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Kleve
Figuren beim Theater-Finale blieben blass

Kleve. "Aber das ist doch Irrsinn!" Mitten im Stück fiel der entscheidende Satz, der den gesamten Abend auf den Punkt brachte. Denn die Beziehungskomödie "Wir lieben und wissen nichts" von Moritz Rinke, mit der die Konzertdirektion Landgraf in der Klever Stadthalle zum Abschluss der Saison gastierte, führt zwei Paarbeziehungen vor, die absurder und irrsinniger nicht sein könnten (Regie: Rüdiger Hentzschel). Zur Begegnung der beiden Paare kommt es durch einen berufsbedingten Wohnungstausch: Karrierefrau Hannah reist für einige Zeit nach Zürich, um dort Zen-Kurse für Banker anzubieten - im Schlepptau ihren Freund Sebastian, einen nicht sehr erfolgreichen Autor mit Angst vor Veränderungen, der das Heim in Wahrheit gar nicht verlassen will und auf seinen Bücherkisten festsitzt. Übernehmen sollen die Wohnung der technokratische Roman, der die gesamte Welt digital vernetzen will, und sein dekoratives "Anhängsel" Magdalena, Physiotherapeutin für Pferde und von ihrem Partner offensichtlich nicht als ebenbürtig angesehen. Von Verena Krauledat

Die beiden treffen früher in der Gastwohnung ein als geplant, woraus sich ein merkwürdiges Zusammentreffen entspinnt, ständig auf der Kippe zwischen skurrilem Witz und Fremdschämen. Sebastian, großartig weltfremd und melancholisch gespielt von Helmut Zierl, fühlt sich von Magdalena (Teresa Weißbach) angezogen, während Hannah (Katharina Friedl, wegen Krankheit einer Kollegin kurzfristig und überzeugend eingesprungen) an dem übertriebenen Machogehabe von Roman (Uwe Neumann) Gefallen findet.

Zwischen Flirt- und Eifersuchtsszenen offenbaren sich nach und nach skandalöse Geheimnisse, von Jobverlust bis hin zu Abtreibung und verheimlichter Unfruchtbarkeit. Dabei scheint zwischen Sebastian und Hannah zunächst noch nicht alles verloren, es gibt einen Moment echter Nähe zwischen ihnen, während Magdalena und Roman wie die reine Karikatur einer Horrorbeziehung wirken - inklusive Gummipuppe im Handgepäck.

Das aufwändig gestaltete Programmheft betrieb einen großen Hype des Autors: "Rinke macht süchtig", "perfektes Timing", "gleichzeitig unverwechselbare Individuen wie universell". In einem Zitat nennt Rinke (Jahrgang 1967) Anton Tschechow als Vorbild, dessen Figuren zugleich tragisch und zum Lachen seien. Doch während es Tschechow in seinen Stücken gelingt, echte Menschen zu erschaffen, deren verfahrene Beziehungen und ausweglose Schicksale einem nahe gehen, bleiben die Figuren in "Wir lieben und wissen nichts" blass und stereotyp.

Trotz der teils witzigen und temporeichen Dialoge und der dramatischen Zuspitzung am Ende (die bedrohlich durch das Stück geisternde Pistole kommt schließlich zum Einsatz) spürte man zu sehr die ironische Distanz des Autors, der seinen Charakteren wenig Tiefgang erlaubte. So weckte die hilflose Lächerlichkeit der vier nur selten Sympathie oder Mitleid, meist blieb es beim verständnislosen Kopfschütteln.

Höflicher Applaus.

Quelle: RP
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