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Kleve
Kleinkunst über Kleve

Kleve: Kleinkunst über Kleve
Kabarett hautnah erleben: Ludger Kazmierczak (l.) gastiert im dritten Jahr mit seinem Programm im Restaurant am Aussichtsturm - und dies äußerst erfolgreich. FOTO: Gottfried Evers
Kleve. Irgendwann ent-deckte der Journalist Ludger Kazmierczak seine Freude am Kabarett. Auf diesem Gebiet hat er jetzt seine Begabung erneut unter Beweis gestellt. Auch bei der dritten Auflage seines satirischen Jahres-rückblicks präsen-tierte er gehobene Abendunterhaltung. Von Peter Janssen

Der Klever ist gern pünktlich, damit er einen guten Platz bekommt - oder besser "kricht". So sitzen sie im Lokal am Klever Aussichtsturm an rustikalen Holztischen lange vor Beginn der Veranstaltung. Das Restaurant ist bereits früh beachtlich gefüllt. Wie bei den anderen Gastspielen von Ludger Kazmierczak auch, der erneut die vergangenen zwölf Monate unter dem Titel "Von oben herab" Revue passieren lässt. Knapp 100 Gäste sorgen für einen Turm voller Vergnügen.

Es ist bereits die dritte Auflage von Kazmierczaks satirischem Jahresrückblick, die aktuell in dem Lokal läuft. Auf einen besonderen oder ständig wechselnden Namen für sein Programm legt er keinen Wert. Warum auch? Da kann er drauf schreiben, was er will, die Leute kommen ohnehin. An 13 Terminen trägt der Mann vor, was sich aus seiner Sicht Bedeutendes in den zurückliegenden Monaten im Kleverland ereignet hat. Alle Veranstaltungen sind ausverkauft. Wer in den vergangenen Jahren dabei war, hat gute Erfahrungen mit Kazmierczak gemacht. Die Gastwirtschaft am Turm hätte wohl noch häufiger gefüllt werden können. Die Provinz lechzt nach Pointen.

Trotz seines enormen Erfolgs als Kleinkünstler ist Ludger Kazmierczak hauptberuflich weiterhin ein renommierter WDR-Hörfunkjournalist und Studioleiter in Kleve. An welcher Stelle seines Lebens ihm aufgefallen ist, dass er Gags besser schreiben und erzählen kann als die meisten Menschen, weiß er nicht mehr. Seine Begabung wurde spätestens bei den zahlreichen Lesungen niederländischer Autoren im Museum Kurhaus offenbar, die er moderierte. Die Abende hatten neben einem hohen Informationsgehalt einen nicht minderen Unterhaltungswert. "Du musst unbedingt was mit Kabarett machen", wurde ihm im Anschluss an eine der literarischen Veranstaltungen empfohlen. Er hielt sich daran.

So steht der Mann mit den ausladenden Gesten derzeit regelmäßig im Lokal des Aussichtsturms. Er beginnt seinen Vortrag mit einem Lied, das den Titel "Kleve macht Spaß" trägt. Der Einstieg in einen gelungenen Abend ist gemacht, etliche Gäste klopfen den Rhythmus des Refrains auf den Tischen mit. Kazmierczak klärt auf, dass er für sein Programm nicht viel erfinden musste. Er habe nur aufgeschrieben, was in Kleve und im Umland passiert sei. Das Parkleitsystem, der Klassiker Weihnachtsbeleuchtung, eine perspektivlose CDU, die sich selbst auflösenden Grünen, die Bürgermeisterwahl - alles Themen aus dem sich zu Ende neigenden Jahr. An dem Vermögen, Dinge zu vermasseln, haperte es in Kleve nämlich noch nie. Und mittendrin ein König ohne Reich. Der "Mann ohne Nachnamen", wie Kazmierczak den alten Bürgermeister nennt. Theo Brauer - nach ihm sollte eine Straße oder zumindest ein Kreisverkehr benannt werden, so der Künstler.

