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Kleve
Leben zwischen Sucht und Strafe

Kleve: Leben zwischen Sucht und Strafe
Sirat A. (28) flüchtete nach einem Arztbesuch. Neun Tage später wurde er in Oberhausen wieder festgenommen. FOTO: Gottfried Evers
Kleve. Spektakulär war Sirat A. mit Hilfe seiner Freundin Nadia L. im Mai aus der Haft geflüchtet. Derzeit ist das Duo vor dem Landgericht angeklagt. Die kriminelle Karriere des Schwerverbrechers zeichnete sich bereits in seiner Kindheit ab. Von Peter Janssen

Sie sieht aus wie eine Oberstufenschülerin, ist schüchtern, zurückhaltend und offenbart einen Hang zur Naivität. Nadia L. trägt ihre Haare offen, eine schwarze Leggings und einen langen, weißen Pullover. Auffällig ist ihre große, schwarze Brille. Die 22-jährige Frau wirkt harmlos. Aber sie wirkt nur so. Vor gut einem halben Jahr hatte Nadia L. einen 22-kalibrigen, geladenen Revolver in beiden Händen und zielte auf drei Männer. Sie befreite ihren Freund Sirat A. (28), der in der geschlossenen Psychiatrie der LVR-Klinik Bedburg-Hau eine Strafe verbüßt. Der Türke war zu einem Arzt nach Kleve gebracht worden. Als er die Praxis verlässt, empfängt seine Freundin die drei Pfleger. Sie flüchten. Neun Tage später wird Sirat A. wieder festgenommen, drei Tage später seine Helferin. Getrennt durch ihre Verteidiger sitzen Nadia L. und Sirat A. auf der Anklagebank im Klever Landgericht. Der Türke hat sich eine Plastikflasche mit Wasser mitgebracht, die er demonstrativ vor sich auf den Tisch stellt. Sirat A. ist stark alkoholabhängig.

Die Liste der erhobenen Vorwürfe ist umfangreich. Knapp fünf Minuten dauert es, bis Staatsanwalt Gert Schulte die Anklageschrift verlesen hat. Unter anderem werden den Angeklagten Gefangenenbefreiung, Nötigung, Verstoß gegen das Waffengesetz bis hin zu besonders schwerem Raub vorgeworfen. Die beiden Angeklagten sind weitestgehend geständig. Ihre Anwälte hatten dazu eine Einlassung abgegeben.

Nadia L. bedrohte mit einem geladenen Revolver drei Mitarbeiter der LVR-Klinik und befreite ihren Freund. Nach elf Tagen wurde sie in Eschweiler aufgegriffen. FOTO: Evers, Gottfried (eve)

Auf dem Lebensweg von Sirat A. bis hin vor das Klever Landgericht ist so ziemlich alles schief gelaufen, was nur schief laufen kann. In Oberhausen geboren, startet er mit zwölf Jahren seine kriminelle Karriere. Nach der Grundschule bleibt er der Hauptschule regelmäßig fern und wechselt auf die Sonderschule. Auch dort fällt er durch ein gering ausgeprägtes Pflichtbewusstsein auf. Die 6. Klasse der Sonderschule muss er wiederholen. Mit 14 Jahren sei er erstmals ins Gefängnis gekommen, so Sirat A. Später wurde er in die Türkei abgeschoben und kam 2012 "heimlich" zurück. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Jürgen Ruby, ob er dann in Deutschland gearbeitet habe, antwortete der Angeklagte: "Leider nicht."

Betäubungsmittel würde er keine nehmen, nur Alkohol trinken. Ein bis anderthalb Flaschen Whisky oder Wodka am Tag. "Eher die harten Sachen", sagt der 28-Jährige. Trotz des übermäßigen Alkoholkonsums war Sirat A. ist bei den Verbrechen immer noch Herr seiner Sinne.

Das Strafregister des Türken ist prall gefüllt. Unter anderem sind dort etliche Wohnungseinbruchsdiebstähle, Betrug oder Diebstahl mit Körperverletzung aufgeführt. Für reichlich Einträge sorgte auch das Fahren ohne Fahrerlaubnis. Dass er passabel fahren kann, bewies er unter anderem 2012. Bei einem Einbruch in ein Autohaus fand er die Schlüssel eines VW Caddy. Mit dem Wagen bretterte er mangels Alternativen durch die Schaufensterscheibe der Firma. Da er einen zweiten Schlüssel mitgenommen hatte und diesen nicht ungenutzt lassen wollte, kehrte er zum Autohaus zurück. Zahlreiche Anwohner hatten sich vor der gesplitterten Fensterfront versammelt. Sirat A. änderte daraufhin seinen Plan und ließ das zweite Auto in der Halle.

