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Kleve
Ein Derwisch und die Empfindlichkeit

Kleve. Der Projektraum-Bahnhof25 in Kleve zeigt Werke der Künstlerinnen Ulrike Rosenbach und Ingrid Scheller. Kleves Museumsdirektor Harald Kunde eröffnet am Samstag die Ausstellung. Von Matthias Grass

Schwarz sickert die wässrige Tusche auf das papierne Band, das die Farbe bereitwillig aufsaugt. Wie eine alte Hängebrücke spannt sich das naturweiße Band von einer hüfthohen Stele zur nächsten. Dabei überspannt das Band zwei Monitore, die auf den Stelen stehen, schwing wieder herab zur Erde wie ein breites, geschwungenes M. Mit Vaseline ist das Band vor die Bildschirme der Monitore geklebt, wird durchsichtig: Man sieht das Bild. Ein Frauengesicht auf den Kopf stehend. Zum Rechteck gehängt auf der Wand hinter dem Monitor weitere Gesichter. Alle stehen auf dem Kopf, alle zeigen die gleiche Frau.

"Ein Moment im Leben des chinesischen Malers HU EM EYE" titelt die Medieninstallation 1989-2015 von Ulrike Rosenbach. Eine andere Sicht des griechischen "Erkenne dich selbst". Eine stille Installation, die vom Dröhnen fernöstlicher Gongs erfüllt ist, das aus den Lautsprechern schallt. Die Beuysschülerin Rosenbach war eine der ersten, die Anfang der 1970er Jahre das damals avantgardistische elektronische Medium als Ausdrucksträger in ihren Kunstwerken nutzte, wie Maike Rotermund in ihrer Schrift über die mehrfache Documenta-Teilnehmerin schreibt.

Schon früh kopierte Rosenbach ihr Bild als eine die Waffe ziehende Revolverheldin als Foto neben den Warhol-Elvis. Teile ihre Performance gehen ein in ihre bildhauerische (so Elisabeth Schink vom Projektraum Bahnhof 25) Video-Installationen. Oder werden zum Bild, wie der Derwisch-Tanz, der als Fotosequenz an der Wand zu sehen ist und als Video im Monitor läuft.

Mit Ulrike Rosenbach und Ingrid Scheller hat Elisabeth Schink zwei spannende Positionen in den Projektraum für die neue Ausstellung geholt, die Samstag, 25. April, um 16 Uhr von Kleves Museumsdirektor Prof. Harald Kunde eröffnet wird. Hier die aus der Performance kommende Rosenbach. Dort die gestisch, spontan malende Scheller, die ihre Bilder tanzt, zur Musik entstehen lässt. Wie das großformatige Gedankenporträt, das 2011 tanzend im Käthe Kollwitz Museum entstand und im Projektraum zu sehen sein wird.

"Es ist ein Porträt meiner Empfindlichkeit", sagt Scheller, die sich beim Malen ganz in die Malerei und die Musik fallen lässt. Dann komme das Dionysische heraus, das Eruptive ihrer Malerei, sagt sie. Die Räume klingen also gut an der Bahnhofstraße, nicht nur im Sound der Gongs und Klangschalen von den Installationen. In starken, optimistischen Farben setzte Scheller ein Triptychon auf österreichisches Metallpackpapier. Schicht auf Schicht, geradezu pastos mit großen gestischen Schwüngen im besten Action Painting auf die drei Bildteile geworfen. Aus dem Unbewussten, aus der Bewegung direkt auf das Bild. "Das zischt durch mich durch", sagt sie.

Scheller, die seit Jahren in Köln lebt, ist in Kleve aufgewachsen. 1949 geboren, studierte sie ab 1967 nach dem Abitur am Klever Sebus-Gymnasium in Köln und Leyden und stellte unter anderem im Gladbacher Abteiberg aus.

Quelle: RP
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