Was sich im Laufe der Jahre an den "Von oben herab"-Abenden grundlegend verändert hat, ist die Bandbreite des Publikums. Sie wird größer. So gehört die 78-jährige Klever Kult-Gastronomin Marie-Luise Klar, alias Puppa Schmitz, mit ihren Freundinnen zu seinen Gästen. Die angesehene Dame ist bereits zur Pause begeistert und fordert: "Du musst unbedingt auch mal bei mir spielen." Neben Junganwälten und Medizinern sitzen Nachbarschaften sowie Gymnastikgruppen in der Runde, die sich allesamt ausgezeichnet amüsieren, obwohl das Interesse am gesellschaftlichen Leben der Stadt völlig unterschiedlich ausgeprägt ist. Grund dafür, warum Kazmierczaks Pointen trotz seines inhomogenen Publikums dennoch funktionieren, ist, dass er allen den Weg dorthin ebnet. Denn Kabarett ist das Spiel mit dem erworbenen Wissenszusammenhang des Publikums, so ein Theoretiker.

Der Journalist hat mit seinem Programm eine Lücke in der Klever Kulturlandschaft gefunden. Die Leute kommen, weil sich herumgesprochen hat, dass dort mehr geboten wird als der sonst hierzulande weit verbreitete Sparkassenhumor.

Die Säulen seines Programms sind die lokalen Themen. So hat er etwa die Abiturzeitung der neuen Klever Bürgermeisterin Sonja Northing, geborene Derieth, aus dem Jahr 1987 mitgebracht und zitiert daraus: "In der Schule fällt Sonja durch ihre wirkungsvolle Nervstrategie - sprich: destruktive, dumme Fragen - auf, die sie vor allem bei ihrer Lieblings-Biologie- und Chemie-Lehrerin Frau Zieße anwendet. Sonja unterscheidet sich von ihrer seit Jahren festen Freundin Sabine dadurch, dass sie auch tagsüber herumläuft, als wenn sie kurz vor einem heißen Discobesuch steht." Nimmt man die Charakterisierung der Mitschüler als Maßstab, so wäre die Blitzkarriere der Verwaltungschefin ein typischer Fall von einmal zu oft befördert. "Da haben wir uns ein richtiges Luder ins Rathaus geholt", sagt der Kleinkünstler.

Auch die Vorlagen von Alt-Bürgermeister Theo Brauer werden von Kazmierczak immer gern verwertet. Ein Mann, der auch noch am Ende seiner Amtszeit einen bleibenden Eindruck hinterließ. Brauers Abschied irritierte ihn. Mit Fackeln, Blaskapelle, Schützen und Karnevalisten marschierte Brauer nach "intensiv gelebter Amtszeit als Bürgermeister" die Innenstadt hinab. Der Martinszug sei doch wesentlich später, so der wortgewaltige Mann, der es an mehrern Stellen schafft, mit Kleinkunst Anfälle von Größenwahn darzustellen.

Die Kalauer-Dichte ist gering. Der Künstler hat nur wenige in sein Programm eingebaut. Eine davon ist wohl seiner Vorliebe für die Gladbacher Borussia geschuldet. So fragt er in die Runde: "Warum gibt es in der Schalker Veltins-Arena nur Pommes in Tüten?" Stille. "Weil die nicht wissen, wie man 'ne Schale hält." Eingestreut funktioniert auch diese Sorte Humor. Doch geht er sorgsam mit den Schenkelklopfern à la Fips Asmussen um.

Auf der Suche nach Ansätzen von Kritik, wird man am ehesten beim Gesang des 46-Jährigen fündig. Siebenmal verpackt er seine Botschaften in Schlager oder Hits aus den 80er Jahren. Und so hört sich sein Vortrag an besonders kniffligen Stellen wie die Hilferufe von verschütteten Bergleuten an. Doch wirkt es eher angenehm, wenn während der zweieinhalb Stunden Programm nicht alles wie geleckt über die Bühne geht.

Sicherlich könnte der Klever auch derzeit schon drei- vielleicht viermal die Stadthalle füllen. Aber muss man das? Im Turm hat er eine kleine Bühne und erzielt eine große Wirkung. Derzeit ist es die Kunst im Kleinen, die Erfolg bringt.

Der verstorbene Gründer der TV-Satire-Sendung "Scheibenwischer", Dieter Hildebrandt, sagte einmal: "Als ich Kabarettist wurde, wusste ich nicht, dass das ein Berufsstand ist." Nach den immer erfolgreicher werdenden Auftritten könnte man vermuten: Kazmierczak weiß es auch nicht.

Quelle: RP
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