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Kleve
Im Archiv der Erinnerungen

Kleve. Drei Installationen im Projektraum-Bahnhof. Valentina Vlasic eröffnet heute die Ausstellung Von Matthias Grass

Vorne scheint sich ein Fels in den Raum zu drängen, im nächsten Ausstellungs-"Saal" verwandelt eine konstruktiv-dekonstruktivistische Großskulptur den Raum und hinten, im dunkelsten Zimmer, zeugen hunderte kleine Bilder von einem ganzen Leben. Drei künstlerische Positionen hat der Kunstverein Projektraum-Bahnhof 25 an der Klever Bahnhofstraße in seinen Räumen versammelt. Alle drei verwandeln mit beeindruckenden Installationen ihre Umgebung. Es sind drei Künstler, von denen jeder sein eigenes Sujet zeigt.

Ulrike E. W. Scholder: Verblichen sind die Farben des Benz aus den 1970er Jahren und die der Menschen, die um den geöffneten Kofferraum des Autos stehen. Daneben ein Reihe Bäume in schwarz-weiß. Auf einem anderen Bild die Beschriftung eines Hydranten-Schildes. "Uli" hat jemand darauf gekrakelt. Über dem Hydranten-Bild eine Strandlandschaft. Hunderte dieser Fotos reihen sich Bild an Bild und füllen die Wände in dem hinteren Zimmer des Projektraum-Bahnhof 25. Die Fotos haben die Größe eines alten Smartphones - aber außer mit der Größe haben sie mit moderner digitaler Technik nichts gemein: Es sind Polaroids. Kleine Polaroids aus einer Instax-Kamera mit Sofortbildern. Ulrike Scholder hat die fertigen Fotos noch mit Paraffin überzogen: Das Wachs nimmt den Polaroids den blendenden, spiegelnden Glanz. Jedes Foto, das die in Kleve lebende Künstlerin und Mitinitiatorin des Projektraums fotografiert hat, würde auch alleine auf der Wand wirken. Jedes der Bilder hat seinen ganz eigenen Sog, der in die Installation zieht. So wird sie nicht flanierend als ein Ganzes nur im Vorübergehen wahrgenommen. "Für mich ist das eine Art Spurensuche im Archiv der Erinnerungen. Das sind Gedächtnisspuren", sagt Scholder, die die Motive für diese Bilder auch in alten Alben findet, wo sie vergilbte, ausgeblichene Fotos abfotografiert hat. Es sind Beobachtungen im Alltag, wie kurze Einsprengsel aus dem Gedächtnis, die hier und da aufleuchten.

Evangelos Papadopoulos: An dicken Tauen hängt eine Konstruktion unter der Decke. Kurze und längere Holzleisten, teils auch Klötze, fügen sich zu einer verschlungenen Spur durch den Raum. Diese sehr stabile Spur beplankt der Düsseldorfer Bildhauer - 1974 in Athen geboren - mit Gipskartonplatten, die er in spitzen Winkeln gebrochen hat. Nach und nach werden die einzelnen Platten zu einem Ganzen, das sich schuppig durch den Raum windet. Dynamisch wirken seine Arbeiten, stabil und konstruktiv, auch wenn sie mit den schuppig angeordneten spitzen Ecken ihrer Einzelteile an dekonstruktivistische Architektur erinnern - etwas zerstörerisches ist ihnen fremd. Im Gegenteil, die geschwungene Form der Skulptur wirkt wie eine Bewegung und erfüllt den Raum mit einer ganz neuen Energie.

Papadopoulos hat sich auch in Kleve allein auf den dortigen Raum konzentriert, die Figur zwischen Decken, Wand und Fenster gespannt und intuitiv ohne vorherigen Planung entwickelt, sie nach und nach konstruiert und dann mit den Planken belegt. Das Ergebnis wird Samstag zur Eröffnung fertig sein.

Lucy Puls Die in Berkeley in den Vereinigten Staaten lebende Lucy Puls, die an der University of California lehrt, beschäftigt sich mit jenen Dingen, die nicht mehr gebraucht werden. Vor allem die nach dem Börsencrash und der geplatzten Immobilienblase leerstehenden und verfallenden Häuser haben es ihr angetan. Sie fotografiert die Reste, die dort in den leeren Räumen liegen, Schutt auf den Boden, ein verlassenes Gestell. Schon die Fotos sind aus Perspektiven aufgenommen, die den Motiven ihre Gegenständlichkeit nehmen, die sie abstrakt erscheinen lassen.

Beim Abzug auf sehr große Formate werden die Bilder nochmals verfremdet, verzogen, mit Farbpulver überzogen, mit Chemikalien, Glas- und Stahlpulver behandelt. Schließlich werden die Flächen geknittert und dreidimensional in den Raum gestellt. Jetzt sind sie abstrakt, wirken assoziativ wie Felsen, die von glimmernden Algen bewachsen sind, über die Wasser fließt. Erst, wenn man sich die Zeit nimmt, in die Schichten der Installation einzutauchen, entdeckt man hier und da den Ursprung, jene verlassenen Gestelle, die schäbigen Reste einstigen Lebens auf dem Boden.

Die Ausstellung im Projektraum-Bahnhof 25 wird am heutigen Samstag, 6. Mai, 16 Uhr eröffnet. Es spricht Valentina Vlasic, Museum Kurhaus. Sa. u. So. 13 bis 17 Uhr.

Quelle: RP
 
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