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Kleve
Dienst bei Mondschein

Kleve: Dienst bei Mondschein
Schichtbeginn für Dienstgruppe A. Zampietro (r.) gibt erste Anweisungen. FOTO: van Offern Markus
Kleve. Bis zu 60 Einsätze fährt die Klever Polizei pro Nacht. Im Durchschnitt legt ein Streifenwagen dann 200 Kilometer zurück. Die neunstündige Schicht fordert die Beamten - körperlich und psychisch. Wir haben sie begleitet. Von Alexander Triesch und Markus van Offern (Fotos)

Als wir auf die Klever Polizeistreife 11/32 treffen, ist der Schädel des Opfers schon eingeschlagen. Am Boden liegt ein hagerer junger Mann, schwarzes Haar, bleiche Haut. Die Tatwaffe: offenbar ein schwerer Stein.

Es ist 22.12 Uhr. Hauptkommissar Zampietro, genannt "Zampi", und die zwölfköpfige Dienstgruppe A von der Wache Kleve sind seit einer Stunde im Dienst - doch ermitteln müssen die Polizisten vom Niederrhein in diesem Mord nicht. Noch vor Mitternacht wird der Täter gefasst sein, den die Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm auf dem Bildschirm jagt. Hier, im Aufenthaltsraum der Wache, bereitet sich die Dienstgruppe auf die Nachtschicht vor. Für einen kurzen Blick auf den Tatort in der ARD bleibt ausnahmsweise Zeit.

Großeinsatz am Bahnhof Kleve. Ein junger Mann wird bedroht. FOTO: van Offern Markus

Den Gang runter, vorbei am Zellentrakt, liegt der Wachraum. Dort werten Manfred Zampietro und Wachdienstführer Mulder die Übergabe der Spätschicht aus. "In Zelle 1 sitzt noch ein stark alkoholisierter Mann", sagt Mulder. Während der 38-Jährige in der Nacht die Wache leitet, führt Zampietro vom Streifenwagen den Außeneinsatz.

Freitag, mitten in den Herbstferien, drei Tage vor Halloween, Vollmond. "An solchen Wochenenden ist erfahrungsgemäß viel los", sagt Polizist Achim Jaspers. "Je mehr Alkohol fließt, desto mehr Einsätze haben wir." Wir begleiten Jaspers und Anna Stammen und folgen per Funk dem Streifenwagen 11/32, in dem die Beamten Urbanek, Kizinski und Schoofs fahren. Gleich vorneweg: Einen Mord wie im Tatort wird es Gott sei Dank nicht geben.

Hauptkommissar Zampietro leuchtet einen Audi vor dem Asylheim Kleve aus. Es stellt sich heraus, dass der Halter gefälschte TÜV-Plaketten angebracht hat. FOTO: van Offern Markus

22:20 Uhr Vor unserer Abfahrt erledigt Mulder die Routinekontrolle im Zellentrakt. "Alle 15 Minuten überprüfen wir die Vitalfunktionen", erklärt er. Durch ein Guckloch in der Metalltür beobachtet Mulder den Mann in Zelle 1, der am Abend Passanten bedrängt haben soll. Stille. "Scheint alles in Ordnung zu sein, der schläft." Noch ahnt der Mann nicht, was in dieser Nacht auf ihn zukommen wird.

In dem rot gefliesten Gang liegen insgesamt sechs Zellen, spärlich ausgestattet mit blauen Matratzen und Toiletten im Boden. "Wir haben auch eine Sammelzelle", sagt Jaspers. An Karneval sei da drin manchmal die Hölle los. "Intern führen wir Codes für die kostümierten Insassen, zum Beispiel Batman oder Känguru", sagt Mulder und lacht.

Beamtin Anna Stammen kontrolliert die Insassen im Zellentrakt. FOTO: van Offern Markus

Im Hinterhof sammelt sich derweil die Gruppe. Zampietro besetzt alleine einen 3er BMW, alle anderen Streifen sind mindestens zu zweit an Bord. Der Chef fährt vor. Die Wagen schwärmen aus.