Die Tat, für die er jetzt in der Forensik einsaß, verübte er 2012. Zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft wegen schweren Raubs mit schwerer räuberischer Erpressung wurde er verurteilt. Er hatte mit Freunden eine Pfarrerin überfallen, die Frau mit einer Schreckschusspistole bedroht und reichlich Beute gemacht.

Auch der Lebenslauf von Freundin Nadia L. verlief keineswegs geradlinig. Die 22-Jährige kommt aus Eschweiler. Sie besitzt keinen Schulabschluss und wurde mit 14 Jahren erstmals straffällig. Ihr Vater ist Albaner, die Mutter Deutsche. Früh hatten sich die Eltern getrennt. Als der Verteidiger die Stationen ihres Lebens verliest, ist Nadia L. den Tränen nah. Nachdem die 22-Jährige einige Monate in Untersuchungshaft saß, wird das Verfahren schließlich eingestellt. Unterschlagung, Körperverletzung, Betäubungsmittelverstöße stehen in ihrer Akte. Sie habe keine Liebe erfahren, und ihr Vertrauen sei immer wieder missbraucht worden, versucht ihr Anwalt Taten zu erklären. Er betont, dass seine Mandantin zwar einen geladenen Revolver gehabt hätte, diesen jedoch nie benutzen wollte. Als Ruby Nadia L. fragt, ob die Einlassung ihres rechtlichen Vertreters richtig seien, nickt sie nur.

Das Duo hatte sich einige Fluchtmöglichkeiten überlegt: So sollte die 22-Jährige mit einem Auto den Zaun der Forensik einfahren oder aber mit einem Bolzenschneider ein Loch hineinschneiden. Für die Umsetzung von Variante eins brach Nadia L. in ein Autohaus ein, fand den Schlüssel für einen Wagen und stahl ihn trotzdem nicht. Sie kann gar kein Auto fahren. Der Plan war schneller gescheitert als gemacht.

War die Vorgehensweise bei der Befreiung bereits nicht alltäglich, so wäre die Planung nach Darstellung des Anwalts von Sirat A. mindestens ebenso spektakulär. Ein Pfleger der Klinik soll dem Türken seine Dienste als Fluchthelfer angeboten haben. Bei entsprechender Gegenleistung habe er zugesagt, Hilfestellung zu leisten, so der Anwalt. Sirat A. habe ihm 5000 Euro geboten und schließlich 8000 Euro gezahlt, da der Erziehungspfleger noch einen Kollegen einweihen wolle. Der Forensik-Mitarbeiter habe das Geld kassiert und daraufhin Datum und Ort der Behandlung mitgeteilt. Im Pflegerzimmer soll er Sirat A. im Internet gezeigt haben, wo die Praxis genau liegt. Gegen den Pfleger wird aufgrund der belastenden Aussage des Verbrechers noch ermittelt. Der Gefangene besaß ein Handy und habe Nadia L. mitgeteilt, wann der Termin beim HNO-Arzt war, so der Jurist.

Vor der Praxis befreite Nadia L. ihren Freund. Das Paar floh mit dem Auto eines Rentners, der einige Meter entfernt geparkt hatte und gerade abfahren wollte. Der 76-Jährige schilderte den Vorfall gestern vor dem Landgericht. "Der hat an die Scheibe geklopft, sofort die Pistole gezückt und mich rausgezogen", sagt der Rentner. Auf die Frage von Ruby, ob er verletzt worden sei, antwortete er: "Ich habe Glück gehabt."

Auf der ziellosen Flucht lieferte sich Sirat A. ohne Rücksicht auf Verluste eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. "Gegenverkehr störte ihn nicht", gab ein Beamter zu Protokoll. Die Flüchtigen konnten die Polizei abschütteln. Nachdem das Duo einen Unfall gebaut hatte, versteckte es sich eine Nacht in einem Gebüsch. In der Morgendämmerung ging die Flucht weiter.

Letztlich endete der Versuch auszubrechen im Gerichtssaal auf der Schwanenburg. Das Urteil soll in der kommenden Woche gesprochen werden.

Quelle: RP
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