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Bedburg-Hau
Frauen im Vollzug - Psychiatrie statt Knast

Bedburg-Hau: Frauen im Vollzug - Psychiatrie statt Knast
Im Haus 28 werden psychisch kranke Straftäterinnen behandelt, für die die Klinik in Bedburg-Hau oft der letzte Ausweg ist. FOTO: Evers, Gottfried (eve)
Bedburg-Hau. Die Zahl der psychisch kranken Straftäterinnen ist gering. Werden sie als solche verurteilt, dauert ihre Therapie, bis sie keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellen. Ein Besuch bei der einzigen Fachklinik im Rheinland. Von Ludwig Krause

Es wollte einfach nicht aufhören zu schreien. Als Sandra nach neun Monaten Schwangerschaft ihr Neugeborenes mit nach Hause nimmt, sollte sie eigentlich vor Glück strahlen. Stattdessen verschlechtert sich der Zustand der jungen Mutter zunehmend. Sie leidet unter Verfolgungswahn, hört Stimmen, die ihr befehlen, dem Kind etwas anzutun. Freitagabend, das Kind will nicht einschlafen. Die Stimmen im Kopf werden immer lauter. Dann drückt die Mutter zu.

"Der größte Teil der Frauen, die zu uns kommen, leidet unter einer Psychose", sagt Dr. Rudolf Schlabbers, Leiter der Forensik II in der LVR-Klinik in Bedburg-Hau am Niederrhein. "Kindestötung während eines psychotischen Schubs ist da nur ein Beispiel." Haus 28, Station 5. Hier behandeln der Arzt und sein Team Frauen, für die die Klinik in Bedburg-Hau oftmals der letzte Ausweg ist. Sie sind psychisch krank und straffällig, ein Gericht hat für sie die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuchs angeordnet. Frauen, bei denen die Justiz davon ausgeht, dass sie aufgrund ihrer Krankheit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. 87 Patientinnen befinden sich hier im Maßregelvollzug - es ist die einzige Abteilung ihrer Art im Rheinland.

Auch Fälle, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt haben, landen hier. Wie Adelheid Streidel, die am 25. April 1990 das Attentat auf Oskar Lafontaine verübte. Wie lange die Patienten in der Klinik bleiben, hängt vom Behandlungserfolg ab: Der Gesetzgeber sieht bei den sogenannten "63ern" keine Höchstdauer der Behandlung vor. "Die Gerichte entlassen die Patienten, wenn von ihnen keine offensichtliche Gefahr mehr für die Gesellschaft ausgeht", sagt Schlabbers.

Wenn Väter im Gefängnis sitzen FOTO: dpa, rwe sab

In Bedburg-Hau sind das im Schnitt 8,5 Jahre. Manche bleiben für Jahrzehnte. Streidel wurde nach knapp 25 Jahren entlassen. "Frauen sind unter den Patienten in der deutlichen Minderheit", sagt Diplom-Psychologin Renate Molak. So auch in Bedburg-Hau: Nur etwas mehr als fünf Prozent der "63er" sind weiblich.

"Wir sind Vorreiter auf unserem Gebiet, die Akzeptanz hier in Bedburg-Hau ist sehr groß. Dafür kann man nur dankbar sein", sagt Molak. Einfach ist es trotzdem nicht: Der Personalschlüssel ist genauso knapp wie in anderen Abteilungen, der Gebäudetrakt, in dem man sich eingerichtet hat, ist veraltet. "Patientinnen müssen zum Teil in Vierbettzimmern schlafen", sagt die Psychologin. Ein neues Bettenhaus ist zwar bereits in Planung. Bis das steht, können aber noch einige Jahre vergehen.

Ein Beitrag der Zeitschrift "Recht und Psychiatrie" zeigt, wie unterschiedlich die Diagnosen in Bedburg-Hau verteilt sind. Mehr als 60 Prozent der Frauen litten demnach unter Schizophrenie oder wahnhaften Störungen, gefolgt von Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (21 Prozent) sowie Intelligenzstörung (elf Prozent). "Gerade die klassische Persönlichkeitsstörung findet man deutlich seltener als bei Männern", sagt Schlabbers.

Die begangenen Straftaten, für die die Frauen vor Gericht landen, sind in der Regel die gleichen wie bei Männern: Körperverletzung, Tötungsdelikte, Brandstiftung. "Nur Sexualdelikte fallen bei den Frauen weg", sagt Renate Molak. "Die Opfer sind bei Frauen häufig in der Familie zu suchen. Meist richtet sich ihre Gewalt gegen die eigenen Kinder oder den Lebenspartner", erklärt die Psychologin.

Viele der Patientinnen haben in ihrer Vergangenheit Erfahrung mit sexueller Gewalt gemacht. "So ein Erlebnis kann für die Frauen traumatisch sein", sagt Renate Molak. Posttraumatische Persönlichkeitsstörungen sind die Folge. Bei den Psychosen, die den Großteil der Diagnosen ausmachen, liegen die Ursachen nicht selten im Dunkeln. "In der Regel sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren betroffen. Die ersten Anzeichen zeigen sich aber schon etwa fünf Jahre vor dem ersten psychotischen Schub", sagt Rudolf Schlabbers. "Für die Betroffenen verändert sich plötzlich die Welt. Man fängt an, alles auf sich zu beziehen, wird ganz feinfühlig", erklärt Renate Molak.

In der Anfangszeit der Therapie bleiben die Frauen unter sich. So können sie sich öffnen, traumatische Erlebnisse besser verarbeiten. Später ist eine Behandlung in Gruppen beider Geschlechter möglich, auch Wohnheime, in denen Männer wie Frauen untergebracht sind, gibt es in Bedburg-Hau. Bei psychotisch erkrankten Frauen ist die medikamentöse Behandlung wesentlicher Bestandteil. Vor allem im späteren Verlauf gehört aber auch die Vorbereitung auf das Leben nach der Klinik und intensive Gespräche mit der Familie dazu. Wenn nach der geschlossenen die offene Behandlung anschlägt, können die Frauen beurlaubt und schließlich sogar vom Gericht entlassen werden. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie", sagt Schlabbers. Dementsprechend komme es auch zu Krankheitsrückfällen nach der Klinikzeit. "Einen Deliktrückfall hat es in den zehn Jahren unseres Bestehens aber nicht gegeben", sagt der Arzt.

Quelle: RP
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