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Wigald Boning
Häuser und Heizung sind überbewertet

Wigald Boning: Häuser und Heizung sind überbewertet
Ein halbes Jahr lang verbrachte Wigald Boning im Zelt. Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben, und daraus liest er am Mittwoch in Kleve. FOTO: Menne
Kleve. Wigald Boning kommt am 26. Oktober nach Kleve und liest im Restaurant zum Aussichtsturm aus seinem neuen Buch.

Ein halbes Jahr lang, von Oktober bis März, verbrachte Wigald Boning seine Nächte in einem Zelt: Er schlief auf Campingplätzen, in Parks und Gärten, ja sogar in Flussbetten. Dabei stellte er fest, dass ein rotes Zelt beim Wildcampen eher ungeeignet ist, eine Woche Dauerregen die Moral sinken lässt und Mäuse Kekse genauso gerne mögen wie er. Die Idee kam dem Komiker in einer warmen Sommernacht. Während seine Familie und Freunde mit einem Kopfschütteln reagierten, zog Boning sein Experiment durch. Wie gewohnt lebte er seinen Alltag und trat weiterhin auf Veranstaltungen auf - schlief aber Nacht für Nacht im Zelt.

Herr Boning, am kommenden Mittwoch werden Sie in Kleve aus Ihrem neuen Buch: "Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen" vorlesen. Gehört Ihr Einmannzelt dann auch wieder zum Gepäck?

wigald Boning Ja, das ist wahrscheinlich. Gerade an herbstlichen Regentagen übernachte ich am liebsten im Zelt, schon weil ich das Geräusch der Tropfen auf das Zeltdach sehr mag. Allerdings sind noch einige logistische Fragen zu klären; ich bin auf meiner Lesereise recht lang unterwegs. Womöglich ersetze ich das Zelt durch eine einfache Plane.

Waren Sie schon einmal in Kleve?

Boning Nein, ich war noch nie in Kleve - das wird meine persönliche Premiere. Auch in einem Aussichtsturm bin ich erst selten aufgetreten, das letzte Mal vor drei Jahren in Jena. So was ist selbstverständlich etwas Besonderes!

Welche Erwartungen haben Sie an die Stadt?

Boning Als Grundschüler hatte ich einen Sitznachbarn, der mit Nachnamen "Klever" hieß - ein sehr angenehmer Zeitgenosse mit Prinz-Eisenherz-Frisur und enorm dicker Hornbrille. Er ist meine wichtigste Assoziation mit Kleve.

Sie verbrachten 200 Nächte bei Wind und Wetter in Ihrem "Walmagen", wie Sie ihr Zelt liebevoll genannt haben. Was war der skurrilste Ort, an dem Sie gezeltet haben?

Boning Ich durfte an einigen ganz besonderen Orten zelten, etwa im Mittelkreis des Bremer Weserstadions. Geschlafen habe ich wenig, aber dafür blieb mir jede Sekunde dieser Nacht unauslöschlich in Erinnerung.

Und was war der eindrucksvollste?

Boning Auf dem Gipfel der Krinnenspitze in den Tiroler Alpen. Der morgendliche Blick übers Wolkenmeer war herrlich.

Wie war es möglich, Ihren Alltag tagsüber normal weiterzuleben und Ihre Auftritte wahrzunehmen?

Boning Das war logistisch oft gar nicht so einfach. Ich hatte immer einen schweren Rucksack dabei und war häufig sehr, sehr müde. Manchmal führte auch die Suche nach Zeltplätzen zu nur unzulänglichen Ergebnissen.

Wie oft ging Ihnen während dieser Zeit Ihr Hit "Mief", den Sie 1995 mit Olli Dittrich hatten, durch den Kopf?

Boning Zumeist hatte ich Waschgelegenheiten, nutzte Zug- oder Kundentoiletten. Im Februar gab es jedoch eine Woche mit extremem Schmuddelwetter, in der alles verdreckte. Ich habe dann mit meiner Ausrüstung gemeinsam geduscht.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihre Managerin sich große Sorgen um Sie machte. Gab es Situationen, in denen es schon einmal brenzlig wurde?

Boning Eine Nacht auf einer Parkbank am Rhein in Köln war mir mulmig, und ich hatte das CS-Gas in der Hand. Aber brenzlig war es häufiger durch ungünstige Wetterbedingungen, vor allem Gewitter und Sturm.

Gab es auch Momente, in denen Sie Ihr Projekt abbrechen wollten?

Boning Nein, so weit kam es nie. Ich hätte auch gerne noch weiter gezeltet, musste jedoch in Tschernobyl drehen - und da ist Zelten verboten.

Am Anfang Ihres Buches werfen Sie die Frage auf: Ist Schlafen im Freien Glück. Welche Antwort geben Sie nun darauf?

Boning Ich habe meine Zelt-Epoche als spannende, bereichernde Zeit in Erinnerung. Verzicht und Glück sind miteinander verbunden - wenn man denn überhaupt glücklich sein will.

Sie wollten auch wissenschaftliche Studien machen, wie sahen die aus?

Boning Das ganze Experiment war lehrreich: Ich erfuhr etwas über mich und meine Grenzen, über meine Mitmenschen und den Stellenwert des Obdachs in unserer Gesellschaft.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Boning Häuser und Heizung sind überbewertet, wenn man einen guten Schlafsack besitzt.

Bei Ihren Angehörigen stießen Sie zunächst auf Unverständnis, hat sich das nun geändert?

Boning Ja. Meine Kinder fanden die Idee zunächst bekloppt, inzwischen biwakieren wir gerne zusammen im Hochgebirge.

Würden Sie Ihr Experiment weiterempfehlen? Und welche Tipps hätten Sie für Nachahmer?

Boning Unbedingt. Meidet alle überflüssigen Ausrüstungsgegenstände und achtet darauf, dass der Schlafsack trocken bleibt. Das ist überhaupt das Allerwichtigste beim Zelten.

Wie war die erste Nacht, in der Sie wieder ein festes Dach über dem Kopf hatten?

Boning Viel zu warm. Nach 20 Minuten bin ich wieder in den Garten umgezogen.

NATALIE URBIG FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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