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Kalkar
Der Sieg der Sonne

Kalkar: Der Sieg der Sonne
Der Kühlturm des ehemaligen Schnellen Brüters: 45 Meter hoch und nie gebraucht. Doch sorgt die Sonne für Erleuchtung. FOTO: Adam Welber.
Kalkar. Der Schnelle Brüter starb langsam. 1973 wurde mit dem Bau begonnen. Vor 25 Jahren - am 21. März 1991 - kam das Aus für den "Reaktor der Zukunft". Er sollte die Lösung für das Energieproblem der Republik sein. Der Koloss von Kalkar wurde zum Millionengrab. Ein Haufen Schrott, der sieben Milliarden Mark kostete. Von Peter Janssen

Die Zeichnungen an der Scheunenwand von Bauer Arntz im Kalkarer Ortsteil Hönnepel sind verblasst. Das Motto "Wir wollen leben" und die Anti-Atom-Sonne sind noch schwach zu erkennen. Es sind letzte Erinnerungen an einen Kampf, der hier in den 70er und 80er Jahren tobte. Zu der Zeit hatte der Aufstand gegen die Atomkraft seinen Höhepunkt erreicht. Die Protest-Bewegung bestand aus einer Mischung von Landschaftsschützern, linken Aktivisten, Anarchos, Christen, kommunistischen Kadern, garniert mit ein paar Gauklern. Die Springerpresse schrieb 1977 über die Atomgegner: "Der harte Kern besteht aus reinen Terroristen, ja sogar aus Verbrechern".

Ein Ziel der deutschlandweiten Protestbewegung war, die Inbetriebnahme des Schnell-Brut-Reaktors SNR 300 in Kalkar zu verhindern. Das Vorhaben wurde erreicht, Energiekonzerne und Politik kapitulierten. Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU) musste vor 25 Jahren, am 21. März 1991, das Ende des deutschen Vorzeigeprojekts bekanntgeben. Verantwortlich für das Aus war die SPD geführte NRW-Landesregierung. Sie stoppte die weitere Vergabe der Teilerrichtungsgenehmigungen. Als "Höllenfeuer von Kalkar" bezeichnete der damalige SPD-Fraktionschef Friedhelm Farthmann den natriumgekühlten Brutreaktor. Nach 23 Jahren und Milliarden Mark versenkter Steuergelder hatte sich die SPD-Landespartei gegen die als "Energiegewinnung der Zukunft" beschriebene Technik entschieden.

Brüterdemonstration: 8000 Beamte wurden aus fünf Bundesländern zusammengezogen, um die "gewalttätigen Elemente" auszusortieren. 50.000 AKW-Gegner waren nach Kalkar gekommen. FOTO: Gottfried Evers

Auf dem Parkplatz vor dem Brutreaktor feierten an diesem 21. März 1991 die Anti-AKW-Aktivisten ihren Erfolg über die Atomkraftpolitik. Die Musikgruppe "Laut und Lästig" spielte auf. Es wurde getanzt und vor allem getrunken. Auf die Stimmung im Inneren des Brüters hatte die Siegesfeier vor dem Metallzaun kaum einen Einfluss. Hier hatte man schon Jahre vorher resigniert. Den "schnellen Brüdern", wie man die Brüter-Beschäftigten auch nannte, war schon länger klar, wohin die Reise geht. Allein der Zeitpunkt des Begräbnisses stand nicht fest.

"Der Schock hielt sich in Grenzen. Wir haben die Entscheidung registriert", sagt Jürgen Huismann (69), der in Schneppenbaum wohnt. Huismann war als Abteilungsleiter Elektro- und Leittechnik bis zum Ende in dem Kraftwerk beschäftigt. Die zuletzt noch etwa 200 Atomarbeiter, in der Aufbauphase waren es 3300, hatten sich damit abgefunden, dass der Reaktor nie "kritisch" geschaltet wird. 1985 waren die Arbeiten abgeschlossen. Lediglich die zwei letzten Genehmigungen zur Einlagerung der Brennelemente, die zur Mitnahme in Hanau bereitlagen, sowie die Inbetriebnahme standen noch aus. Sechs Jahre fuhren Huismann und Kollegen täglich zur Arbeit, um dort darauf zu warten. Der Techniker ist auch heute noch von der Energiegewinnung durch das Spalten von Atomen überzeugt. Die Entscheidung der Bundesregierung, nach dem GAU in Fukushima aus der Atomkraft auszusteigen, bezeichnet der 69-Jährige als "blanken Unsinn und kollektives Versagen". "Die deutschen Reaktoren waren immer die besten. Man kann sie nicht mit japanischen oder russischen vergleichen. Heute setzen wir auf Kohlekraftwerke, das sind die größten Drecksschleudern", sagt Huismann, der 30 Jahre in der Kernkraftsparte arbeitete. Die im Kraftwerk Beschäftigten bedauerten zwar den Untergang des technischen Heilsbringers, doch konnten sie dies relativ gelassen tun. Die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) hatten angekündigt, dass alle Brüterpioniere aus Kalkar einen neuen, adäquaten Job bekommen. Huismann arbeitete noch in den Atomkraftwerken Grundremmingen und Biblis.