22.52 Uhr Präsenzstreife. Stammen beschleunigt den Wagen Richtung Klever Bahnhof. "Es gibt bestimmte Orte, die wir ständig anfahren", erklärt Jaspers vom Beifahrersitz aus. Im Wendehammer des Bahnhofs stürmt ein junger Mann mit Kapuzenpulli auf unser Auto zu. Jaspers lässt die Scheibe runter. "Ja bitte?" - "Hey, mein Kumpel will sich etwas antun. Der hat mir gerade geschrieben, dass er gegen 'nen Baum fahren will." Der Mann steckt sein Handy durch das Fenster und zeigt eine SMS. Jaspers: "Einmal Deinen Ausweis bitte." Stammen greift zum Funkgerät. "Eine Person ADV." Auf Deutsch: Allgemeiner Datenvergleich. Ein junges Mädchen schaut in den Wagen. "Die schläft heute Nacht bei mir." Der Mann im Kapuzenpulli grinst. Er ist polizeibekannt, verrät Jaspers. "Gerät immer mal in Schwierigkeiten." Mulder schickt eine Streife zum Haus des Freundes, dann geht's weiter.

23.18 Uhr Kreuzung Lindenallee/Ringstraße. Ein schwarzes Fahrzeug mit gelbem Nummernschild brettert über die rote Ampel gegenüber der Netto-Filiale. Stammen tritt aufs Gas. "Wenn jemand über Rot fährt, weckt das schon so etwas wie ein Schnapper-Gen in uns", sagt Jaspers. Am Klever Ring verliert Stammen den niederländischen Fahrer. Sie stöhnt und dreht ab. "Manchmal hilft es auch, wenn die Leute merken, dass die Polizei das gesehen hat." Über Funk meldet sich Mulder. Falscher Alarm am Haus des mutmaßlichen Suizidtäters. Der Mann ist nicht in Gefahr.

23.46 Uhr Notruf. "11/32, hören Sie?". Es klingt ernst. Wir folgen den Kollegen zum Bahnhof. Ein Mann soll dort von einem anderen bedroht werden. Das mutmaßliche Opfer: der Kerl im Kapuzenpulli. "Schon wieder der", sagt Jaspers. Zampietro und zwei weitere Einheiten sind bereits vor Ort. Die Beamten trennen die jungen Männer, befragen nacheinander beide. Zampi schickt sie nach Hause. "Im Prinzip ist nichts passiert." Keine Waffen, keine Verletzungen, viel heiße Luft.

0.09 Uhr Stammen schwenkt den BMW in die Ringstraße. Knapp 200 Meter vor ihr fährt ein Traktor am Straßenrand - so unauffällig, wie das nach Mitternacht möglich ist: ohne Rücklicht, ohne Frontlicht. Nur oben an der Kabine hängt ein kleiner Strahler. Jaspers blickt ungläubig durch die Windschutzscheibe, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Die Kollegen von 11/32 halten den Trecker an, stellen den jungen Fahrer zur Rede. "Der fährt anscheinend immer mit dem Traktor", sagt Urbanek. "Er muss einen Freund anrufen, der ihm den Weg nach Hause leuchtet. Da sind wir heute mal kulant." Fünf Minuten später ist der da - und grölt vor Lachen, weil sein Kumpel der Polizei ins Netz ging.

0.51 Uhr Tatort Bahnhof, zum dritten Mal. Mitarbeiter des Asylheims haben den Notruf gewählt, weil vor dem Gebäude ein Audi mit offenen Türen steht, den niemand kennt. Zampietro greift zur Taschenlampe und inspiziert den Wagen. "Nichts Ungewöhnliches zu sehen", sagt er - und runzelt plötzlich die Stirn, als er vor dem Nummernschild steht. Als er nur leicht an der TÜV-Plakette kratzt, löst sich der Kleber. "Da hat sich wohl jemand seine eigene Plakette ausgedruckt und draufgeklebt", sagt er. Die Kollegen auf der Wache bestätigen: Der Wagen ist nicht zugelassen. "Die Plakette sieht täuschend echt aus, wirklich raffiniert", sagt Zampietro und schraubt das Kennzeichen ab. Im Funk ist seit 15 Minuten nichts zu hören. Die Nacht scheint ruhiger zu sein, als erwartet.

