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Bedburg-Hau
Das Schutzengelhaus

Bedburg-Hau: Das Schutzengelhaus
RP-Foto: Gottfried Evers FOTO: Evers Gottfried
Bedburg-Hau. Das Theater mini-art befasst sich in seinem neuen Stück mit der Kindereuthanasie während des Dritten Reiches: eine Spurensuche aus Dokumenten und Fiktion. Von Matthias Grass

Sie sind alle tot, heißt es. Alle, die in diesem Haus waren. Tot, wie das Haus heute. Tot, wie die Wand, die die Bühne nach hinten abtrennt. Die Tapete auf der Wand in dem Gebäude, das schon lange kein Leben mehr gesehen hat, ist verschrumpelt. Das Ensemble des einst stolzen Klosters zerfällt vor sich hin, gleich neben der Autobahnabfahrt "Hostert" hinter Mönchengladbach-Nord. Graue Gebäude mit hohen Fensterreihen, die einst "den Tod verkündeten", so Crischa Ohler von mini-art. Den Tod, den die Menschen nicht sehen wollten, die ihr höchstes Gut, ihr Kind hier abgaben, weil es in der Ideologie als nicht lebenswert galt.

Das neue Stück des Bedburg-Hauer Kinder- und Jugendtheaters widmet sich einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: der Kindereuthanasie. Es erzählt die Geschichte eines Gebäudes, das zynisch "das Schutzengelhaus" heißt, und in dem man Kinder sterben lässt. "Das Schutzengelhaus" ist auch der Titel des Stückes. An ein solches Haus klammert sich Sjef van der Linden in den Szenen immer wieder. Ein altes, schönes, liebevolles Holzhaus hält er da auf dem Schoß.

Das schöne hölzerne Puppenhaus steht im krassen Widerspruch zur brutalen Geschichte, ebenso wie die liebevollen Details und Requisiten, die Sjef van der Linden und Crischa Ohler von mini-art in die tieftraurige Kulisse gesetzt haben, wie das Spiel der beiden. Sie brechen in der Eingangsszene plötzlich durch die verlassene Wand in das verlassene Gebäude. Zuvor flimmerten dort Bilder aus dem swingenden, tanzenden Berlin über die weiß-schrumpelige Wand.

Ohler schiebt ein Segment der Wand auf, tritt als Mutter in die Szene, die ihren Sohn bewegen will, ebenfalls hineinzukommen. "Ich will nicht", ruft der. Denn er riecht die Vergangenheit: Jene Mischung aus "Kotze und Kacke und Pisse", wie bedrückt vor sich hinmurmelt. Es ist jener Geruch des Todes der hier umgekommenen Kinder, die als Behinderte im Dritten Reich als unwertes Leben galten. Kinder, die von ihren Eltern hier abgeben wurden: Karl-Heinz und Fritz und Margarete und Heinrich und Elske und Horst und Anneliese.

"Das Schutzengelhaus" ist nach "Ännes letzte Reise" wieder ein Stück, das ein bisschen Licht in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus bringt, das Licht auf Dinge wirft, die viele heute eigentlich nicht sehen wollen, die viele nicht wissen, endlich vergessen wollen. Dinge, an die man sich aber erinnern muss.

Regisseur Rinus Knobel hat "Das Schutzengelhaus" als Collage angelegt, es gibt Videoeinspielungen, Schrift erscheint auf den Wänden, wie jene Sätze, in denen Hitler über das unwerte Leben fabuliert. Ohler und van der Linden nennen es "Spurensuche aus Dokumenten und Fiktion". Die Spielszenen, die Puppen und die Videos, die Stimmen wachsen dann zu einem Ganzen zusammen. Ein bedrückendes wie sehenswertes Ganzes.

Mit Änne waren die mehrfach ausgezeichneten Theatermacher aus Bedburg-Hau auf der Spur in die Vergangenheit, thematisierten die Deportation und Ermordung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen. Jetzt folgt mit der Kinder-Euthanasie ein verdrängtes Thema, das am Beispiel der "Kinderfachabteilung Waldniel-Hostert" aufgezeigt wird. Noch arbeiten sie an dem Stück, das unter anderem vom NRW-Familienministerium, von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft in Berlin und der Gemeinde Bedburg-Hau gefördert wird. "In den etwa 30 Kinderfachabteilungen - welch zynisches Wort - wurden in den Jahren 1941 bis 1943 mindestens 3000 körperlich und geistig behinderte Kinder oder sozial auffällige Jugendliche beobachtet, selektiert und als unwertes Leben durch Medikamente und Vernachlässigung gezielt ums Leben gebracht", sagt Ohler. Im Stück sagt sie: "Sie sind alle tot".

"Das Schutzengelhaus": Premieren Samstag, 1. Oktober, 18 Uhr und Sonntag, 2. Oktober, 16 Uhr. Info: info@mini-art.de Tel.: 0 28 21 81 1570.

Quelle: RP
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