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Bedburg-Hau-Till
Eine Investition in die Heimat

Bedburg-Hau-Till: Eine Investition in die Heimat
Zwischen Wiesen und zwei Windkraftmühlen liegt der Landgasthof Westrich in Till. Ein Plus ist die große Terrasse, die bei Sonnenschein von den Gästen gerne genutzt wird. FOTO: Gottfried Evers
Bedburg-Hau-Till. Anette Opgenoorth (31) aus Till ist gelernte Hotel-Managerin und Köchin, arbeitete zehn Jahre lang in namhaften Restaurants in Deutschland. Vor zwei Jahren kehrte sie in ihre Heimat zurück. Auf dem elterlichen Hof baute sie eine Scheune zum Landgasthof um. Ein ungewöhnlicher Schritt. Von Julia Lörcks

Es duftet nach Äpfeln. Nach vielen frischen Äpfeln, nach Zucker und nach Vanille. Unten Mürbeteig, oben Butterstreusel und in der Mitte: Äpfel. Viele Äpfel, dafür wenig Teig. "Das ist Omas Apfelkuchen. So schmeckt meine Heimat", sagt Anette Opgenoorth.

Diese liegt in Bedburg-Hau, im Außenbereich des kleinen Ortsteils Till. Zwischen Wiesen und zwei Windkraftmühlen an der Bienenstraße 26. Dorthin wurden Anettes Großeltern vor mehr als 50 Jahren ausgesiedelt, 1965 kauften sie Haus und Hof. Vater Franz betrieb die Landwirtschaft in zweiter Generation weiter. Seine vier Kinder (drei Mädchen und ein Junge) haben heutzutage kein Interesse daran, den bäuerlichen Betrieb fortzuführen. Eine Heimat ohne Hoffnung?

Anette Opgenoorth, die nach dem Abitur am Gymnasium in Kalkar eine Ausbildung zur Hotel-Managerin in Bernkastel-Kues absolvierte, im Anschluss eine Ausbildung als Köchin mit dem Zusatz Küche und Servicemanagement im Schlosshotel Hugenpoet in Essen dran hing und dann jahrelang in namhaften Restaurants in Deutschland - darunter Vlet in Hamburg, Restaurant Alt Wyk auf Föhr und das Parkhaus Hügel in Essen - arbeitete, hielt immer Kontakt nach Hause. Dass ihre Heimat plötzlich keine Aussicht mehr hatte, stieß der heute 31 Jahre jungen Frau auf. Hatte sie doch mit ihrem Mann Thorben Schröder (29), der auch gelernter Koch ist und den sie im Restaurant Vlet kennenlernte, schon lange über eine gemeinsame Zukunft nachgedacht. "Also sind wir vor zwei Jahren nach Hause gekommen und haben die mehr als 120 Jahre alte Scheune des Hofes zum Restaurant umgebaut", sagt Opgenoorth. "Landgasthaus Westrich" heißt es und hat seit Sommer 2016 geöffnet. Mit dabei: zwei Köchinnen, eine Restaurantfachangestellte sowie zwei Auszubildende (Küche und Restaurant).

Ein ungewöhnlicher Schritt. Schließen in der Umgebung doch mehr Landgasthäuser als sie neu eröffnen. Waltraut und Richard Biermann zum Beispiel haben ihre Gaststätte "Zum Erfgen" nach 43 Jahren verkauft. Sie haben keinen Nachfolger. Gleiches Spiel bei der Gaststätte "Zu den Kastanien" in Schneppenbaum. Dort beschließen Marianne und Wilhelm Bucksteeg am 23. Dezember eine 88 Jahre alte Tradition. Auch sie haben keinen Nachfolger.

Für Thorsten Hellwig, Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Nordrhein (DEHOGA), ist das Phänomen kein neues. "Früher war es selbstverständlich, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Heute ist das nicht mehr der Fall. Es herrscht Landflucht, der Wettbewerb ist intensiver geworden. Zudem beklagen wir einen Fachkräftemangel." Er rät allen Neuanfängern, sich professionell vorzubereiten und ein gutes Konzept vorzulegen.

Ob das Konzept von Anette Opgenoorth und Thorben Schröder gut genug ist, lässt sich nun, nach drei Monaten seit der Neueröffnung, nicht anständig beurteilen. "Wir sind auf jeden Fall mega zufrieden", sagt Opgenoorth, die an guten Sonntagen 250 Stücke Kuchen verkauft hat. Ihr Konzept ist nicht neu, hat aber durchaus Sinn und Verstand. "Wir kochen frisch und hausgemacht, wir verwenden Produkte aus der Region oder von meinen Eltern. Obst und Gemüse aus dem Garten meiner Mutter zum Beispiel. Äpfel und Birnen. Oder Rotkohl und Wirsing. Ab Januar verarbeiten wir auch unser erstes eigenes Fleisch. Papa hat übertrieben, er hat gleich zehn Kühe besamt", sagt sie. Sie klingt dabei zufrieden - und glücklich.

Heimat kann nämlich auch eine Investition in die Zukunft sein. Und zwar eine mit einer wundervollen Aussicht.

Quelle: RP
 
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