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Kleve
Grüne: Windkraft nicht um jeden Preis

Kleve: Grüne: Windkraft nicht um jeden Preis
Ernste Mienen: Gudrun Hütten und Thomas Velten, beide ehemalige Vorsitzende der Klever Grünen, wollen den Bau von Windkraftanlagen im Reichswald verhindern. FOTO: Evers
Kleve. Die Stadt Kleve plant, Windkraftanlagen im Reichswald aufzustellen. Für Mitglieder des Ortsverbands von Bündnis 90/Die Grünen ein Skandal. Doch sind sie sicher: Das Projekt wird schneller wieder begraben sein, als es geboren wurde. Von Peter Janssen

Vor knapp 40 Jahren stand Thomas Velten (61) auf einem Feld bei Kalkar und rüttelte am Bauzaun. Sein Auftrag lautete damals: Welt retten. Zusammen mit Steinewerfern, ein paar extrem Militanten und 40 000 Kernkraftgegnern wollte er den Schnellen Brüter stürmen. Velten kämpfte gegen das Prinzip, durch das Spalten von Atomkernen Wasser zu erhitzen. Mit Erfolg: Heute wird dort geschaukelt.

Mit der Atompolitik ist Velten fertig geworden. Jetzt kämpft er erneut, und es geht wieder um Energie. An einem Infostand in der Klever Innenstadt steht er zusammen mit Gudrun Hütten (63) und weiteren Naturschützern. Hütten gehörte auch zu der Bewegung, die dafür sorgte, dass die Staatsmacht zwischen Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre nervös nach Kalkar guckte. Die beiden sind Grüne der ersten Stunde und waren Vorsitzende der Klever Ortsgruppe. Jetzt wollen sie das verhindern, wofür sie sich jahrelang eingesetzt haben. Saubere Energie durch Windkraft.

FOTO: Stade, Klaus-Dieter (kds)

Für den Pädagogen Velten ist das kein Widerspruch. Er stemmt sich gegen das Vorhaben der Stadt Kleve, im und am Reichswald Windkraftanlagen zu bauen. Auf zehn Flächen von insgesamt 200 Hektar Größe sollen drei Vorrangzonen ausgewiesen werden. "Ich habe 1980 an dem Bau des Windrads auf dem Land von Bauer Maas, der Galionsfigur des Widerstands, mitgearbeitet. Ich bin überzeugt von dieser Art der Energiegewinnung. Es gibt jedoch große Unterschiede, wo man Anlagen aufbaut. Der Wald ist nicht der richtige Ort", sagt Velten. Er wehrt sich gegen den Ausverkauf der Natur. Für ihn macht es keinen Sinn, das wertvolle Ökosystem Reichswald zu zerschlagen, um den Klimawandel zu stoppen.

"Außenstehende können die Pläne nicht nachvollziehen. Niemand stört sich an den Windrädern, die etwa vor Uedem auf dem freien Feld stehen", sagt Gudrun Hütten. Sie will die Zerstörung unzerschnittener Räume verhindern. "Der Tourismus wird erheblich leiden. Ich möchte mit meinen Enkelkindern durch den Reichswald spazieren, ohne an Zufahrten für Industrieanlagen und abgeholzten Flächen vorbeilaufen zu müssen. Der Wald ist Heimat", sagt sie.

Doch gibt es auch andere Stimmen bei den Grünen. Michael Bay, der für das Bündnis 90 im Klever Rat sitzt, sagte jüngst: "Warum sollen wir keine Windkrafträder im Wald aufbauen, wenn alle Vorgaben erfüllt sind?" Eine Vorgabe ist, dass Anlagen nur in Bereichen errichtet werden dürfen, die als minderwertiger Wald oder Nutzwald ausgewiesen sind. Doch was ist ein Nutzwald? "Alle Wälder sind nützlich", sagt Velten.

Gäbe es einen Wettbewerb in der Kategorie "Widerstand leisten", so ist man geneigt, den beiden Grünen gewisse Siegchancen einzuräumen. Jetzt will das Duo die Bevölkerung zum Protest aufrufen. Gemeinsam wollen sie das Vorhaben der Klever Verwaltung, den Reichswald zu verschandeln, verhindern.

Thomas Velten hat sich die Vorgehensweise der Vordenker im Rathaus intensiv angeguckt und ist zu dem Schluss gekommen, dass es dem Projekt an nichts fehlt, außer an Substanz.

"Das ist dilettantisch vorbereitet und mit heißer Nadel gestrickt. Der Besitzer des Reichswalds, der Landesbetrieb Wald und Holz, hat aus der Zeitung erfahren, dass der Bau auf seinem Gelände vorbereitet wird. Da muss man sich schon anstrengen, um derartige Planungsfehler zu begehen", sagt Velten. Sollte die Verwaltung das Vorhaben weiterverfolgen, so der 61-Jährige, würde sie sich "eine blutige Nase holen".

Ein weiteres Argument gegen Industrieanlagen im Wald ist, dass seit Jahren in und rund um den Reichswald Millionen Euro für Naturschutzmaßnahmen investiert wurden und werden. So etwa für das Projekt "Kettelwald", das auch vom Land und der Euregio getragen wird.

"Da wäre reichlich Geld völlig sinnlos ausgegeben worden", sagt Hütten. Zudem zeigen artenschutzrechtliche Vorprüfungen, dass in den Bereichen reichlich unter Artenschutz stehende Vogel- und Fledermausarten sowie Reptilien unterwegs sind. Kein Vorteil für das Projekt.

Velten weist auf eine Aussage der Kreisverwaltung hin: "Der Kreis liefert mit errichteten und genehmigten Windenergieanlagen bereits nahezu ein Drittel der gesamten im Regierungsbezirk Düsseldorf vorgesehen Strommenge." Die Verwaltung kommt in einer Stellungnahme zu dem Schluss, dass der Kreis sein Soll, was die Errichtung von Windkraftanlagen betrifft, mehr als erfüllt habe und der Bereich des Reichswaldes von der Errichtung weiterer Windenergieanlagen auszunehmen ist. "Niemand wird gezwungen, Windkrafträder aufzubauen - auch nicht Kranenburg", sagt der Naturschützer, der den dort geplanten Bau von zwölf Anlagen für das "perfekte Verbrechen" an der Natur hält.

Den Windkraft-Plänen der Klever Verwaltung räumt der 61-Jährige geringe bis gar keine Chancen ein. Dennoch will er zum Widerstand aufrufen. Der Ur-Grüne geht selten einer Auseinandersetzung aus dem Weg. Denn Velten gehörte immer schon zur kämpfenden Truppe. Zweifler werden um Handzeichen gebeten.

Quelle: RP
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