Der Kranenburger Diplom-Ingenieur Hans Kocks (67) gehörte ebenfalls zu den Männern, die im Kernkraftwerk die Lichter ausmachten. Er blickt mit einem Hauch Wehmut auf die Jahre zurück. "Ich habe viel Arbeit investiert, um dann zu sehen, wie eine Schrottzange alles zerlegt", sagt Kocks. Der Ingenieur war und ist von der Technologie ebenfalls überzeugt und erklärt: "Der Brüter wäre der Porsche unter den Kraftwerken gewesen." Auch er legt Wert auf die Feststellung, dass der Reaktor sicher war. "Wenn ich mir heute die alten Gurken in Belgien ansehe, die müssen dicht gemacht werden", sagt der 67-Jährige. Für Hans Kocks war die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl der entscheidende Wendepunkt - ebenso wie für die Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Kernschmelze in Japan beseitigte nahezu alle Zweifel, wer das Duell gewinnen wird. Zu keinem Zeitpunkt war die Inbetriebnahme des SNR 300 unwahrscheinlicher als 1986.

Der Klever Bruno Schmitz (heute 69 Jahre alt) stand auf der anderen Seite. Er bekämpfte die Brutmaschine mit allen Mitteln und war maßgeblich an dem schleichenden Untergang des Kraftwerks beteiligt. Trotzdem hielt sich seine Freude über den plötzlichen Stimmungsumschwung in Grenzen. "Es mussten Menschen sterben, damit man hier merkt, dass dies die Wissenschaft des Todes ist." Der Klever engagierte sich von Beginn an in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Beim ersten Spatenstich für das Vorzeigeprojekt der Atomindustrie rüttelte er bereits am Zaun.

Schmitz, 15 Jahre Lehrer, später Kabarettist und heute auch Kulturmanager, hatte in den 70er Jahren die erste Kommune am Niederrhein in Kleve gegründet. Die Bewohner des Hauses, in dem etliche Aktionen gegen das "Teufelswerk" vorbereitet wurden, entwickelten schnell Sympathie für das neugewonnene, handfeste Feindbild Atomindustrie. Bestätigt wurden sie durch gelegentliche Razzien in der Wohngemeinschaft. Schmitz erinnert sich: "Da stand auch schon mal ein SEK-Trupp bei uns im Hausflur."

Der Klever war eng befreundet mit der Symbolfigur des Widerstands. Diese wurde lediglich Bauer Maas genannt. Sein Vorname war Josef. Am 24. April 1973 wurde einige hundert Meter von seiner Scheune entfernt mit dem Bau des Schnellen Brüters begonnen. Maas war konservativ, gläubiger Katholik, er setzte sich für den Erhalt der Schöpfung und gegen Atomkraft ein.

Als Vorsitzender des Kirchenvorstands musste er mit darüber entscheiden, ob Kirchenland an die Kraftwerk-Union (KWU) verkauft wird. Die brauchte den Grund dringend, sonst war das gesamte Projekt gefährdet. Die Katholiken waren gegen den Brüter und wollten nicht verkaufen, obwohl eine große Summe geboten wurde. Daraufhin meldete sich der Bischof aus Münster in Hönnepel und sorgte für eine Neuwahl des Kirchenvorstands. Der segnete dann den Verkauf ab. Die Konzerne hatten versprochen, bei einem Verkauf des Landes auch die Kirchen im Stadtgebiet zu renovieren. Bauer Maas versuchte mit regelmäßigen Klagen den Brüterbau zu stoppen.

1984 gab er schließlich hoch verschuldet auf. Er verkaufte Haus und Hof für mehr als drei Millionen Mark an die Siemenstochter Kraftwerk Union (KWU) zog nach Blomberg in Ostwestfalen und seine Klagen zurück. Die Entscheidung, das Kernkraftwerk nie ans Netz gehen zu lassen, erlebte Maas in seiner neuen Heimat. 2008 starb er dort.

Bruno Schmitz gründete die "Bürgerinitiative Stop Kalkar", die das Datum für die größte Brüter-Demo festlegte. Der Alternative nahm sich seinen roten Lehrerkalender und suchte nach einem passenden Termin. Probleme bereiteten ihm die verschiedenen Ferienzeiten der Bundesländer. Doch er löste die Aufgabe: Am 24. September 1977 kamen 50.000 Aktivisten nach Kalkar. Es war ein Samstag, als der "Sturm auf den Brüter" und die Besetzung des Bauplatzes als Ziel ausgerufen wurde. Es kamen etliche Demonstranten, die es nicht bei Gitarren-Protest und engagierten Wortbeiträgen belassen wollten. "Nur mit Schilder hochhalten erreicht man nichts", sagt Schmitz.

Auch der Kalkarer Grüne Willibald Kunisch (74) hat keinen unerheblichen Beitrag dazu geleistet, dass das Kraftwerk mittlerweile ein Freizeitpark ist. Es sei der Erfolg der Bewegung, dass der Schnelle Brüter nie ans Netz ging und der Atomausstieg beschlossene Sache ist, so Kunisch. Genugtuung empfindet er jedoch nicht. "Ich frage mich nur manchmal, warum es nicht schneller ging und ärgere mich über die enormen Fehlinvestitionen."

Der Brüter zählt zu den teuersten Industrieruinen Deutschlands. Aus der Allzweckwaffe für die Lösung aller Energieprobleme ist ein Hotel- und Vergnügungspark geworden. Jetzt kann man in dem ehemals sieben Milliarden Mark teuren Projekt so viel Pommes und Eis essen wie man will.

Bruno Schmitz, Willibald Kunisch und Zehntausende AKW-Gegner sorgten dafür, dass der als Wunderkind angekündigte Reaktor nie in Betrieb ging. Sie hielten die Risiken dieser Technologie für unkalkulierbar.

Der erfolgreiche Kampf liegt Jahrzehnte zurück und gerät in Vergessenheit. Die Sonne an der Scheune in Hönnepel ist verblichen. Doch die am Himmel ging nach dem Ende der Kernkraft erst richtig auf. Sie hat gewonnen.

Quelle: RP
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