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Kleve
Giesens Zeitreise im Haus seiner Ahnen

Kleve: Giesens Zeitreise im Haus seiner Ahnen
Der Klever Restaurator Clemens Giesen im Keller seines Elternhauses mit einem in dem Gebäude gefundenen Tuffstein. Dass damit früher Fenster "eingerahmt" waren, ist deutlich zu erkennen. FOTO: Gottfried Evers
Kleve. Im März 2015 hatte der Restaurator den "Rückbau" seines Elternhauses begonnen. Weihnachten wollte er fertig sein. Dass hat nicht geklappt. Aber die Baustelle erlaubt Zeitreisen in die Klever Vergangenheit. Von Dieter Dormann

Jeder "normale" Bauherr wäre mit seinen Nerven am Ende. Er wäre frustriert, verärgert, wütend. Er hätte womöglich längst all seine Pläne begraben.

Im März 2015, als Clemens Giesen die Sanierung seines Elternhauses - die sowohl er als auch der mit ihm befreundete Klever Architekt Werner van Ackeren als "Rückbau" beschreiben - an der Marktstraße 8 in Kleve schon begonnen hatte, hatte für den Restaurator festgestanden: Spätestens Weihnachten wollte er sein Geschäft im neuen, alten Glanz präsentieren. Doch nun steht ebenso fest: Das hat nicht geklappt.

So haben Clemens Giesen und der Klever Architekt Werner van Ackeren die Außenansicht des Hauses "Marktstraße 8" geplant. FOTO: Gottfried Evers

Nicht glänzend, sondern arg staubig präsentiert sich die Dauer-Baustelle. Und für ein, zwei Sätze ist zu erahnen, dass die Verzögerung der Arbeiten auch Clemens Giesen nicht unberührt lässt. "Sie können sich nicht vorstellen, wie es hier an manchen Tagen aussah", meint er. "Ich kann es nicht mehr sehen. Jeden Morgen wische ich als erstes mit einem nassen Lappen durch."

Doch die Sätze, in denen Frust erkennbar scheint, sind die Ausnahme. Meist sind es Faszination und Begeisterung für sein "Rückbau"-Projekt, die Clemens Giesen mit seinen Worten zum Ausdruck bringt. Da ist vor allem die Erkenntnis des Archäologe Jens Wroblewski, der in Kleve unter anderem auch die Bereiche zwischen Rathaus und neuer Volksbank auf Spuren aus der Vergangenheit untersucht hat und von dem Restaurator mehrfach zu Rate gezogen worden ist, dass die Außenmauern des Hauses aus dem 15. Jahrhundert stammen würden. "Das ist doch toll, dass so alte Mauern in Kleve noch stehen - angesichts der Zerstörungen durch die Bombenangriffe während des Krieges", meint Clemens Giesen.

In diesem gemauerten "Wandschrank" lagen "alte Schätzchen".

Und neben den Außenmauern gibt es noch ochsenblutrot gestrichene Balken, die aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammen und unter einer Plisterdecke zum Vorschein kamen. Da ist der Karton voller Scherben, die Handwerker sorgfältig aus dem Erdreich im Innenhof des Hauses eingesammelt haben. Clemens Giesen erkennt darin altes niederrheinisches Tongeschirr, chinesisches Porzellanscherben und anderes mehr. Da sind die Fliesen im Keller, die wohl im 17. Jahrhundert gebrannt wurden. Da sind die Tuffsteine, die ehemals Fenster eingerahmt haben. Sie könnten, so hoffte der Restaurator kurz, ehemals in der Schwanenburg verbaut gewesen sein. Doch Archäologe Jens Wroblewski meinte, das könne zwar möglich sein, sei aber spekulativ.

Diese und manch andere Entdeckung, die auf der Baustelle gemacht wurde, machten Entscheidungen nötig. Was soll erhalten werden, was soll sichtbar bleiben? Antworten zu finden, brauchte seine Zeit. Vieles dokumentierte Clemens Giesen als Fotografien. Manches - so die Deckenbalken aus dem Ende des 18. Jahrhunderts - werden wohl im künftigen Verkaufsraum für die Kunden zu sehen sein. Sicher ist sich der Bauherr aber noch nicht.

Diese Scherben fanden Handwerker auf der Giesen-Baustelle. FOTO: CG

"Das Haus braucht einfach seine Zeit - und die soll es auch bekommen", meint der Bauherr. Termine setzt er sich - zumindest was die Sanierung angeht - keine mehr. "Termine werden zur Ursache für unüberlegte, schnelle Entscheidungen", sagt der Restaurator.

In aller Ruhe hat Clemens Giesen deshalb in den Tagen vor Weihnachten die Voluten für die neue Holzfassade des Hauses geschnitzt - auch wenn die Holzfassade noch nicht angebracht ist. Wer das Gebäude von außen betrachtet, kann schon wesentliche Veränderungen erkennen. Auf dem Dach ragt eine Gaube in den Klever Himmel. Die Fenstergrößen im zweiten und dritten Stock entsprechen wieder der ursprünglichen Form und Größe. Der Kontrast zu den Gebäuden links und rechts wird immer krasser.

Damit kann Clemens Giesen gut leben. "Es ist schön, dass schon was Schönes zu erkennen ist", sagt der Bauherr. Dass das Haus seiner Ahnen zu einem "Solitär" werden würde, war ihm von Beginn an klar. Der Restaurator, der seine Heimatstadt Kleve liebt, sagt: "Darauf warten, dass die Stadt über Gestaltungssatzungen oder Gestaltungsbeirat nicht mehr nur redet, sondern diese endlich Realität werden, das will ich nicht. Ich tue lieber das, was ich selber in die Hände nehmen kann."

Quelle: RP
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