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Kranenburg-Mehr
Das letzte Königspaar von Mehr

Kranenburg-Mehr. Die Anzeichen, dass die Blütezeit der historischen Schützenvereine Geschichte ist, mehren sich. Ein Beispiel ist der Schützenverein Mehr. Dort wurde der letzte König vor zwei Jahren proklamiert. Von Peter Janssen

Wenn der Blick in die Historie mehr Freude bereitet, als die Gegenwart besitzt, dann ist häufig nur noch wenig zu retten. Obwohl Gedanken an Vergangenes häufig verklärte sind. Doch zeigt eine lange anhaltende Entwicklung, wie es um etwas bestellt ist. So ist eine jahrhunderte alte Tradition auf dem besten Weg, immer weiter an Bedeutung zu verlieren.

Bei den historischen Schützen konnte das schleichende Siechtum lange übertüncht werden. Aktuell treten die Probleme der Vereine an allen Ecken deutlich hervor. Königreiche sind etliche im Angebot. Allein es fehlt an Herrschern.

Der Schützenverein in dem Kranenburger Ortsteil Mehr ist seit zwei Jahren auf der Suche nach einem König. Nach dem Aufruf "Reflektanten vortreten" bewegte sich niemand. Zwar schossen einige Schützen auf den Vogel, aber ohne diesen ernsthaft zu gefährden. Es waren Schüsse in den Ofen.

2014 wurde mit Johannes Elbers und seiner Lebensgefährtin Sylvia Albers das letzte Königspaar proklamiert. Seitdem liegt das Silber im Schrank. Einen Krönungsball gibt es nicht mehr. In Mehr hilft man sich, dort heißt er jetzt Schützenball.

Friedhelm Kahm war sechs Jahre Präsident des Vereins. Er hat im Vorfeld des Königsschießens dafür gesorgt, einen Mann aus der Schützenfamilie zu finden, der auf den Thron will. "Es wurde immer schwieriger", sagt Kahm. Ohne Zugezogene ist es nahezu unmöglich. Geld ist nach Ansicht von Kahm nicht der Grund dafür, dass sich niemand mehr um das Amt bewirbt. So gibt es in Mehr 900 Euro Throngeld.

Hans Spandaw (49) ist seit Anfang des Jahres neuer Präsident der Schützenfamilie. Der Niederländer wohnt seit fünf Jahren in der Ortschaft. "Die Probleme sind erkannt. Allein an den Lösungen fehlt es", sagt er. 300 Mitglieder hat der Verein. Doch besitze man diese nur auf dem Papier. 200 Leute sehe man nie, 100 manchmal und zum Königsschießen kämen 20, so Spandaw. Für ihn hat der Kampf um die Königswürde ohnehin nichts mit einem Kampf zu tun. Es ist so wie ein Krimi, bei dem man die Leiche vorher kennt. "Das ist kein Duell. Es gibt meistens nur einen Kandidaten", sagt er. Spandaw ist dabei, Kontakte zu umliegenden Schützenvereinen zu knüpfen, die ähnliche Probleme haben.

Auch die Allgemeine Schützenbruderschaft (ASG) Nütterden ist reich an Tradition und gelegentlich arm an Bewerbern. Die Galerie mit den Bildern der Könige im Schützenhaus zeugt von der ruhmreichen Vergangenheit. An zwei Stellen fehlen jedoch Bilder. 2011, nach dem ersten Jahr ohne neuen Würdenträger, sagte ASG-Sprecher Andreas Bouten, dass es auch für die ASG nicht einfach sei, stets einen neuen König zu finden. Doch sind Nütterden und Mehr keine Einzelfälle, wie ein Blick durch die Ortschaften am Niederrhein zeigt.

Trotz der Zuschüsse durch den Verein spielt das Geld dennoch eine Rolle. Die Entscheidung, lieber zweimal in den Urlaub zu fahren, als einmal an exponierter Stelle durchs Dorf zu ziehen, werde häufig zugunsten der Erholungsfahrt getroffen. Auch sind es die Termine, die abschrecken. Krönungsbälle anderer Vereine besuchen, Feste bei Bruderschaften, runde Geburtstage von Mitgliedern - vor allem für den dringend benötigten Nachwuchs Auftritte mit überschaubaren Höhepunkten.

Die Schwierigkeit, Würdenträger zu finden, ist im Verband erkannt worden. Tobias Herbst, Pressereferent des Landesbezirks Niederrhein beim Bund der historischen Schützenbruderschaften, sagt: "Damit beschäftigen wir uns schon länger. Es ist traurig, aber schwierig, da etwas zu ändern." Lösungen hat auch der Sprecher keine. Wie auch?

Das Problem immer älter werdender Vereine trifft die Dörfer besonders. Die demografische Keule schlägt auf dem Land besonders hart zu. Lebenspläne haben sich geändert. Jahrzehnte verliefen diese in einer Endlosschleife: Es wurde in der Nähe der Eltern gebaut, um dort die Kinder großzuziehen, die dann wieder eine Straße weiter heimisch wurden. Zwischen Schützen- und Erntedankfest zogen die Jahre ins Land.

Doch gibt es noch Lichtblicke. Vereine, bei denen die Suche für das Amt des Repräsentanten keine zähe Veranstaltung ist. Der Bürgerschützenverein 1925 Schottheide ist so einer. Hier stehen die Reflektanten zwar auch nicht Schlange, doch hat das Vogelschießen noch etwas von einem Wettkampf.

In Mehr wäre man zufrieden, wenn sich überhaupt ein Schießbruder finden würde, der den Vogel herunterholt. Es deutet einiges darauf hin, dass die Schützenvereine an ihrem Schicksal nur schwer etwas ändern können. Der Ausverkauf von Traditionen hat begonnen. Der Franzose Jean Jaurès sagte zu dem Thema: "Traditionen am Leben zu erhalten, das ist nicht die Asche aufbewahren, sondern die Glut am Glühen zu halten." Nur wie, wenn sich immer weniger engagieren.

Quelle: RP
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