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Kreis Kleve
Ein weiter Weg in die Freiheit

Kreis Kleve: Ein weiter Weg in die Freiheit
Blick aus der forensischen Klinik in Bedburg-Hau: Die verurteilte Mörderin Jenny D. wird hier therapiert, um am Leben jenseits des Gitters wieder teilnehmen zu können. FOTO: Gottfried EVers
Kreis Kleve. Von den 23 Jahren ihres Lebens hat Jenny D. bislang sieben in einem Gefängnis oder einer geschlossenen Einrichtung verbracht. Den ersten Schritt in eine bessere Zukunft hat sie gemacht. Von Peter Janssen

Jenny D.* (23) steht in einem kleinen Raum. Sie trägt einen langen grauen Pullover und Schal. Die junge Frau starrt aus dem Fenster. Der freie Blick wird durch Gitterstäbe gestört. Sie befindet sich auf der Frauenstation der Forensik in Bedburg-Hau. Es ist eine Klinik für psychisch kranke Verbrecherinnen und dennoch ein Gefängnis. In dem Haus ist es wie in einer anderen Welt. Umgeben von Stahlzäunen, gelangt man nur durch Schleusen hinein. Jenny ist 23 Jahre und eine verurteilte Mörderin. Mit 16 Jahren hatte sie zusammen mit drei Freunden einen Mann getötet. Seit 2008 verbringt sie ihr Leben in Gefängnissen oder der Forensik. Nach dem Beschluss eines Richters gilt sie als gefährlich.

Ihr Arzt sitzt zusammen mit drei weiteren Klinikangestellten in dem Raum. Es gebe viel mehr Tötungsdelikte bei Frauen, so der Doktor. Er spricht in der Runde völlig offen über die Krankheiten von Jenny. Damit könne sie umgehen. Neben psychischen Problemen ist unter anderem auch eine Intelligenzminderung bei der 23-Jährigen diagnostiziert worden.

Der Weg von Jenny D. war vorgezeichnet. Sie hatte nie eine Chance, dass ihr Leben in einigermaßen geordneten Bahnen verläuft. Zu Beginn des Gesprächs ist sie zurückhaltend, blickt nur auf den Tisch und antwortet einsilbig. Im Laufe der Unterhaltung wird die 23-Jährige offener, schildert selbst ihre schlimmsten Erfahrungen detailliert. Gelegentlich lacht sie dabei. Jedoch an Stellen, an denen es nichts zu lachen gibt.

Ihr Vater war Alkoholiker. Schon im Kindesalter hat er sie regelmäßig verprügelt. Aber nicht, weil er trank. Er wollte nicht glauben, dass Jenny seine Tochter ist. Ihre Mutter half ihr nicht. "Mein Vater hatte keine Arbeit. Wenn er etwas bezahlen musste, hat er sich immer in eine Klinik einweisen lassen. Er ist dann nackt über die Straße gelaufen", sagt Jenny. Zu ihren Eltern hat sie keinen Kontakt mehr. Seitdem Jenny in Haft ist, hat sie keinen Besuch von ihrer Familie bekommen. Auf die Frage, wie alt ihre Mutter jetzt sei, rechnet die 23-Jährige nach und sagt: "Sie müsste etwa 51 Jahre sein."

Die schulische Laufbahn verlief ebenfalls nicht nach Plan. Es war ihr egal. Einen Kindergarten hat sie nie von innen gesehen, Jenny wurde von Förderschule zu Förderschule weitergereicht. Manchmal wurde sie wochenlang von der Polizei in die Schule gebracht.

Früh startete Jenny D. ihre kriminelle Karriere. Alkohol, Kiffen, erste Einbrüche. Sie erzählt von den Taten, wie andere von Kavaliersdelikten aus der Kategorie Luft aus Fahrradreifen lassen. Halt in der Familie hatte sie nie - im Gegenteil. "Meine Mutter hasst mich. Sie hat mir gesagt, dass sie in der Schwangerschaft viel versucht habe, damit ich nicht zur Welt komme", erzählt die 23-Jährige. Es war auch ihre Mutter, die sie schlug, nachdem diese ihren Vater verlassen hatte. An einen Vorfall kann sich Jenny noch erinnern: "Sie hat meinen Kopf mal gegen das Treppengeländer geschlagen."

Dauerhafte Beziehungen konnte die psychisch kranke Frau nicht aufbauen. Mit ihrem 16-jährigen Freund und zwei Bekannten kam es zu der Tat, für die sie verurteilt wurde. An einem Friedhof wollten die Jugendlichen ein Auto stehlen. Der Plan war, nach Spanien abzuhauen. Der Besitzer des Fahrzeugs wollte die Schlüssel nicht abgeben. Sie stachen ihn mit einem Messer nieder und ließen ihn liegen. Jenny D. hebt hervor, sie sei "nur" wegen Beihilfe zum Mord angeklagt gewesen. Die Akten sagen etwas anderes: Es war Mord. Seit Jahren bestimmt der Tagesablauf in der Forensik ihr Leben. Mit drei Frauen teilt sie sich ein Zimmer. Um 6.30 Uhr wird sie geweckt, nach dem Frühstück gibt es um 7.30 Uhr die Medikamente. Jenny D. nimmt an einer Kunst- und Drama-Therapie teil und bekommt Schulunterricht. Auf die Frage, ob der etwas bringe, antwortet sie: "Geht so" und lacht. Durch die Fortschritte, die sie zuletzt machte, darf sie jetzt im Hauswirtschaft-Haus auf dem Klinikgelände arbeiten. Zudem hat sie täglich zwei Stunden Ausgang. Um 23 Uhr geht auf der Station das Licht aus. Nachdem sie jahrelang nur mit Männern zusammen war, hat Jenny jetzt eine feste Freundin. Sie sehen sich täglich.

Welche Bedeutung das Weihnachtsfest hat, und worum es da geht, weiß Jenny nicht. Niemand hat jemals mit ihr darüber gesprochen oder es gefeiert. "Irgendetwas mit Auferstehung", sagt sie. Auf der Station gibt es eine Weihnachtsfeier. "Was soll ich da? Geh' ich nicht hin", stellt die Patientin klar. Es ist Pflicht, daran teilzunehmen.

Die Angst, dass ihre Entwicklung wieder in eine andere Richtung läuft, ist groß. Denn vor einigen Jahren war sie schon einmal einen Schritt weiter. Damals lebte die 23-Jährige bereits in einer Außenwohngruppe. Solange, bis man unter ihrem Kopfkissen ein Messer fand. Das habe ihr jemand dorthin gelegt, erklärt sie.

Doch deutet einiges daraufhin, dass die Freiheit wieder ein Stückchen näher rückt. Die Chancen stehen gut, dass Jenny D. in ein anderes Haus auf dem Klinik-Gelände verlegt wird. Es ist eine offene Einrichtung. Jenny D. wünscht sich sehr, möglichst schnell aus dem Forensik-Haus entlassen zu werden. "Das wäre mein schönstes Weihnachtsgeschenk", sagt sie. Auch wenn sie gar nicht weiß, was Weihnachten bedeutet.

Wichtig für eine Verlegung ist auch, dass die Einsicht da ist, Fehler begangen zu haben. Jenny D. sagt: "Ich habe großen Mist gemacht und weiß, dass ich dafür verantwortlich bin." Aber ist sie es wirklich?

* Name von der Redaktion geändert.

Quelle: RP
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