-Jährige die Situation.

In der Mitte des Dorfes steht die katholische Kirche St. Antonius Abt, daneben die Grundschule "De Vonder". Es ist 17 Uhr, die Lehrerin kommt aus dem Gebäude und schließt die Eingangstüre ab. 80 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren werden hier unterrichtet. 15 von ihnen sind in Deutschland zu Hause. "Weniger dürfen es nicht werden, sonst wird die Schule geschlossen. Der Druck ist jedes Jahr da, und er wird größer", erklärt Nabuurs die schwierige Situation. Die Kinderkrippe sei bereits dicht.

Die "Te koop"-Schilder gehören zum Bild der Grenzortes. Läuft man die Hauptstraße entlang, findet man vier Häuser, die zum Kauf angeboten werden. FOTO: van Offern, Markus (mvo)

Die Zahl der Dorfbewohner, die sich der deutsch-niederländischen Initiative "Gegenwind im Reichswald" anschließt, steigt. In einem kostenlosen Blättchen, das immer samstags verteilt wird, machen sie mobil gegen das Vorhaben. "Ich kann es nicht verstehen, dass man den Wald opfern will. Es gibt andere Standorte, die besser geeignet sind", sagt Rentner Franz Kerkhoff (69). Er war dabei, als die Bürgerinitiative einen Windpark im Soonwald besichtigte. Eine Vorrangzone im Forst, für die flächendeckend Bäume umgehauen werden mussten. "Als ich dort aus dem Bus stieg, habe ich nach dem Hubschrauber über mir gesucht. Da war aber keiner. Den Krach machten die Rotoren", sagt Kerkhoff. Der Lärm bereitet den Niederländern ebenfalls Sorgen. Es ist der Gedanke an das Surren, das sie den ganzen Tag über begleiten wird. Der Projektentwickler der Anlagen, die Firma Abo Wind, lässt kein Treffen aus, um darauf hinzuweisen, dass alle Schallschutzrichtlinien auch für das niederländische Gebiet eingehalten werden. Die Bürger von Ven-Zelderheide beruhigt das nicht.

Die Menschen jenseits der Grenze ärgert es, dass die "Kraftwerk-Kolosse" in Deutschland geplant werden und sie in erster Linie davon betroffen sind. Marc Nabuurs würde sofort gegen das Projekt klagen, aber er könne dies als Niederländer nicht, so der Leiter des Dorfrats. Seit Jahren würde man freundschaftlich miteinander leben, so der Ortsvorsteher. Er ist enttäuscht und klagt: "So etwas macht man nicht in der Nachbarschaft."

Quelle: RP
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