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Bedburg-Hau
Mit der Puppe in die Todeskammer

Bedburg-Hau: Mit der Puppe in die Todeskammer
Die Unfruchtbarmachung – sie wird deklamiert. FOTO: Evers, Gottfried
Bedburg-Hau. Premiere vom neuen mini-art-Stück "Ännes letzte Reise": es erzählt die Geschichte der Anna Lehnkering. Das Stück erinnert an ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte, der Vernichtung von psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. Sonntag Auftakt zu 100 Jahre LVR-Klinik. Von Matthias Grass

Tausende geistig behinderter und psychisch kranker Menschen allein aus Bedburg-Hau wurden während des Dritten Reiches ermordet. Mit Bahntransporten in Anstalten verbracht, die längst keine Heil-Anstalten mehr waren. Dort wurden sie mit grauen Bussen vom Bahnsteig abgeholt, dann wurden diese Menschen unmittelbar nach der Ankunft vergast.

Nach dem Krieg wurde das Thema verdrängt – die Psychiatrie ging zur Tagesordnung über und an die Opfer wurde nicht mehr gedacht. Nicht einmal in den Familien, die in der Regel gefälschte Todesnachrichten bekamen, die nicht einmal den richtigen Todestag enthielten.

Eine von diesen Menschen ist Anna Lehnkering. genannt Änne. Ihre Nichte Sigrid Falkenstein hat erst 2003 vom Schicksal der Tante erfahren, ist der verdrängten Familiengeschichte nachgegangen, hat sie dokumentiert. Sie veröffentlicht jetzt ein Buch zum Thema. Erst vor rund zehn Jahren – also im 21. Jahrhundert! – hatte der Bedburg-Hauer Arzt Ludwig Hermeler auch gegen Widerstände die Dokumentation "Die Euthanasie und die späte Unschuld der Psychiater. Massenmord, Bedburg-Hau und das Geheimnis rheinischer Widerstandslegenden" veröffentlicht. Erst diese Veröffentlichung machte es möglich, Fälle wie Ännes aufzuarbeiten.

Zum 100 jährigen Bestehen der LVR-Klinik Bedburg-Hau hat sich das auf dem Gelände befindliche, mehrfach preisgekrönte Kinder- und Jugendtheater mini-art dieses eigentlich erwachsenen Themas angenommen – das Stück richtet sich an Menschen ab 14 Jahre. Chrischa Ohler und Sjef van der Linden erzählen die Geschichte der Änne. Eine Geschichte, die doch auch gut hätte ausgehen können, wenn ein Bonner Psychiater das arme Mädchen nicht als "schwachsinnig" klassifiziert hätte. Danach nimmt das menschenverachtende Räderwerk seinen unerbittlichen Lauf.

Mini-art hat die Geschichte in eine Mischung aus dokumentarischen und fiktiven Texten umgesetzt. Zu den Fakten, den Texten aus der Krankenakte, kommen Gedanken – die der Mutter, die eines Arztes, die der Pflegerin. Und nicht zuletzt die von den Geschwistern des vielleicht sogar nur lernbehinderten Mädchens, das so gerne eine Stelle bei den Diakonissen gehabt hätte. Und diese womöglich auch bekommen hätte, wenn nicht die Diagnose aus Bonn gewesen wäre.

Das Stück beleuchtet Ännes Geschichte aus vielen Blickwinkeln, bietet eine Geschichtsstunde über das Dritte Reiche ebenso, wie es die bis heute üblichen, täglichen Ausgrenzungen, das Mobben bestimmter Mitmenschen anreißt. Es greift die unleidige Diskussion von wertem und unwertem Leben auf, beschreibt die "Unfruchtbarmachung", den Rassenwahn. Bis zu Ännes Gang in die Gaskammer. Mit ihrer Puppe. Weil es ein schweres Thema ist, beginnt es mit einer Entschuldigung. Der Verzeihung, dass man dieses Thema nun doch auf die Bühne bringt. Und es fragt bestürzt, ob man nicht vielleicht sogar selbst so gehandelt hätte, weil es als "richtig" galt. . .

Das Bühnenbild kommt mit wenigen Requisiten aus: ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderständer. Hier schlüpfen die Schauspieler in verschiedene Rollen. Auf eine große, halb die Spielfläche einnehmende Leinwand werden Fotos aus Ännes Leben projiziert. Die zeigen, dass das Gespielte bittere Realität war.

Nach dem Applaus Dank von Sigrid Falkenstein: "Das ist leider keine Geschichte von gestern. Wir müssen auch unseren Kindern diese Geschichte beibringen".

(RP/rl)
 
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