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Bedburg-Hau
Mehr Entlassungen aus der Forensik

Bedburg-Hau. Die Zahl der Patienten, die aus der Forensik in der LVR-Klinik Bedburg-Hau entlassen wird, steigt. Die Überbetonung der Sicherheit stehe nicht mehr im Mittelpunkt, hieß es am Rande der Fachtagung "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll". Von Matthias Grass

Die Zahlen zeigen einen Wandel: Seit Gustl Mollath seine Entlassung aus dem Maßregelvollzug vor dem Landgericht Regensburg erstritt, steigen die Entlassungen aus den forensischen Stationen. In den vergangenen Jahren verließen zwischen 110 und 120 Patienten die forensischen Stationen der LVR-Klinik Bedburg-Hau in Richtung Freiheit, sechs Jahre zurück waren es gerade mal 60, sagte gestern Dr. Jack Kreutz, Chef der forensischen Kliniken Bedburg-Hau, mit fast 400 Patienten die größte im Bereich des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).

Kreutz begrüßt diesen Wandel: "Der beste Opferschutz ist immer noch eine gute Therapie der Täter", so der Fachbereichsleiter. Die Besserung des Patienten rücke wieder mehr in den Mittelpunkt. Nachdem Bernd Büsch auf der Flucht aus der Forensik Düren zwei Menschen ermordet und zwei Frauen vergewaltigt hatte, lag der Fokus lange Jahre vor allem auf der Sicherung.

Der Wandel der Forensik vom kriminellen Irren zur therapeutischen Gemeinschaft steht im Mittelpunkt der Fachtagung "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll", die zum 22. Mal im Gesellschaftshaus der LVR-Klinik Bedburg-Hau über die Bühne geht und zu den wichtigsten Fachtagungen ihrer Art zählt. Drei Tage lang präsentieren 34 internationale Forensik-Experten neue Forschungs- und Behandlungserkenntnisse. In 22 Arbeitsgruppen diskutieren sie, wie forensische Patienten erfolgreich behandelt werden können. 1995 starte die Tagung mit 70 Teilnehmern, 2016 mussten die Organisatoren bei 350 Anmeldungen aus Deutschland und den umliegenden Nationen einschließlich Großbritannien eine Grenze ziehen und 30 Absagen verschicken, sagt Michael Bay. Der Psychologe gilt als einer der Gründerväter der Fachtagung.

Die Therapie der Patienten habe sich weiterentwickelt, sagt Dr. Gerhard Dammann, Leiter einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz. Man behandle den Straftäter nicht mehr wie einen "kriminellen Irren", sondern in einer therapeutischen Gemeinschaft als eine Art Vertragspartner. Entgegen landläufiger Meinung lasse sich mit vielen forensischen Patienten gut arbeiten. Man könne Vereinbarungen treffen, Handlungsmöglichkeiten einüben, die die Gefahr eines Rückschlags deutlich verringern.

In Nordrhein-Westfalen wurde die Nachsorge entlassener Patienten auf- und ausgebaut. "Wir begleiten den Patienten noch lange Zeit nach seiner Entlassung", sagt Dr. Rudolf Schlabbers, Chefarzt der Forensik für Frauen in Bedburg-Hau. Schlabbers hofft, dass der Wandel in der Rechtsprechung und in der anstehenden Überarbeitung des Paragrafen 63, der die Unterbringung von psychisch kranken Straftätern regelt, zu einer Entdämonisierung des Maßregelvollzugs führt. Klaus Lüder, Fachbereichsleiter Forensik des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln, sprach von einer schweren Entscheidung, die eine Lockerung darstelle. Er begrüße, dass diese Entscheidung künftig im Nachhinein nicht mehr beanstandet werden könne.

Ein anderes Thema der Tagung ist die Macht. "Wir brauchen diese Macht, damit Regeln eingehalten werden. Wir müssen aber den Ausgleich wahren", sagt Thomas Auerbach, Stationsleiter und psychiatrischer Fachkrankenpfleger im Isar Amper Klinikum in München. Es gelte, regelmäßig darüber zu reflektieren. Bei der Übergabe der Dienste könnte dies geschehen.

Am heutigen Mittwoch, 11. Mai, 21 Uhr, ist im Gesellschaftshaus die Kongressfete für alle. Es spielt "Sex in the fridge".

Quelle: RP
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