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Kleverland
Kranenburg soll Armenhaus in NRW sein

Kleverland: Kranenburg soll Armenhaus in NRW sein
Dunkelrote Stellen gibt es im Nordkreis Kleve einige: Sie zeigen an, wo die Kaufkraft im NRW-Vergleich die niedrigste ist. FOTO: Cima
Kleverland. In einer vom Cima Institut für Regionalwirtschaft veröffentlichten Kaufkraftstudie rangiert Kranenburg auf dem letzten Platz von 396 NRW-Kommunen. Bürgermeister Günter Steins: "Berechnung führt zu völlig falschen Ergebnissen." Von Peter Janssen

Die Rhein-Schiene hat die Taschen voll, die Sorgenkinder sitzen auf dem Land. Nach einer Studie des Cima Instituts geben die Bürger in der Grenzregion wesentlich weniger für den Konsum aus als etwa in nordrhein-westfälischen Großstädten wie Düsseldorf, Köln und Bonn zuzüglich ihrer sie umgebenden "Speckgürtel".

Blick in die Kranenburger Ortsmitte. Einer Studie zur Folge haben nirgendwo in Nordrhein-Westfalen die Bürger weniger Geld für den privaten Konsum zur Verfügung als in der Grenzgemeinde. FOTO: Gottfried Evers

Dr. Wolfgang Haensch, der die Cima-Untersuchung leitete, erklärt: "Es geht in der Studie allein um das Geld, was die Bürger im Einzelhandel ausgeben." In Kranenburg ist die Summe extrem gering. Von 396 Orten in NRW belegt die Grenzgemeinde den letzten Rang. Das bedeutet, dass nach dieser Erhebung nirgendwo in NRW die Einwohner innerhalb ihrer Kommune weniger Geld für den Konsum ausgeben als im Norden des Kreises. Die Kaufkraft liegt 85 Prozent unter der des Landesdurchschnitts. Kranenburg gilt also als das Armenhaus des Landes. "Diese Aussage kann man nach den Ergebnissen so treffen", sagt Haensch.

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Studie wirft Fragen auf

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Nicht berücksichtigt ist in der Studie das Geld, was etwa die Niederländer in Kranenburg lassen. Deshalb kann die Zentralitätskennziffer, die aussagt wie hoch der Umsatz im Verhältnis zur lokalen Kaufkraft innerhalb einer Kommune ist, besser ausfallen als die Ergebnisse der Studie. Auch die anderen Kreis Klever Städte und Gemeinden sind keine Oasen in der Kategorie Kaufkraft. Die landesweiten Untersuchungsergebnisse sind geprägt von erheblichen Unterschieden. Vor allem zahlreiche ländliche sowie grenznahe Regionen schneiden bescheiden ab.

Die Studie über die Kaufkraft, die einen Teil der Konsumausgaben ausmacht, stützt sich auf Ergebnisse des Statistischen Bundesamts. Die Cima ermittelt darauf aufbauend die jährlichen Verbraucherausgaben der privaten Konsumenten.

Die kaufkraftstärkste Kommune in NRW ist Meerbusch. Hier gibt jeder Einwohner im Jahr durchschnittlich 7117 Euro im örtlichen Einzelhandel aus. Demgegenüber sind es in Kranenburg lediglich 4625 Euro. Im Norden des Kreises kaufen Bedburg-Hauer für 5366 Euro ein. Dahinter rangieren: Goch (5269), Uedem (5240), Kleve (5209) und Kalkar (5135). Der größte Teil der Verbraucherausgaben entfällt auf Nahrungs- und Genussmittel. Für Kranenburgs Bürgermeister Günter Steins tendiert die Aussagekraft dieser Studie stramm Richtung Null. "Es spielt bei der Untersuchung keine Rolle, ob das Einkommen im In- oder im Ausland erzielt wurde.

Geld der Niederländer wird nicht berücksichtigt

Für eine Grenzgemeinde führt diese Vorgehensweise bei der Berechnung zu völlig falschen Ergebnissen, weil die in den Niederlanden erzielten Einkommen nicht erfasst werden. Mindestens 30 Prozent der erwerbstätigen Kranenburger arbeitet jedoch in den Niederlanden." Die Statistiker würden nur etwa 60 bis 70 Prozent des Einkommens erfassen so Steins, dividieren dieses aber durch alle Kranenburger. "Für mich sind die Berechnungen der Kaufkraft falsch und wissenschaftlich wertlos", sagt Steins, "aber dies ist nicht die erste Studie, die den hohen Anteil der niederländischen Mitbürger in unserer Gemeinde unberücksichtigt lässt."

Für Kleve sieht es laut der Studie etwas besser aus, doch einen Grund, in große Euphorie auszubrechen, gibt es offenbar auch für die Einzelhändler in der Kreisstadt nicht. So rangiert Kleve auf Rang 365. Was jedoch ebenso - wie auch im Fall Kranenburg - berücksichtigt werden muss, ist die Attraktivität für das Umland, in der Kreisstadt einzukaufen und Bürger, die in den Niederlanden arbeiten.

Auch Aussagen über die Zukunft der Innenstädte

In der Studie gibt es auch deutliche Aussagen darüber, wie in Zukunft die Innenstädte entwickelt werden sollten. Eindeutig nicht nach dem Motto "Bauen was das Zeug hält, Hauptsache ein Investor mehr". "Aufgrund sinkender Bevölkerungszahlen in Kombination mit einer geringeren Kaufkraft wird weiterer Druck auf die Innenstädte aufgebaut", sagt Haensch, "es müssen spezifische Konzepte her, um dieses wachsende Problem in den Griff zu bekommen." Für NRW wird bis 2025 ein Bevölkerungsrückgang um knapp 2,4 Prozent vorhergesagt. "Der Norden des Kreises Kleve muss wesentlich mehr tun als einige Ballungsräume, um nicht noch weiter zurückzufallen", sagt Haensch. Einen Kaufrausch auf dem Land wird es wohl nicht mehr geben, wenn es ihn denn jemals gegeben hat.

Kranenburgs Bürgermeister Steins ist trotz der miserablen Ergebnisse der Studie sicher, dass die Grenzgemeinde nicht das Armenhaus des Landes ist.

Quelle: RP
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