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Rp-Serie 50 Jahre Kinder- Und Jugendpsychiatrie Der Lvr-Klinik (7)
Dem Leben mit einem Lächeln begegnen

Kleve. Model- und Promi-Vorbilder, die oft unerreichbaren Schönheitsideale und der ständige Wille, es allen recht machen zu müssen, verdrängt bei vielen Mädchen die eigene Identität. Es folgt eine unerträgliche innere Leere. "Smile" soll helfen. Von Matthias Grass

Kreis Kleve Es gibt sie, die Hilferufe, wenn die innere Leere unerträglich wird: häufiges Weinen, schlimmer noch, das Ritzen, bei dem man sich Schnitte in die Haut zufügt. Um den inneren Schmerz raus lassen zu können, um sich überhaupt wahrzunehmen. Aber auch der totale Rückzug aus der Welt ist ein Anzeichen, wenn Jugendliche mit dem Druck nicht mehr fertig werden. Und nicht zuletzt: der Griff zur Droge. Meistens überdeckt eine Maske die Leere drinnen vor den anderen. Vor den Freunden, den Eltern, den Lehrern.

"Die Mädels haben unterschiedliche Probleme und Päckchen, die sie tragen, wenn sie zu uns kommen", sagt Josefine Lux. Sie ist Teil des Therapeutenteams, das die jungen Frauen, die "Mädels", wie Lux sie liebevoll nennt, auf dem Weg in ein normales Leben begleiten soll. Das sie wieder aus ihrer Leere herausholen und ihnen das Lachen wieder geben möchte. "Smile" heißt das ambulante Gruppentraining für zwölf bis 18-jährige Mädchen und junge Frauen an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik.

Es sind vor allem die Mädchen, für die es immer schwieriger wird, ihrem Leben mit einem Lächeln zu begegnen: Die tägliche Auseinandersetzung mit Model- und Promi-Vorbildern, den oft unerreichbaren Schönheitsidealen und dem ständigen Willen, es allen recht machen zu müssen, gewinnen die Oberhand. Eigene Gefühle und Emotionen werden unterdrückt, die so wichtigen inneren Prozesse in diesem pubertären Alter verdrängt. Das eigene Ich verliert seinen Wert. "Die Mädels machen dicht, bauen eine Mauer um sich herum: Gefühle werden nicht mehr gezeigt, sie ziehen sich von ihren Freunden zurück, werden traurig und starr in ihrem Erleben", listet Lux auf. "Dann kommen die Mädels nicht mehr weiter in ihrem Leben, empfinden keine eigene Identität mehr, nur noch die große Leere", erklärt sie. Während sich Mädchen zurückziehen, werden Jungs eher provokativ, aggressiv, erklärt die Therapeutin.

Neben Einzelgesprächen, ambulanter oder stationärer Behandlung steht das Gruppenangebot von "Smile", das den Mädels helfen soll, die Leere wieder mit richtigem Leben zu füllen. Lernen, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und zu genießen. ",Was ist Frau-sein?' - ,Wer bin ich?' - ,Was brauche ich?', sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen werden", erklärt Lux. Es wird nach den inneren Bildern gespürt, die die Teilnehmerinnen von sich selber haben, die sie verstecken und die sie ihrer Umwelt vermitteln. Und wie sich diese Bilder mit der Realität verhalten, wo es Schnittmengen gibt. "Wir werden einen Wohlfühlort suchen, ihn nachbauen, um den Mädchen aus ihrem ,Ich-kann-nix-mich-hat-keiner-lieb' herauszuholen", erklärt die Therapeutin.

In ihrem Raum im Haus 55 der LVR-Klinik in Bedburg-Hau liegt ein großer, tiefblauer Teppich. Darauf Spruch-Postkarten, Spielutensilien. Auf einer Karte sind "sollte", "könnte", "würde" mit einem roten Stift durchgestrichen und in fetten roten Buchstaben "machen" daruntergeschrieben. Zu Beginn jeder Gruppenstunde setzen sich die Mädels um diesen Teppich herum. Jede darf sich eines der Spielutensilien oder eine Karte heraussuchen, die zu ihr passt, mit deren Hilfe sie etwas zu sich selbst sagen können. Jenseits von Erwartungen und Leistungsdruck können sie an ihrem Selbst und ihrer Wertschätzung arbeiten. Denn die Maske muss fallen.

"Manche brauchen lange, ehe sie ein Teil von dem Teppich nehmen - aber am Ende nehmen alle etwas. Dabei helfen sich die Mädels auch gegenseitig", sagt Lux. Sie gebe den Anstoß. Über das anschließende kreative Gestalten mit verschiedenen Materialien (Pastellkreiden, Farben, Leinwänden, Ton, Gips), den körperbezogenen Übungen (spielerische Einzel- und Partnerübungen) und dem gegenseitigen Austausch können die Mädchen ihre inneren Prozesse erleben und ausleben lernen, erklärt Lux. Vor allem aber gelte es, die "Ich-Funktion" der Mädels zu stärken. "Sie sollen erkennen, dass Dinge, die sie machen, einen Wert haben. Dass es positiv ist und sie sich freuen dürfen, wenn sie bei einem Fußballturnier ein Tor schießen", sagt Lux. In der Gruppe lernen die Mädchen, ihre Möglichkeiten zu erkennen und auch einzusetzen. Lernen, eigene Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen. Das steigert das Selbstwertgefühl und führt zu einem selbstsicheren Selbstbild. Grundvoraussetzung für die Gruppe sind Eigenmotivation und der Wunsch zur Veränderung.

Bei der "Smile"-Gruppe können maximal zwölf Mädchen teilnehmen, die zwölf Einheiten mit 90 Minuten Dauer machen. Bezahlt wird es von der Krankenkasse, die Mädchen werden von der Ambulanz oder von ihrem Arzt für dieses Training empfohlen.

Quelle: RP
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