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Ralf W. Barkey
Die Leistung selbst in die Hand nehmen

Kleve. RP-Serie Genossenschaften (Ende): Der Vorstandsvorsitzende des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes (RWGV), Ralf W. Barkey, über die Zukunft des Prinzips der Genossen im Sinne Raiffeisens.

Die Genossenschaftsidee ist immaterielles Kulturerbe der UNESCO, muss sie geschützt werden?

Ralf W. Barkey Die Genossenschaftsidee ist aktueller, moderner und lebendiger denn je. Wie lebendig wurde zuletzt Anfang Dezember 2016 auf der GenoGenial, der Messe für Schülergenossenschaften im RWGV, sichtbar. Hier informierten und präsentierten sich 500 Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Partner der mehr als 70 Schülergenossenschaften in NRW und Rheinland-Pfalz über diese sehr besondere Form von Schülerfirmen. Lebendiger und zeitgemäßer ist keine Unternehmensform. Sie muss also nicht geschützt werden, aber die Genossenschaft muss noch stärker ins Bewusstsein der Menschen gebracht werden. Und da hilft auch die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe der UNESCO.

Wie sehen Sie die Zukunft genossenschaftlicher Systeme?

Barkey Zunächst gibt es kaum eine Branche, in der Genossenschaften nicht aktiv sind. Jüngstes Beispiel sind Gründungen auf dem Gebiet der Breitbandversorgung und Energieerzeugung. Genossenschaften sind zudem ohne Wenn und Aber wettbewerbsfähig. Schauen Sie sich die Genossenschaftsbanken an. Nach Zahlen der Deutschen Bundesbank betrug die Nachsteuer-Eigenkapitalrendite der deutschen Genossenschaftsbanken deutschlandweit 2015 solide 7,3 Prozent und war damit fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt aller Banken. Auch die Aufwand-Ertrag-Relation der Genossenschaftsbanken war mit 66,6 Prozent deutlich besser als der Mittelwert der Branche. Und in der Finanzkrise musste der Steuerzahler nicht für die Genossenschaftsbanken zahlen. Was hier gilt, gilt auch bei unseren landwirtschaftlichen oder gewerblichen Genossenschaften.

Ist das an Solidarität, Verantwortung und demokratisches Handeln (jeder hat eine Stimme) orientierte Genossenschaftswesen in einer globalisierten Welt konkurrenzfähig?

Barkey Gerade in einer digital vernetzten Welt sind Genossenschaften die richtige Antwort auf manche Herausforderungen. Die ach so moderne sharing-economy gibt sich den Anstrich einer solidarischen Ordnung. Das ist aber an vielen Stellen absolut falsch. Der Plattform-Kapitalismus steht für Selbstausbeutung und Wertschöpfung durch die Hoheit über Datenströme. Ohne institutionellen Rahmen wird die sharing-economy nie demokratisch und verantwortlich werden. Anders Genossenschaften: Sie bieten diesen institutionellen Rahmen - und gerade die digitale Welt bietet hervorragende Voraussetzungen für die in Genossenschaften erforderliche Vernetzung. Das muss präsenter werden.

Volksbanken sind wie die Sparkassen arg vom Niedrigzins betroffen.

Barkey Es ist nicht der Niedrigzins alleine, der unsere Genossenschaftsbanken belastet. Mit dem Wettbewerbsumfeld können wir zudem umgehen. Das belegen unsere Zahlen. Wir können also im Durchschnitt neue Einlagen als Kredite herausgeben, was für die Erträge sehr positiv ist und den Druck auf die Negativzinsdiskussion reduziert. Und unser Kreditwachstum liegt deutlich über dem Branchendurchschnitt. Ebenfalls überdurchschnittlich ist die durchschnittliche Kernkapitalquote, die bei 15,4 Prozent liegt. Aber natürlich drückt der Niedrigzins die Erträge der Genossenschaftsbanken. Hauptproblem sind aber Bürokratie, Meldepflichten und Regulatorik, die unsere vergleichsweise kleinen Genossenschaftsbanken überproportional treffen. Und da kommt auch Verbitterung auf, wenn man sich klar macht, dass dieses Bürokratiewachstum Ergebnis der Finanzmarktkrise war, die nicht von uns ausgelöst wurde und im Ergebnis die Wurzeln des Problems nicht löst.

Im Regionalen beweist das Genossenschaftswesen oftmals seine Stärke - aber finden sich noch genug Menschen, die Verantwortung als Genossen übernehmen wollen?

Barkey Ja, ganz eindeutig. Jahr für Jahr nehmen die Mitgliedszahlen in den Genossenschaften zu. Aktuell sind rund 22 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied einer Genossenschaft, Tendenz steigend. Ob Dorfläden, ob kulturelle Einrichtungen, ob Energiegenossenschaften: Dort, wo Gründungen die Lebenswirklichkeit der Menschen positiv beeinflussen, ist es nur selten ein Problem, die für eine Gründung erforderlichen Mitglieder zu werben. Schwierig wird es nur dort, wo eine Versorgungsmentalität entstanden ist. Nehmen Sie zum Beispiel den Rückkauf von Stromnetzen, Wasser- oder auch die Breitbandversorgung. Das wären klassische Felder für eine genossenschaftliche Lösung. Hier müssen wir den Menschen bewusst machen, dass es besser ist, die Leitung selbst in die Hand zu nehmen.

DIE FRAGEN STELLTE MATTHIAS GRASS

Quelle: RP
 
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