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Niederrhein
"Krake" soll Dörfer in der Euregio retten

Niederrhein. Mit knapp vier Millionen Euro unterstützen Euregio, das Land NRW und die Provincie Gelderland ein Interreg-Projekt für die Zukunftsfähigkeit von Dörfern. Beteiligt sind die Hochschulen Arnheim/Nimwegen, Münster und Rhein-Waal. Von Matthias Grass

Der Name ist eine maßlose Untertreibung: "Kiosk" steht in Großbuchstaben auf dem Giebel der alten Backsteinscheune in Wissel. Doch hinter dem Tor findet der Gast alles, was er braucht: Von der Soja-Milch bis zum Pils, von der Dose Chappi bis zum Glas Nutella. Und ein paar gute Weine fehlen auch nicht. Selbst vegane Lebensmittel hat Michael Heblich, Mitarbeiter des "Kiosk", im Angebot. Und die Tasse Kaffee kann man gemütlich in einer Art Café trinken. Bei durchfahrenden Handwerkern, die hier ihr Pausenbrot nehmen, ebenso wie bei den Wisselern, ist der täglich lange geöffnete Kiosk beliebter Treffpunkt.

"Ein solches Geschäft ist ein Glücksfall für ein Dorf", sagt Professor Klaus Hegemann. Der Wirtschaftswissenschaftler der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) begleitete nicht nur das Projekt "smart villages", das zu "Lösungen zur Zukunftsfähigkeit des Landlebens" arbeitete. Klaus Hegemann ist jetzt mit einem guten halben Dutzend weiterer Wissenschaftler aus den Fakultäten beider Standorte der HSRW in Kleve und Kamp-Lintfort auch beim neuen Interreg-Projekt "Krake" federführend dabei.

Mit "Krake" ist nicht der achtarmige Meerbewohner gemeint, sondern es geht um "Krachtige Kernen/Starke Dörfer". Für das Projekt mit dem klingenden Namen gibt's EU- und Landesgelder, es sind drei Fachhochschulen, die HAN Nimwegen/Arnheim, die FH Münster und die Hochschule Rhein-Waal beteiligt. Projektleiter ist die "Hogheschool Arnhem Nijmegen" (HAN). 40 Dörfer diesseits und jenseits der Grenze nehmen an dem Projekt teil. "Wir dürfen den ländlichen Raum nicht liegen lassen", warnt Hegemann, der in Wissel lebt und ins Dorfleben eingebunden ist.

Professor in Heike Helen Weinbach von der Fakultät Gesellschaft und Ökonomie in Kleve, untersucht auch die Familienstrukturen im dörflichen Leben, geht der Frage nach, wie kann man die kleinen Kinder versorgen kann, wenn beide Eltern arbeiten müssen. Andere untersuchen das Wohnen im Dorf, wie man dem Bevölkerungsschwund begegnen kann.

Insgesamt gibt es sechs Arbeitspakete, an denen die beteiligten Hochschulen interdisziplinär arbeiten. "Wir suchen nach der DNA des Dorfes, gehen der Frage nach, wie man in Dörfern die eigene Identität fördern kann, wie man es organisieren kann, dass sich die Dorfgemeinschaft für bestimmte Dinge verantwortlich fühlt", sagt Hegemann. Da könne man an nicht Profit orientierte genossenschaftliche Lösungen denken, wenn es wie in ganz vielen Dörfern keinen Laden, keinen Kiosk, keine Kneipe mehr gibt. Man könnte Punktekonten haben für Dienstleistungen, die man gegenseitig leistet. Zugleich muss der Einsatz neuer Medien untersucht werden. Die Wissenschaftler wollen beleuchten, wodurch das lange funktionierende Dreieck "Kirche-Kneipe-Fußballplatz", wo der Austausch zwischen den Menschen stattfand, ersetzt wurde.

Hegemann stellt die These auf, dass Dörfer kooperieren müssen, erkennen müssen, dass sie nur als Region überlebensfähig sein können. Und das geht auch über die deutsch-niederländische Grenze hinweg. "Die Grenze überwinden ist ein ganz wichtiges Ziel", sagt er. Zudem erweitert es den Blick: Spannend dürfte der Vergleich der Pflegesysteme sein. "Beim Austausch über die Grenze können wir voneinander lernen", sagt der Professor.

"Die Experten für diese Fragen sind die Menschen, die vor Ort leben", sagt Hegemann. Deshalb werden 15 Studenten durch Wissel und die anderen Dörfer ziehen, und die dort lebenden Menschen befragen. Es sollen in den Orten Dorfversammlungen folgen, es wird Arbeitsgruppen mit den Bürgern geben und schließlich sollen konkrete Maßnahmen erarbeitet und umgesetzt werden. Am Ende des Projektes "Krake" soll ein Handbuch entstehen, eine Art Datenbank, in der Vorschläge gesammelt sind, wie man ein Dorf in welcher Größe nach Vorne bringen kann.

Mit 3,7 Millionen Euro werden die Hochschulen auf ihrer Suche nach Lösungen für die Dorfgemeinschaft gefördert. 50 Prozent kommen von der EU, jeweils 25 Prozent vom Land NRW und von der Provincie Gelderland.

Quelle: RP
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