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Kleve
Den Opfern ein Gesicht geben

Kleve. Sie wurden mit der Reichsbahn abtransportiert, in die Mordanstalt Grafeneck (Baden-Württemberg) gebracht, dort mit Kohlenmonoxid getötet: Menschen aus Bedburg-Hau mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung. Von Julia Lörcks

Mehr als 2800 Opfer der "NS-Euthanasie" zählt die heutige LVR-Klinik, die damals noch Rheinische Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau hieß. Ein Verbrechen, das nach dem Sitz der Planungsbehörde an der Tiergartenstraße 4 in Berlin bezeichnet wurde – kurz "Aktion T4". Gestern, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (Holocaust-Gedenktag), gab man ihnen ein Gesicht – und zwar auf unterschiedlichste Art und Weise.Traditionell wurden in Bedburg-Hau und Kalkar auch Kränze niedergelegt.

Namen statt Zahlen

"Wenn man die Zahlen sieht, so schrecklich und viele, dann geht das Schicksal der Einzelnen verloren", sagte Dr. Marie Brill. Um die Individuen in den Mittelpunkt zu stellen, lud die Ärztliche Direktorin der Bedburg-Hauer LVR-Klinik gestern Nachmittag zu einer Gedenkveranstaltung im hauseigenen Psychiatriemuseum, Nördlicher Rundweg 8, ein – wohlwissend, dass sie damit nur mit einem Teil der Vergangenheit anspricht. "Wir erinnern uns an die Opfer aus Bedburg-Hau. Ob es hier auch Täter gab, dafür gibt es bislang keine Beweise."

An die Verstorbenen gedacht wurde unter anderem mit der gestern eröffneten Wanderausstellung "Grafeneck". Die Schau informiert mit 15 übersichtlich gestalteten Tafeln über die Ermordung von mehr als 10 600 kranken und behinderten Menschen in Grafeneck im Jahr 1940. "Mehr als 450 Menschen kamen dabei aus Bedburg-Hau", sagte Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck.

Ein Leben davor

Gemahnt wurde ebenfalls mit dem Gedenkbuch der LVR-Klinik, in dem 621 Namen aus Bedburg-Hau notiert sind. "Das Gedenkbuch soll auch den Nachfahren auf der Suche nach der Geschichte ihrer Vorfahren helfen", berichtete Franziska Poppe, die seit Januar 2006 mit der Recherche beauftragt war.

So wie Sigrid Falkenstein. Die Nichte von Aenne Lehnkering, die 1936 in die hiesige Psychiatrie eingeliefert worden war, rekonstruierte mit Hilfe der Düsseldorfer Künstlerin und Historikerin Ulrike Oeter die Geschichte ihrer Tante. Die Installation, die 2006 erstmalig im Kunstlabor Artoll gezeigt wurde, steht jetzt als Dauerleihgabe im Psychatriemuseum in Bedburg-Hau. Lehnkering ist dort auf einem kolorierten Foto zu sehen, 17 Jahre alt, fröhlich. Oeter: "Sie lacht, denn es gab ein Leben davor."

Quelle: RP
 
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