1.38 Uhr Pause. Im Wachraum verteilt Mulder Lakritz. "Durchschnittlich fährt jede Streife pro Nacht 200 Kilometer. Bisher sind wir bei 60", sagt er. Nebenan schreibt Zampietro die Anzeige für den Plaketten-Kopierer und trägt alle Daten in das Polizeisystem ein. Wann, wer, wie, wo, was. Fertig. Seit 1980 ist der 54-Jährige Polizist. "Ich würde nichts lieber machen wollen, als diese Arbeit, auch wenn es oft hart ist". In 37 Jahren Dienst hat er alles gesehen, wozu Menschen fähig sind. "Einmal habe ich zwei kleine Kinder gefunden - beide erstochen. Diese Bilder vergisst man nie." Stammen betritt das Büro. Es geht zurück auf die Klever Straßen.

2.31 Uhr Am Spoykanal lässt ein Betrunkener Frust ab und tritt gegen mehrere Parkautomaten. Stammen stellt den Mann vor der Pizzeria Capriccio, teilt eine Verwarnung aus und schickt ihn nach Hause. Dann rauscht das Funkgerät. Mulder: "Eine Frau kam gerade in die Wache und hat häusliche Gewalt angezeigt."

4.01 Uhr Am Bahnhof grüßen die Kollegen der Bundespolizei. Dann meldet sich die Dienststelle: "HILO am Koekkoek-Platz." Eine hilflose Person. Zwei Minuten später misst Zampietro den Alkoholspiegel der jungen Frau, die vor einer Bäckerei Leute anpöbelt und wild um sich schlägt. Ergebnis: Knapp zwei Promille. "Die hat vielleicht 45 Kilo," sagt er "Das ist schon ordentlich was." Stammen durchsucht die Frau, bevor Zampietro sie zur Ausnüchterung auf die Wache bringt.

4.21 Uhr Alarm in Kalkar. Am Stadtpark schallt die Sirene aus dem dänischen Bettenlager. "Könnte ein Einbruch sein", sagt Stammen und fährt Richtung B 57. Als wir am Parkplatz ankommen, durchsucht Hundeführer Jansen bereits das Gebäude. Polizeihund Enno streift durchs Lager und schnüffelt an jeder Ecke. "Die Hunde sind Einsatzmittel für uns", erklärt Stammen. Dann die Entwarnung. Keine Spuren davon, dass jemand eingebrochen ist. Ein Zusteller hat offenbar durch einen Türdefekt den Alarm ausgelöst.

4.40 Uhr Zurück in Kleve. In einem Büro auf der Wache wartet die Frau, die von ihrem Mann bedroht wird. Mulder schickt eine Streife zu dem Haus in Bedburg-Hau. Die soll den Ehemann für die nächsten zehn Tage aus der Wohnung werfen. "Danach sehen wir weiter", erklärt Stammen. In Zelle 1 sitzt noch immer der Mann vom Abend - und beschwert sich jetzt, weil seine neue Nachbarin ihm den Schlaf raubt. Nebenan ist die HILO vom Koekkoek-Platz, mittlerweile per Fußfessel fixiert, nicht zu stoppen: Sie schlägt gegen die Wände, brüllt, will raus. "Jetzt sei mal lieb." Zampietro versucht, sie zu beruhigen. "Halt doch die Fresse!", schreit die Frau.

6.00 Uhr Pünktlich beenden Zampietro und Mulder ihren Dienst. Wagen 11/32 schaltet den Funk ab. Auf den Straßen ist es ruhig. Auch im Zellentrakt herrscht Stille. Die Frau hat keine Kraft mehr. Ihr Leidensgenosse hat sich von seinem Rausch erholt und darf gehen. Sie muss bleiben und wird erst gegen Mittag entlassen - dann, wenn schon die nächste Mannschaft im Dienst ist.

Quelle: RP
 
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