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Kleve
Es läuft rund fürs Vinyl

Kleve. Vor gut zehn Jahren fast von der Bildfläche verschwunden, erleben Schallplatten heute eine Renaissance. Anhänger schwören auf den guten Klang und feiern das sinnliche Erlebnis.Von Beate Wyglenda

Von den USA in die Welt hin bis nach Kleve: 2007 von unabhängigen US-Plattenläden initiiert, um die Vinyl-Kultur vor dem Tod zu bewahren, hat sich der "Record Store Day" (RSD) inzwischen zum größten Musikevent der Welt entwickelt. Heute ist es wieder soweit. In über 3000 Plattenläden, Musikstores und Clubs rund um den Globus wird das Überleben und der neuerliche Erfolg der Vinyl-Scheibe gefeiert. Und das Kleverland feiert mit. Denn auch im Kreis erlebt der schwarze Klassiker sein Comeback. Die Rheinische Post hat mit fünf ansässigen Vinyl-Liebhabern gesprochen, um zu erfahren, was die Langspielplatte so besonders macht.

Vor allem ginge es um das habtische Erlebnis, sind sich alle Anhänger einig. "Schon das Auflegen einer Vinylplatte bringt ein ganz anderes Gefühl, als wenn man einen USB-Stick reinsteckt oder das Radio anmacht", betont Plattensammler Hubert Weking. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Gocher mit Musik. 50.000 Scheiben nennt er sein Eigen, hat damit eine der größten Sammlungen in der Region. "Es ist wie ein Ritual, das man begeht, um sich zu entspannen", sagt er. Man komme nach Hause, sehe durch das Regal, schaue sich die Cover an und ziehe die Platte aus dem Karton. Diese muss dann noch aufgelegt und auch umgedreht werden. Also deutlich mehr Aufwand, als mit einem Klick eine schier unerschöpfliche Playlist aufzurufen. Doch Weking erklärt: "Es ist vergleichbar mit einem Kamin, in dem man ein knisterndes Feuer entfacht, gegenüber dem Aufdrehen einer normalen Heizung."

Entsprechend sei auch das Hören der Schallplatten ein intensiveres Erlebnis. "Die meisten Leute hören Vinyl nicht nebenbei bei der Hausarbeit, sondern machen dies bewusst und nehmen sich Zeit dafür", sagt Michael Dickhoff. Besser bekannt als DJ Mike, gehören für den Klever die schwarzen Scheiben zu seinem Hobby wie auch Geschäft. Er ist überzeugt davon, dass sie ein breiteres Klangspektrum haben, der Ton weicher und wärmer ist und Feinheiten besser rüberkommen. "Außerdem hat Vinyl etwas mit Leben zu tun", betont Dickhoff. "Selbst wenn viele DJs heute mit Laptops auftreten, ich mag das Dynamische beim Auflegen von Schallplatten, und sie sind Aufhänger für tolle Gespräche." Zumal die meisten seiner Zuhörer von den Platten begeistert seien, fasziniert, dass es sie immer noch gibt.

Noch? Besser gesagt, schon wieder: Mit Aufkommen von CDs und MP3 fast von der Bildfläche verschwunden, erlebt Vinyl seit einigen Jahren nämlich eine Renaissance. 2013 sind die Schallplattenumsätze um fast 50 Prozent gestiegen, 2014 waren es noch mal 33,4 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. "Ich habe vor einigen Jahren ganze Kisten von Platten geschenkt bekommen, weil die Leute sie nicht mehr haben wollten", erzählt Eckard Erdmann. Heute verkauft er sogar an Kunden in China, Japan und Südkorea.

Rund 2000 Klassik-Scheiben hält Erdmann in seiner privaten Sammlung. Mehr als 4000 stehen zum Verkauf. Zum RSD steht er ab 9.30 Uhr vor der Buchhandlung Hintzen und bietet Schnäppchen für rund fünf Euro an. Selbst die Großen reagieren inzwischen: Just in diesen Wochen baut der Saturn Store in Kleve seine Plattenabteilung aus. Aber auch die kleinen unabhängigen Läden profitieren vom Hype. Einer davon ist das Antiquariat "Zeitzeichen" in Kleve. Rund 2000 Platten sind hier zu finden, mit den Singles sogar noch einige mehr. Von Rock und Pop über Jazz zu Chansons liefert Inhaber Helmut van Bebber mit Platten zwischen drei und 20 Euro eine umfangreiche Auswahl für Fans mit kleinem Budget. "Während mein restliches Sortiment eher ein älteres Publikum anzieht, kommen wegen der Platten erstaunlich viele junge Leute rein", sagt er erfreut.

