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Kleve
Musik lag in der Klever Luft

Kleve: Musik lag in der Klever Luft
Baut Orgeln und kann singen: Axel Stüber kommt aus der Bundeshauptstadt und singt lauthals von "der Berliner Luft". FOTO: Markus van Offern
Kleve. Nach einer Pause von vier Jahren lud Kleve wieder zum Drehorgelfest ein. Über 20 Orgeln spielten junge und alte Melodien zum verkaufsoffenen Sonntag von Herzogstraße bis Hoffmannallee. Verspätetes Anorgeln mit Kleve-Hymne. Von Matthias Grass

Es war der Moment für feuchte Augen, als Julian Boßmann die Kurbel seiner Orgel drehte und Willy Richraths heimliche Kleve-Hymne vom Schüsterken den Platz um Ritter Lohengrin inmitten der Stadt erfüllte. Vielstimmig klang es zurück von den Klevern auf dem Fischmarkt: "Ohne Schüsterkes kann Kleef niet lewe, ohne Schüsterkes kömmt Kleef niet ütt . . ." - und die alte Klever Seele freute sich. Ein wunderbarer Auftakt zu Drehorgelfest und verkaufsoffenem Sonntag gestern in der Stadt, in der Schüsterkes längst nicht mehr den Ton angeben. Richraths Hymne an die alte Stadt versöhnte denn auch den holprigen Wiedereinstieg in das Drehorgelfest, den Stadt und die Organisatoren hingeleget hatten: Das "Anorgeln" startete gestern mit halbstündiger Verspätung, weil die Sonntagsruhe bis 12 Uhr eingehalten werden sollte - so, wie es der Rat auch beschlossen habe, begründete Kleves Bürgermeisterin Sonja Northing die Verspätung.

Wie weit über 100 Klever war auch die Bürgermeisterin pünktlich um 11.30 Uhr auf dem Fischmarkt, man fachsimpelte über die Orgeln, die Melodien, die weiten Strecken, die die Drehorgelspieler gerne zurücklegen, um in Kleve wieder spielen zu können: Nach vierjähriger Pause lebte das Festival, das 15 Jahre fester Termin im Klever Veranstaltungskalender war, wieder auf. Beim Anorgeln um 12 Uhr stimmten die Spieler einer nach dem anderen ihre Lieder an: Nur Hans Albers konnte schöner von der See singen, als es die Orgeln auf dem Fischmarkt taten, und Ella Fitzgeralds Klassiker "Bei mir bist du schön" beswingte die Stadt. Und die Drehorgelspieler hatten nicht nur Melodien mitgebracht, jeder tat sein bestes, ein Unikum zu sein.

Jüngster Drehorgelspieler: Julian Boßmann spielte das Schüsterkes-Lied. FOTO: mgr

Josef Lechner aus Schöngau bei München kam vom ostfriesischen Wittmund, wo er in der Stadt spielte, mit dem Wohnmobil nach Kleve. "Schön, dass das Fest hier wieder stattfindet - früher war ich regelmäßig in Kleve", sagt der Bayer im knallroten Pullover. Seine Drehorgel ist ein kleines Karussell, auf dem die Pferde und Kinder und Figuren auf und ab hoppeln, wenn er seine Melodie dreht.

Auch Axel Stüber hatte aus der Hauptstadt kommend eine lange Anreise - und sang mit starker Stimme von der Berliner Luft. Über 40 Jahre tourt der Berliner über die Orgelfestivals. Seine Profession: Orgelbau. Und blickte man in das Rund der Orgeln in Kleve: Mindestens jede zweite stammt vom Orgelbau Stüber aus Berlin.

Beim Anorgeln durften auch die Kleinen mal probieren... FOTO: Van Offern

Julian Boßmann hat seine Orgel aus Kellen. Der Klever hatte als jüngster Orgelspieler gestern ein Heimspiel: 17 Jahre alt ist der Auszubildende, der bei Winkel-Messebau Tischler lernt. Er war vor elf Jahren mit seiner Mutter erstmals auf dem Klever Festival - und war begeistert. Boßmann ging danach zu Jörg Hopmanns vom Klever Citynetzwerk (KCN), der maßgeblich an der Organisation des Festivals beteiligt ist. Hopmanns half - und heute ist der 17-Jährige ein gestandener Drehorgelmann. Den Zylinder keck schräg auf dem Kopf schaffte er es im Nu, Kleve zur Schüsterkes-Hymne zu animieren.

Petra Hendricks vom "Wirtschaft und Tourismus Kleve" und Klaus Fischer vom KCN begrüßten, dass das Festival als offener Sonntag wieder aufleben kann. So schaffe man es, die ganze Stadt von Herzogstraße bis EOC zu bespielen und die Maßgabe eines kompletten Stadtfestes unter einem Titel zu erfüllen, um einen verkaufsoffenen Sonntag organisieren zu können. Damit werden die Drehorgelspieler ihren festen Termin in Kleve wieder zurückzugeben. Mitsamt der Großorgeln, die auch gestern wieder mit ihren Melodien so richtig loslegten: Und wenn dann der Junge mit dem Skateboard der Zeelandia-Orgel ein 50-Cent-Stück in die Sammelbüchse wirft, kann die Musik so alt auch nicht sein...

Josef Lechner kommt aus München gerne nach Kleve: Seine selbstgebaute Orgel ist ein Karussell. FOTO: mgr
Quelle: RP
 
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