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Kleve
Dinslakener Bühne brachte drastischen Faust nach Kleve

Kleve. Laut, temporeich und körperbetont ging es zu in diesem "Faust", mit dem das Ensemble der Burghofbühne Dinslaken in der Klever Stadthalle gastierte. Nackte Frauenkörper wurden dick mit roter Farbe eingeschmiert, Zungenküsse ausgetauscht, es wurde geschrien, geschwitzt, gespuckt und gesoffen. Und doch wirkten diese Bühnenexzesse nicht künstlich oder gewollt, sondern beförderten die ursprüngliche Drastik des Goethe-Stücks mit entsprechender Sprengkraft ans Tageslicht. Die rund dreistündige Inszenierung des gebürtigen Niederrheiners Matthias Fontheim hielt sich an Goethes Text, der seinen brillanten Witz und seine zahlreichen Pointen voll entfalten konnte - nicht zuletzt dank der beeindruckenden Schauspieler. Von Verena Krauledat

Dass die Titelrolle von einer Frau gespielt wurde, erwies sich auf der Bühne ebenfalls als relativ klassisch: Friederike Bellstedt trat unzweideutig als Mann in Erscheinung, mit schwarzem Jackett, Hosenträgern und nach hinten gekämmtem Kurzhaarschnitt. Fausts Seelenqualen verkörperte sie authentisch und mit großer Intensität, wenn auch die leisen Passagen ihrer langen Monologe teils kaum noch zu verstehen waren.

Allen voran brillierte Matthias Vogel als anarchisch-schriller Mephistopheles, der mit knallroten Lackschuhen und in Rockerpose auf einer Gitarre herumschrammelte - diabolisch, verführerisch und schreiend komisch zugleich. Als er Faust am Ende einer Szene erstarrt zurücklässt, posiert er zum Abschied noch mal schnell für ein Selfie mit ihm.

In der zweiten Hälfte ragte besonders Charlotte Will als Gretchen heraus. In ihrer zunächst naiven, schüchternen Verliebtheit, die später in unerträglichen Schmerz umschlägt und schließlich im Wahnsinn gipfelt, war sie von beklemmender Glaubwürdigkeit. Großartig auch Christiane Wilke in sämtlichen Nebenrollen; besonders als kettenrauchende, prollige Nachbarin Marthe, die sich so ungeniert an Mephisto heranmacht, dass dieser sich eilig aus der Affäre zieht.

Ein weiterer Höhepunkt das herrlich zügellose Saufgelage in Auerbachs Keller: Hier beginnt sich das Bühnenbild, ein schlichtes weißes Holzgestell mit Tisch und Stuhl, schwindelerregend zu drehen, während vier Studenten grölend darin herumschwanken und sich mit billigem Fusel aus Plastikflaschen zuschütten. Angestachelt werden sie natürlich von Mephisto, der auf seiner Klampfe den Song "Marmorstein und Eisen bricht" anstimmt - bis er die Lage schließlich durch immer wildere magische Tricks eskalieren lässt.

Stehende Ovationen in der vollbesetzten Stadthalle.

Quelle: RP
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