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Kleve
Märchen von Theater und Revolution

Kleve: Märchen von Theater und Revolution
Das ganze Personal: Dzama-Zeichnung mit Schachspielen, Jägern, Soldaten, Tänzerinnen und Teilen aus dem triadischen Ballett. FOTO: mgr
Kleve. Die Sommerausstellung im Klever Museum Kurhaus "Inside Intensity" zeigt verschiedene Positionen der Gegenwartskunst. Einige davon stellen wir in einer Reihe vor. Heute: die Zeichnungen des Kanadiers Marcel Dzama. Von Matthias Grass

Der Kampf der Zerstörungswut gegen die Kreativität: wer von beiden leistet das "Unglaublichste"? Hans Christian Andersens gleichnamiges Märchen erzählt die Geschichte des jungen unbedarften Künstlers, der dieses unglaublichste Ding schafft: Eine Uhr, die zu jeder Stunde bewegte Bilder erzeugt, die ihre jeweilige Geschichte erzählen. Von Moses mit seinen Gesetzestafeln über Adam und Eva bis zum Nachtwächter mit Morgenstern um Mitternacht. Klar, dass dem netten jungen Mann, der - ganz Andersen - auch noch seinen armen Eltern hilft, die für das "Unglaublichste" versprochene Königstochter und ein halbes Königreich zustehen.

Wenn Gut und Böse miteinandereinader ringen, wenn Zerstörung auf Kreativität trifft: Marcel Dzamas Themen, sein märchenhaft groteskes Personal treffen im großformatigen Tableau "Beautiful Losers" (schöne Verlierer) auf einander. Das große Bild, das Harald Kunde erklärt, entstand 2016, als der Kanadier das Bühnenbild für ein New Yorker Ballett entwarf. FOTO: Matthias Grass

Doch dann kommt ein grober Kerl daher und zertrümmert mit einer Axt die Uhr. Es sei nicht das Unglaublichste, eine solche Uhr zu erschaffen, es sei viel unglaublicher, sie zu zerstören, sagt er. Die Richter geben ihm recht und versprechen ihm die Königstochter und das halbe Reich. Aber als der grobe Mann mit der Schönen vermählt werden soll, stehen alle mechanischen Figuren wieder auf und klagen ihn an. Eine nach der anderen. Der Nachtwächter erschlägt zuletzt den groben Mann: Die Zerstörung der Uhr ist damit gerächt.

Es scheint der alptraumhafte Moment zu sein, als die wiedererstandenen Figuren aufmarschieren, um die Zerstörung des Werkes zu rächen, den Marcel Dzama in den Mittelpunkt seiner großen Zeichnung "The Beautiful Losers" (die schönen Verlierer) gestellt hat. Der bühnenbildartige Gesamteindruck des Bildes sei nicht so ganz zufällig, sagt Kleves Museumsdirektor Prof. Harald Kunde mit Blick auf das drei mal zwei Meter große Bild, das Dzama mit Tusche, Bleistift und Wasserfarben ebenso bezaubernd wie bedrückend auf das Blatt gezaubert hat. Es steht in der Sommerausstellung "Inside Intensity" im Museum Kurhaus zentral im Dzama-Raum in der oberen Etage. Genial wirft der Künstler mit zartem Strich ausgesprochen feine Figuren auf das Blatt. Es sind die Gestalten, die seine Bilder durchziehen.

In dem Gewirr dieser Gestalten findet man den Kopf des Minotaurus, den Esel tragenden Untertan, der seit Goyas "der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" zum Sinnbild sozialer Bedrückung geworden ist, man findet Gaukler, Harlekine und Pierrots ebenso wie kapuzentragende Mönche und räsonierende Scharfrichter, erzählt Kunde. Dzamas Personal bildete die Grundlage für Aufführungen des New Yorker City Balletts im Februar 2016 im Lincoln Center für die er das Bühnenbild und die Kostüme entwarf.

Der Kanadier bricht die Schönheit seiner aus der Ferne scheinbar so zauberhaften Blätter mit der dezidierten Darstellung von Sexualität und Gewalt, die seit den unsäglichen "50 Shades of Grey" gesellschaftsfähig zu sein scheint. Er richtet mit feinem Strich ein Brennglas auf die gegenwärtige Gesellschaft: "Die Blätter erinnern von Ferne an illustrierte Märchenbücher und entpuppen sich bei genauem Hinsehen als explosive Mixtur aus Anmut und Aggression, aus Sex, Gewalt und Rollenspiel", sagt Kunde.

Auf fast allen Bildern, die in Kleve zu sehen sind, findet sich ebenso der Hinweis auf die Kunstgeschichte: wie geschriebene Sentenzen seines Vornamen-Vetters Marcel Duchamp, wie die Goya-Figuren oder Oskar Schlemmers triadisches Ballett. Dzamas Figuren finden trotz "des Grauens der Realität Erlösung im Trost des Theatralischen", sagt Kunde. Die märchenhaft schöne Zeichnung und das Theater auf den Blättern brechen dann wieder die drastischen Darstellungen. Letztlich, sagt der Museumsdirektor, erweisen sich die Arbeiten als probate und zugleich verzaubernde Gradmesser der Gegenwart. Selbst díe Revolution ist Theater.

Es ist ein Weg hinauf, der lohnt. Der 1974 in Winnipeg geborene und in Brooklyn, New York, lebende Künstler ist inzwischen einem größeren Publikum nicht nur als genialer Zeichner bekannt, sagt Kunde.

Quelle: RP
 
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