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Kleve
Fachgeschäft Kiesow 165 Jahre in Kleve

Kleve: Fachgeschäft Kiesow 165 Jahre in Kleve
Sebastian und Nina Kiesow nehmen die Glückwünsche von Bürgermeister Theo Brauer entgegen. FOTO: Gottfried Evers
Kleve. "Kiesow bags and travel" feiert rechtzeitig zum Stadtfest in Kleve am kommenden Sonntag ein Jubiläum: 1850 wurde der Familienbetrieb gegründet, der heute in fünfter Generation geführt wird. Und die sechste steht schon bereit. Von Matthias Grass

Als das neue Geschäft nach der Zerstörung 1946 wieder eröffnete, war der Andrang enorm groß. Draußen vor der Tür stand eine Traube von Menschen, die ins Geschäft wollte. Das Gedränge war so groß, dass die Kunden mit ihren Waren den Hinterausgang nutzen mussten - vorne kam man nicht mehr heraus. Der Hauptartikel: Filzpantoffeln. Denn Leder, das die eigentliche Profession von Kiesow seit 100 Jahren war, gab es in der Nachkriegszeit so gut wie nicht, erinnert heute Sebastian Kiesow an die schweren Zeiten nach 1945. Er führt in fünfter Generation das Geschäft "KIESOW seit 1850" an der Großen Straße. Und die sechste Generation steht parat, verrät Nina Kiesow mit Blick auf ihre Zwillinge. Jetzt wollen Nina und Sebastian Kiesow mit ihren Kunden das 165-jährige Bestehen ihres Traditionsgeschäftes feiern, mit ihren 13 Mitarbeitern und Besuchern anstoßen.

1850 gründete Friedrich Kiesow die Sattlerei und Treibriemenfabrikation. Ein für die Industrialisierung wichtiges Unterfangen. Denn, so definierte es der Brockhaus fünf Jahre nach der Firmengründung: "Die Aufgabe des Treibenden Zeugs ist, eine Bewegung auf größere oder geringere Entfernung mit angemessen modificirter Richtung und Geschwindigkeit fortzupflanzen; es gehört daher dasselbe zu den wichtigsten Gegenständen des Maschinenbaus." Seinen ersten Firmensitz hatte Friedrich Kiesow an der Hagschen Straße - dort, wo die alte Post heute auf einen Investor wartet. Nach dem Krieg folgte das Grundstück an der Großen Straße.

Kiesow lieferte die Treibriemen vor allem an die Lebensmittelindustrie in Kleve. Und fertigte andere Lederwaren: So kamen die Musterkoffer für die XOX-Fabrik aus dem Hause Kiesow. Und jedes Jahr wurden die neuen Marken des Biskuitherstellers in die vorgesehenen Fächer eingeklebt, erinnert sich Sebastian Kiesow. Bis Mitte der 1960er Jahre wurden Lederwaren in den Räumen des Geschäftes fabriziert, danach konzentrierte man sich auf den Einzelhandel. "Die 80 Jahre alten Nähmaschinen funktionieren sogar noch", sagt Sebastian Kiesow. Gefertigt wird heute aber nicht mehr.

Heute konzentrieren sich Nina und Sebastian Kiesow, die das Geschäft 2003 übernahmen, auf hochwertige Marken: Handtaschen von Longchamp bis Liebeskind, Reisegepäck von Rimowa bis Samsonite, Gürtel und andere Kleinlederwaren wie Geldbörsen, dazu die passenden schmucken Accessoires. Und nicht vergessen: für Generationen von Klever Kindern die Schultaschen. Neu hinzugekommen sind Schuhe. "Damit wollen wir aber eine wertige Nische besetzen und uns nicht als weiteres Schuhgeschäft einreihen und den Alteingesessenen Konkurrenz machen", sagt Sebastian Kiesow. Man habe allein einige ausgesuchte Marken im Sortiment. Dabei bleibt das Klever Traditionsgeschäft seinem Gründervater treu: Leder und Lederwaren bestimmen die große Linie. Auch wenn heute die meisten Reisekoffer aus leichteren, stabilerem Material gefertigt ist.

Das "Business", wie Nina Kiesow sagt, hat sich allerdings geändert. Als ihr Schwiegervater noch Lederkonfektion einkaufte, gab es drei verschiedene Modelle. Heute müsse man sich auf ein Segment konzentrieren, wenn man überhaupt den Überblick wahren wolle, sagt sie. Kiesow sieht eine Zukunft für den Einzelhandel - auch in Konkurrenz zum Online-Geschäft: "Wir glauben an den Einzelhandel, an das Einkaufserlebnis, das Fühlen und Fassen der Ware. Das kann der Online-Handel nicht bieten", erklärt sie. Allerdings müsse man auf das Sortiment achten: "Ware, die online verramscht wird, ist für uns uninteressant", urteilt sie.

Die Stadt Kleve biete gute Voraussetzungen für den Einzelhandel, allerdings dürfe die Entwicklung jetzt nicht stehenbleiben: "Wir hatten mit H&M, Neue Mitte und Saturn einen Schub. Aber wir brauchen noch Flächen, um als Einkaufsstadt konkurrenzfähig bleiben zu können", stellt Nina Kiesow fest. Innenstadtrelevante Angebote auf dem Union-Gelände seien für den Einzelhandel in der Innenstadt kontraproduktiv, mahnt die Geschäftsfrau weiter. Letztlich sind Nina und Sebastian Kiesow zuversichtlich, dass ihr Geschäft so gut aufgestellt ist, dass es auch noch in die sechste Generation gehen wird.

Quelle: RP
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