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Die Wissensallianz (9)
Die Umgebung in der "Röhre" vergessen

Die Wissensallianz (9): Die Umgebung in der "Röhre" vergessen
Die Untersuchung in MRT-Scannern ist für viele eine unangenehme Erfahrung, gerade für Kinder. FOTO: kispi
Kleve. Eine neuartige 3-D-Brille soll die Untersuchung im MRT-Scanner angenehmer machen. Durch das Gerät sollen die Patienten die Umgebung komplett vergessen und sich entspannen. Ein grenzüberschreitendes Projekt aus Dinslaken und Wageningen. Von Sebastian Latzel

NIEDERRHEIN Die Untersuchung in einem MRT-Scanner ist bei Patienten nicht unbedingt beliebt. Das zeigt schon die Tatsache, dass viele davon sprechen "in die Röhre geschoben zu werden". Die Enge in dem Gerät und das für viele unangenehme Geräusch sind eine große Belastung - zumal bei einer Untersuchung, die auch schon mal 30 bis 40 Minuten dauern kann. Dass man dann auch noch absolut still liegen muss, ist eine zusätzliche Einschränkung. Ein neuartiges Gerät soll dafür sorgen, dass die Patienten vergessen, was um sie herum passiert. Dazu haben die Unternehmen Medintec aus Wageningen und Spark.ID aus Dinslaken fVision entwickelt: eine 3-D-Brille, die die Menschen quasi in ganz andere Welten eintauchen lassen soll.

"Die Brille bedeckt vollständig Augen und Ohren, wodurch die Patienten keine Impulse mehr von außen erhalten", erläutert André Stern, Geschäftsführer von Spark.ID. Über die Brille können Filme und Musik eingespielt werden. Die Inhalte können speziell auf den jeweiligen Probanden zugeschnitten werden. So sollen für Kinder etwa Comicfilme verfügbar sein oder für Musikfreunde Klavierstücke. Zudem soll es über die Brille auch die Möglichkeit der Kommunikation nach außen geben. "Gerade Kinder wünschen sich in einer solchen Situation eine Bezugsperson. Über die Brille könnten die Eltern zugeschaltet werden, mit denen sich das Kind dann auch unterhalten könnte", erläutert Stern. Ziel sei, den Patienten gedanklich völlig aus der vielleicht etwas unangenehmen Atmosphäre herauszuholen.

Oft werden heute Patienten bei Untersuchungen im MRT-Scanner noch sediert. Manche müssen sogar in Vollnarkose in die Röhre. Das soll dann nicht mehr nötig sein, wenn die Patienten die Brille benutzen.

3-D-Brillen, die Filme zeigen, sind keine neue Erfindung. Sie werden beispielsweise bereits bei Computerspielen eingesetzt. Das Neuartige an fVision ist, dass das Gerät so konzipiert ist, dass es nicht die hochsensible Untersuchungstechnik des Scanners stört und die Ergebnisse verfälscht. Die Brille soll die Untersuchung sogar unterstützen: Über die eingespielten Bilder soll die Hirnaktivität stimuliert werden. Mit Brain-Mapping (Hirnkartierung) kann genau gesehen werden, welche Bilder welche Hinregion anregen. Man erhält Infos darüber, "was im Gehirn passiert".

Die Durchführbarkeitsstudie für die so genannte "Near-Eye Vision Optik" der Brille ist abgeschlossen, es stehen aber noch genügend Herausforderungen an, so Reinier van 't Hooft von Medintec. "Die Elektronik für alle spezifischen Magnetfeldstärken muss noch entwickelt werden. Außerdem arbeiten wir daran, die 3-D-Bildqualität noch realistischer zu gestalten."

Die auf Industriedesign spezialisierte deutsche Spark.ID ist für den Entwurf und die Integration der Displays in der Brille verantwortlich. Die Hochschule Rhein-Waal in Kleve unterstützt mit den Berechnungen für die optische Maßarbeit. 2017 soll der Prototyp fertig sein. Diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird gegebenenfalls noch erweitert. Die nächsten Phasen sind die definitive Entwicklung sowie die Zertifizierungen.

Es gibt weitere Ideen: Die Verwendung von fVision auch bei Operationen könnte eine weitere Einsatzmöglichkeit sein. Die Videobrille kann Stress vermeiden, so dass mehr Operationen unter örtlicher Betäubung durchgeführt werden könnten. Aber erst ist die Vermarktung für MRT-Scanner geplant. Davon sind weltweit etwa 35 000 in Krankenhäusern in Betrieb. Jedes Jahr werden etwa 2000 neue MRT-Scanner installiert. "Diese betrachten wir alle als potenzielle Kunden", heißt es.

"Unsere deutschen Partner von Spark.ID haben mit ihrem Engagement und ihrer Expertise im Bereich der Produktentwicklung einen wichtigen Beitrag geleistet. Gemeinsam ist es uns gelungen, konkrete Produktkonzepte zu entwickeln, die sowohl in der Technik als auch in Ergonomie und Produktdesigns funktionieren. Ohne unsere deutschen Partner wäre das Projekt heute noch nicht so weit", meint van 't Hoof, der auch auf die Wissensallianz aufmerksam geworden war und die entsprechenden Kontakte geknüpft hatte. Im Rahmen des Interreg IV A Programms Deutschland-Nederlande unterstützt die Wissensallianz innovative Projekte junger Unternehmen aus der Euregio Rhein-Waal.

Quelle: RP
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