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Kleve/Kranenburg
Fühlen, wie andere arbeiten

Kleve/Kranenburg: Fühlen, wie andere arbeiten
SPD-Landtagskandidat Thorsten Rupp in blauer Arbeitskleidung mit dem Junior Simon Thyssen bei einer Pause der Futterausgabe. Seinen ersten Praxistag hat der Sozialdemokrat auf dem Hof in Schottheide verbracht. FOTO: Markus van Offern
Kleve/Kranenburg. Der SPD-Landtagskandidat für den Nordkreis Kleve, Thorsten Rupp, hat sich im Wahlkampf einige "Praxistage" verordnet, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Mitbürger leben und was das Wesen der Region bestimmt. Von Anja Settnik

Der Mann in der blauen Arbeitsjacke und den Sicherheitsschuhen schleppt schwer an der mächtigen Säge, mit der er eben mühevoll einen dicken Baumstamm zersägen musste. Über eine weite Wiese stapft er auf das Bauernhaus zu, in dem ihn nach der Plackerei zumindest ein Kaffee erwartet. Sehr zufrieden sieht er nicht aus, der Typ mit dem zerrauften Haar - kein Wunder, wenn man die Arbeit, an die man sich gerade gewöhnt hat, unterbrechen muss, weil schon wieder eine neue Baustelle auftaucht. Futtersilos hatte er von den schweren Planen befreit und den Düngerstreuer gesäubert, als das Kommando kam: Los, wir müssen einen Baum aus dem Graben ziehen. Okay, Thorsten Rupp pariert, denn er ist hier Praktikant - höchstens.

Wie arbeiten die Menschen im Kreis Kleve, was sind die Besonderheiten von Berufen, die am Niederrhein und auch andernorts eine große Rolle spielen? Der SPD-Kandidat für den Nordkreis Kleve, Thorsten Rupp, will das wissen, bevor er womöglich Landtagsmitglied wird. Deshalb hat er sich einige "Praxistage" ausgedacht, an denen er ein besseres Gefühl für das bekommen will, mit dem er sich sonst eher theoretisch beschäftigt.

Ausgedacht hat er sich: einen Tag auf einem Bauernhof, einen in einer Kindertagesstätte, einen weiteren in einer Bäckerei und einen in einer Tagespflegeeinrichtung für Senioren. In sechs Kommunen tritt Rupp als Landtagskandidat an - zwei weitere Betätigungsfelder müssen also in seinem Konzept noch festgelegt werden.

Simon Thyssen, Sohn des Hofinhabers Bernhard Thyssen, grinst, als er gefragt wird, wie sich der Helfer angestellt hat. "Ganz ordentlich für jemanden, der sowas noch nie gemacht hat. Er hat getan, was ihm aufgetragen wurde, und dabei sein Bestes gegeben." Eine "Eins" ist das wohl nicht, aber zu meckern gibt's auch nichts. Wobei sicherlich gut ist, dass der Diplom-Sozialwirt am nächsten Tag nicht wiederkommt, denn dass er seit fünf Uhr morgens auf den Beinen und mit harter körperlicher Arbeite beschäftigt ist, merkt man ihm im Unterschied zu Bernhard und Simon Thyssen an. Wobei: Früh aufstehen muss er mindestens noch einmal, denn der Chef in der Halderner Bäckerei wird ihn bestimmt auch nicht schonen.

"So wollte ich das haben, denn es ist gut, sich mal nicht nur durch ein 90-minütiges Gespräch einen Eindruck zu verschaffen, sondern sich tatsächlich mal einen ganzen Tag lang aus der Innenperspektive auf ein Thema einzulassen", findet Rupp.

Zwölf Stunden lang hat er die Abläufe auf dem Betrieb kennengelernt - dank der unvermeidlichen Störungen wie einem Sturmschaden oder einer kaputten Maschine, die erst repariert werden muss. "Von fünf Uhr an stand das Füttern an; bei 550 Kühen braucht man dazu schon zwei Stunden", hat er erfahren. Chefin Belinda Thyssen bereitete derweil das Melkkarussell vor und fütterte die Kälber. Erstmals in seinem Leben legte Rupp einer Kuh das Melkgeschirr an und beobachtete die ansonsten weitgehend automatisierten Abläufe.

"Nach einer kurzen Frühstückspause haben wir Stroh verteilt, die Tröge der Jungrinder gesäubert und dem Onkel auf dem Nachbarhof geholfen. Dann musste die Gülle separiert werden, das heißt, die Feuchtigkeit muss raus." Denn die Feststoffe kommen in die Biogasanlage und werden zu Einstreu fürs Vieh, während die Flüssigkeit (vieldiskutiertes Problem der Landwirtschaft) auf eigene und oft genug fremde Felder verteilt werden muss.

Der Nachmittag war nicht weniger betriebsam, unterbrochen allerdings von Pressebesuchen. "Ich hab' höchsten Respekt vor der Arbeit der Landwirte; hatte ich schon vorher, aber jetzt kann ich mir Vieles noch besser vorstellen", befindet Rupp nach zwölf Stunden harter Arbeit. Die Arbeitsmontur jedoch wird er künftig allenfalls noch für die Pflege des heimischen Gartens nutzen.

Quelle: RP
 
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