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Niederrhein
Kalkar: eine Reise ins Mittelalter

Niederrhein: Kalkar: eine Reise ins Mittelalter
In der liebevoll sanierten Mühle wird ein eigenes Bier gebraut. FOTO: MArkus van Offern
Niederrhein. Keine 2000 Einwohner zählte Kalkar im 15. und 16. Jahrhundert - und doch leisteten sich die Gilden und Bruderschaften herausragende Altäre für ihre Kirche. Und die Bürger bauten stattliche Häuser um den Markt, die noch heute ins 15. Jahrhundert einladen. Von Matthias Grass

Stolz steht das Rathaus mit dem kleinen spitzen Treppentürmchen in der Mitte der alten Fassade an der Kopfseite des Platzes. Der rechteckige Markt ist mit Kieselsteinen belegt, die Linde öffnet ihre ersten zartgrünen Blätter, rund um den Markt stehen die Stufengiebel der alten Häuser aus dem Mittelalter. Sonnenschirme locken zum Espresso oder laden zu einem Eis von Cason ein. Ansonsten ist es still in der knapp 14.000 Einwohner kleinen Stadt. Dabei weist das stolze Rathaus auf eine reiche Vergangenheit: Kalkar war im Mittelalter Hansestadt, und das Mittelalter prägt das Städtchen bis heute.

Das pralle Leben des 15. Jahrhunderts, Kabale und Liebe, Mord und Totschlag findet der Besucher noch heute - in der Kirche. Die bildgewaltigen Geschichten in den großen Altären erzählen nicht nur die Heiligenlegenden oder bilden das Leiden Jesu ab. Allein der Hochaltar hat mehr als 200 plastische und vollplastische Schnitzfiguren, die vornehmlich Meister Arnt und Ludwig Jupan, den man in Kalkar Meister Loedevich nannte, ab 1490 geschnitzt haben. Kein Geringerer als Jan Joest schuf wenig später um 1505 die Bilder für die Flügel des Altars. Und wer genau hinguckt, findet in der Dornenkrönung im Palast des Pilatus das Fliesenmuster der Kirche im Altarraum. Bei geschlossenen Flügeln erblickt man auf dem Bild von der Auferstehung des Lazarus gleich den ganzen Marktplatz um 1500. Auf einem später entstandenen Bild am Sieben-Schmerzen-Altar sieht man gar den Turm der Klever Burg - der es auf dem Bild irgendwie bis Jerusalem geschafft hat.

Das Ratskeller-Team in der "Postkutsche" hinterm Tresen. FOTO: van Offern Markus

Die Kalkarer stellen sich als Stadt des Mittelalters mit dem "einmaligen Ensemble von Architektur und Kunst" (so der ehemalige Klever Museumsdirektor Drs. Guido de Werd) gerne in die Reihe mit Rothenburg, Lüneburg, Lübeck, Bamberg oder Görlitz. Wie auch immer - die mittelalterlichen Altäre stehen tatsächlich in einer Reihe mit den Werken von Tilman Riemenschneider oder Veit Stoß. Überbordend die Fülle der Figuren im golden glänzenden Georgsaltar (Meister Arnt) und im Hochaltar (Meister Arnt und Ludwig Jupan), genial der Sieben-Schmerzen-Altar von Henrik Douwerman: die ins harte Eichenholz geschnittenen Figuren, Ritter und Reiter, Frauen und Bürger, Heiligen und nicht zuletzt der leidende Christus. Umgeben sind die Szenen vom genialischen Rankwerk der Wurzel Jesse und darin sich windender Könige und Vorfahren Jesu, wie David mit der Harfe oder Salomon mit dem Zepter. Douwerman schuf Figuren voller Lebendigkeit, die wie gerade in einem Standbild in der Bewegung eingefroren scheinen, sich vielleicht gleich mit ihren langen Lanzen weiter bewegen.

Man muss Zeit mitbringen für diese Altäre, entdeckt immer neue Details in den strikt durchkomponierten Bildern. 1818 zählte die Kirche 17 große Altäre, heute zählt die Kirche neun Schnitzaltäre. Einige wurden verkauft, abgebaut oder die Figuren verteilt. Es lohnt, einen Führer zu nehmen, der so manches Döneken zu den einzelnen Figurengruppen und auch zu den neuen Fenstern, die das Haus in mythisches Licht tauchen, erzählen kann: werktags 10 bis 11.45 Uhr, 14 bis 17.45 Uhr sonn- und feiertags 14 bis 17.30 Uhr, 12 Uhr freie Führung.

Hohe Kunst in tiefem Glauben: der um 1490 begonnene Hochaltar von Meister Arnt von Kalkar sowie Ludwig Jupan. FOTO: van Offern Markus

Im Hier und Jetzt hat sich Kalkar inzwischen zur Gastro-Meile gemausert: Wer einen Abend bei gutem Wein und Essen verbringen will, ist bestens aufgehoben. Rund um den Markt sortieren sich die Gastronomen. Michael und Petra Meier verbinden in Meier's Restaurant internationales Niveau und traditionelle Küche, gönnen den Gästen durch große Fenster den Blick auf den abendlichen Markt, im Ratskeller locken Petra und Georg Kellendonk in die alten Backstein-Gewölbe unterm Rathaus und frönen der regionalen Küche. Es gibt kleine Tische in der dicken Mauernische, dazu die von Holz und Glas umgebene Postkutsche: Aber Achtung, wer den stillen Tisch für "Hinterzimmer-Kungel-Runden" haben möchte, muss hinter den Tresen. In der Gildenkamer wird Bistro-Küche im Mittelalterhaus mit Wandgemälden aus dem Jahr 1490 serviert. Richtig italienisch geht's bei Rocco's zu. Und auch die alte Mühle in Kalkar ist zu neuem gastronomischen Leben erweckt: Hier gibt's Deftiges und dazu ein köstliches eigens gebrautes Mühlenbier. So, wie im Mittelalter. . .

Quelle: RP
 
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