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Kleve
Die Unsichtbaren vom Bahnhofsplatz

Kleve: Die Unsichtbaren vom Bahnhofsplatz
Diesen mit Folie abgeklebten Zaun hat die Stadt als "Sichtschutz" an dem Wartehäuschen aufbauen lassen. FOTO: Evers
Kleve. Am Buswartehäuschen gegenüber der Post trifft sich täglich eine Gruppe, um dort ihre Freizeit zu verbringen. Für die Stadt ist das ein Problem, weshalb das Häuschen jetzt mit einem Sichtschutz versehen wurde. Von Nicole Scharfetter

Am Bahnhofsplatz in Kleve haben Gabi, Thomas und Rainer (Namen von der Redaktion geändert) einen Zufluchtsort gefunden. In einem Buswartehäuschen, wo sie sich täglich treffen. Erst stand das Häuschen an der Bahnhofstraße, ein bisschen abseits von den Zugreisenden. Ein bisschen privater, sagt Gabi. Dann wurde es versetzt, steht seit ein paar Monaten gegenüber der Post. Nun hat die Stadt dort einen grünen Zaun aufgestellt, der zusätzlich mit einer Folie beklebt wurde - als Sichtschutz.

"Das Wartehäuschen dient dem Aufenthalt von Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen", erklärt Katrin Berns von der Stadt. "Zumal dort auch ein Pissoir errichtet wurde." Zunächst habe man angenommen, dass die umliegenden Grünflächen als Sichtschutz ausreichend seien, sagt Stadtsprecher Jörg Boltersdorf. "Dies war jedoch nicht der Fall." Auf Bitten der Anwohner, der Politik und der Taxiunternehmer sei der Zaun dann aufgestellt worden, um die Sicht einzuschränken. Aus datenschutzrechtlichen Gründen will die Stadt aber nicht sagen, wer sich über die Gruppe beschwert hat.

Die Politik allerdings reagiert überrascht. Daniel Rütter (FDP) und Michael Bay von den Grünen können sich beide nicht daran erinnern, dass ein solcher Zaun jemals in einem Ausschuss oder in einer Ratssitzung diskutiert wurde. "Ich finde das Ganze völlig bizarr, die Gruppe sollte nicht selektiert oder abgegrenzt werden", sagt Bay. Und auch Aloys Hermanns von der CDU und Fabian Merges (Offene Klever) hören zum ersten Mal von diesem Zaun. "Ich werde das bei der nächsten Fraktionssitzung ansprechen", sagt Merges. "Von uns kam die Anregung auch nicht", versichert Petra Tekath von der SPD ebenfalls.

Auch Daniel Schepers, Geschäftsführer von Taxi von Agris, weiß in Sachen Zaun und Wartehäuschen von nichts. "Mir ist das Thema neu", sagt er. Die Fahrer jedenfalls hätten sich nicht bei ihm beklagt.

Bei der Polizei zählt der Bahnhofsplatz in Kleve keineswegs zu einem Brennpunkt. "Die Lage ist sehr entspannt", sagt Manfred Jakobi. Das liege auch an der Gruppe selbst, die Leute seien eigentlich immer die gleichen. "Beschwerdeverfahren sind bei uns nicht eingegangen", versichert der Polizeisprecher.

Die Zugpassagiere wollen sich zur Situation am Bahnhof entweder gar nicht äußern, zucken nur mit den Schultern. Andere schütteln den Kopf und deuten auf die Bierflaschen, die dort auch gerne mal vor 12 Uhr geöffnet werden.

Gabi allerdings findet kaum Worte für den Zaun: "Die wollen uns hier verstecken", sagt sie. Wie Tiere im Käfig fühle sich die Gruppe, die an manchen Tagen bis zu 20 Personen zählt. "Es fehlt nur noch das Schild ,Bitte nicht füttern'", sagt die Frau, die sich einen zentralen Ort wünscht, wo sie sich mit ihren Freunden treffen kann. Sich nicht verstecken muss, als würde sie etwas Verbotenes tun. Vom Spoyufer sei die Gruppe mehrfach verjagt worden, am Minoritenplatz ist sie auch mal gewesen - und auch dort habe man sie nicht haben wollen.

"Zuhause verblödet man doch. Das ist wie im Knast", sagt Rainer, für den die anderen eine Art Ersatzfamilie sind. Erst durch sie habe er soziale Kontakte, darum komme er auch im Winter zum Bahnhof. Obwohl die kalten Temperaturen der Gruppe zusetzen. Eine Alternative haben sie nicht, sagt Gabi, die sich einen warmen, überdachten Zufluchtsort wünscht. Und eine Toilette. Pissoir hin oder her, "aber was ist mit uns Frauen", fragt sie.

Das Buswartehäuschen ist keine dauerhafte Lösung. Da sind sich alle einig. "Für die Zukunft wird ein anderer Standort gesucht", versichert Jörg Boltersdorf. Im Unterstadtbereich mit unmittelbarer Anbindung an das Zentrum gebe es derzeit allerdings keine Räumlichkeiten, in denen die Gruppe unterkommen könnte. In der Oberstadt befände sich eine ähnliche Konstruktion wie es sie auch am Bahnhof gibt. "Geschlossene Räume sind aber auch nicht angedacht", sagt Boltersdorf. Dafür gebe es die freien Träger wie Drogenberatung oder Caritas, wo sich zum Beispiel Suchtkranke treffen könnten.

"Allerdings nur eingeschränkt", sagt Gerd Engler, Leiter Suchtberatungsstellen des Caritasverbands in Kleve. Das Kontaktcafé an der Hoffmannallee zum Beispiel hat nur an Wochentagen geöffnet, und dann meistens nur bis 15 Uhr, freitags schließt das Café sogar schon um 12 Uhr. Die Klosterpforte an der Kavarinerstraße ist nach dem Mittagessen zu. "Und unser Angebot erreicht nicht alle Leute", weiß Engler. Manche würden einfach gern in Ruhe ihr Bier trinken, was in den Einrichtungen nicht gestattet ist.

Bei der Errichtung des Zauns ist Engler skeptisch, auch wenn Anwohnerbeschwerden bei ihm angekommen seien. "Das macht die Sache größer als sie ist", sagt der Experte. Und: "Wir müssen lernen, mit diesem Bild zu leben. Denn solche Gruppen gibt es in jeder Stadt, und sie wird es auch immer geben." Immerhin: In Kleve würden diese Gruppen nicht vertrieben, wie es anderswo die Regel sei. "Und einige wenige fühlen sich sogar geschützt durch den Zaun", meint Engler.

Quelle: RP
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