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Kleve
Stolpersteine erinnern an Klever Judenverfolgung

Gunter Demnig in Kleve: Stolpersteine erinnern an Klever Judenverfolgung
Die Zeitzeugin Eva Weyl erzählte bei der Verlegung der Stolpersteine von der Geschichte ihrer Familie, die in Kleve wohnte. FOTO: Evers
Kleve. 23 weitere Stolpersteine sind am Donnerstag in Klever Straßen eingelassen worden. Sie sollen an schreckliche Ereignisse in der Nazi-Zeit erinnern, von denen auch die Familie der noch lebenden Zeitzeugin Eva Weyl betroffen war. Von Milena Reimann

Sie war schon oft hier vor diesem Haus, doch heute ist sie nicht alleine. Einige Dutzend Menschen sind gekommen - die Klever Bürgermeisterin, Freunde, ihre Söhne, Schüler. Sie stehen an ihrer Seite, gedenken ihrer Familie, die einst auf diesem Grundstück gewohnt hat, bevor die Nazis sie vertrieben. Während eine Rede gehalten wird, klopft es im Hintergrund. Ein Mann mit Hut und in Arbeiterhose - es ist der Künstler Gunther Demnig - kniet auf dem Bürgersteig und lässt vier kupferfarbene Würfel in den Boden ein. Es sind sogenannte Stolpersteine und sie rufen in Erinnerung, was der Familie von Eva Weyl in Kleve angetan wurde.

An der Lindenallee 32a stand in den 1930er Jahren die Villa der Familie Weyl. Anton, der Urgroßvater von Eva Weyl, hatte 1881 ein Kaufhaus in Kleve eröffnet, ungefähr dort, wo heute der Kaufhof steht. Als Adolf Hitler im Jahr 1933 an die Macht kam, wurde das Leben in Kleve für die jüdische Familie immer unerträglicher, wie Eva Weyl sagt. "Schnell kam der Wunsch auf, aus der Heimat zu fliehen", erzählt die 81-Jährige. Schon 1934 floh ihr Vater Hans in die Niederlande, wo Eva Weyl ein Jahr später geboren wurde. Nachdem ihre Tante Trude von der Gestapo inhaftiert wurde und wieder frei kam, hielt auch sie es nicht mehr aus in Kleve und floh mit ihrem Mann in die USA. 1939 wollte auch ihr Opa David weg aus Kleve und kam in die Niederlande - er musste sein Vermögen zurücklassen, die Villa, das Kaufhaus. "Ein Imperium", sagt Weyl.

Doch selbst in den Niederlanden war die Familie nicht sicher. 1942, die Nazis hatten die Niederlande längst eingenommen, wurde Weyls Familie in das Durchgangslager Westerbork gesteckt. Opa David brachte man ins Ghetto Theresienstadt, wo er zwar nicht starb - doch "für Großvater war es fatal." Er erlag kurz nach der Befreiung einer Knochentuberkulose.

Die vier Stolpersteine vor der Lindenallee 32a erinnern an Familie Weyl. Das Stolpersteinprojekt gibt es seit den 1990er Jahren, in Kleve seit November 2016. FOTO: Evers Gottfried

"Es ist ein Wunder, dass ich heute hier stehe, in Kleve, wo man meine Familie verhöhnt und vertrieben hat", sagt Eva Weyl. "Wir haben es nur einer wundersamen Kette von Zufällen zu verdanken, dass wir überlebt haben", sagt sie. Ihr Vater war in der Lagerverwaltung angestellt, vielleicht habe das die Familie geschützt. "Es ist sehr befriedigend, dass ihre Namen hier jetzt wieder präsent sind."

Rund 150 Juden lebten 1933 in Kleve, viele wurden vertrieben oder in Konzentrationslager gebracht. Sie sollen Stolpersteine bekommen, die an sie erinnern. Die Steine werden vor den Orten in den Boden gelassen, an denen die Verfolgten zuletzt freiwillig gelebt hatten.

Ihre Geschichte erzählt Weyl immer wieder in Schulklassen, auch in Kleve. Rund 1000 Schüler haben sie schon gehört - und es sollen noch mehr werden. Auch bei der Verlegung der Stolpersteine an der Lindenallee sind viele Schüler anwesend. Einige tragen selbstgeschriebene Dialoge vor, in denen sie die Geschichte der Weyls erzählen.

Insgesamt 23 Steine wurden am Donnerstag verlegt. Im vergangenen November waren erstmals Stolpersteine in Kleve in die Straßen eingelassen worden, nachdem der Rat einstimmig beschlossen hatte, das Projekt Stolpersteine auch in Kleve zu realisieren. Hier wird das Projekt vom Haus Mifgash umgesetzt, die nächsten Steine sollen am 10. Juli verlegt werden.

Seit den 1990er Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine. Man findet inzwischen Tausende in deutschen und europäischen Städten. Jeder Stein wird einzeln gefertigt, jede Inschrift von Hand eingemeißelt. Fast immer kommt Demnig persönlich, um die Steine zu verlegen. Jedes Schicksal soll gewürdigt werden, mit diesem zeitaufwendigen Prozedere will der Künstler der Massenvernichtung von damals etwas entgegensetzen.

Als sich der Trubel legt und die Menschen gegangen sind, betrachtet Eva Weyl die Gedenksteine. Sie nimmt einen kleinen weißen Stein und legt ihn dazu. Sie sagt: "Blumen verwelken, aber Steine bleiben."

Quelle: RP
 
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