Das kann Wolfgang Klemm nur bestätigen. Der Inhaber des Secondhand-Shops "More than Music" in Kellen hält rund 10.000 Vinylplatten in seinem Sortiment. "Die Älteren schauen sich schon mal nach Jazz-Scheiben um, doch sonst greifen fast ausschließlich junge Leute zu", erzählt er. Manche kämen dafür extra aus den Niederlanden. Es scheint, als sei für gute Ware kein Weg zu weit. Und zu Klemms Bestand gehören auch seltenere Stücke. Eine sehr gut erhaltene Reproduktion des "Weißen Albums" von den Beatles ist etwa darunter. Der Wert: rund 100 Euro. Kleingeld allerdings im Vergleich zum Preis der Erstpressungen des Beatles-Albums aus dem Jahr 1968. Diese gehen für Rekordsummen von mehr als 20.000 Euro über den Tisch.

Vor allem limitierte Auflagen bringen ordentlich Kasse, weiß Weking, der seine Platten unter GagaMusic.de online verkauft. Die Nachfrage sei dabei aber nicht immer von der Qualität der Musik bestimmt. Auch die Plattencover können Raritäten sein. Dazu gehören etwa Plattencover, die in den 60er und 70er Jahren aufgrund "moralisch anstößiger" Darstellungen schnell wieder ausgetauscht wurden und somit nur in sehr begrenzter Stückzahl auf dem Markt zu finden sind.

Ein Beispiel? 1971 war die Platte "Sticky Fingers" von den Rolling Stones noch für zwanzig Mark in den Plattenläden zu haben, heute steht die Erstausgabe in mancher Galerie und kostet rund 600 Euro. Der Grund: Andy Warhol hat das Cover mit einem Mann in knallenger Röhrenjeans entworfen, wobei sich deutlich die Geschlechtsorgane abzeichnen. In die Hose war ein echter, funktionsfähiger Reißverschluss eingearbeitet. Nach dem Öffnen des Reißverschlusses konnte man weiße Unterwäsche sehen. Den spanischen Diktator Franco erregte das so sehr, dass er die Platte auf die rote Liste setzte. "Manche Cover sind schon echte Kunstwerke", sagt Klemm. Doch die Erstausgaben und limitierten Editionen wirklich nur was für richtige Sammler. "Wer einfach nur die Musik genießen will, dem reicht eine gut erhaltene Reproduktion."

Eine Menge davon gibt es heute beim Plattenflohmarkt im Haldern Pop Shop und der Haldern Pop Bar zu bekommen, die um 10 Uhr ihre Pforten öffnen. Satte Rabatte und Musik von DJ Herbsun erwarten die Gäste. Auch Helmut van Bebber ist mit einer Auswahl seiner Scheiben vor Ort. Gegen 15.30 Uhr werden zudem Schallplatten versteigert. Wie in den vergangenen Jahren heißt dabei das Motto "Top oder Hop". Bedeutet: Entweder wechselt die Scheibe den Besitzer oder sie wird gnadenlos zerstört. Jeder kann seine Schätzchen mitbringen. Das Startangebot liegt jeweils bei einem Euro. Gute Musik gibt es aber auch live auf die Ohren: Um 21 Uhr hat die Indie-Folk-Band "Reaves & Trees" ihren Auftritt. Anschließend steigt die Party mit den DJs Ben E. Blame & Sugar Shame.

DJ Mike ist derweil in der Gaststätte "Zum Johanna Sebus Denkmal" in Brienen zu finden. Unter dem Motto "Von Abba bis Zappa" legt er ab 20 Uhr Hits der 60er, 70er und 80er Jahre auf. Eintritt: drei Euro.

Foto:

Quelle: RP
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