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Kranenburg
Neuanfang für Flüchtlinge in Kranenburg

Kranenburg: Neuanfang für Flüchtlinge in Kranenburg
Dtolz präsentiert die siebenjährige Lara Ali ihren Eltern und Geschwistern, was sie im Unterricht gelernt hat. FOTO: Gottfried Evers
Kranenburg. Obwohl die Zahl der Asylbewerber im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegen ist, geht es Flüchtlingen in kaum einer anderen Gemeinde des Kreises so gut wie in Kranenburg. Ende 2015 soll ein neues Flüchtlingsheim eröffnet werden. Von Sebastian Bergmann

70 Flüchtlinge leben derzeit in der Gemeinde Kranenburg. Das sind 15 mehr als noch im Vorjahr. Wie die Bezirksregierung der 10 000-Einwohner Gemeinde jetzt mitteilte, könnten in diesem Jahr zwischen 40 und 50 weitere Flüchtlinge hinzukommen, Tendenz steigend. Ende 2015 soll deshalb ein neues Asylbewerberheim mit Platz für 30 Menschen fertiggestellt werden. Aktuell gelingt es der Gemeinde die Flüchtlinge bestmöglich zu unterstützen, ihnen geeigneten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Das Beispiel einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie aus dem Libanon zeigt, wie gut Integration in Kranenburg funktioniert. Ein Besuch bei den Alis.

Voller stolz präsentiert die siebenjährige Lara Ali ihren Eltern, was sie im Unterricht gelernt hat und zückt ihr Matheheft aus ihrem bunten Tornister hervor. "Wenn ich groß bin, will ich Lehrerin werden", sagt sie. Ihre Augen funkeln, wenn sie von den Erlebnissen aus der Schule berichtet. Ähnlich ergeht es auch ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Yassar, der noch den Kindergarten besucht. Doch nicht immer ging es den Geschwisterkindern so gut, wie aktuell in Kranenburg.

Mit ihrer Familie flohen beide vor über einem Jahr aus dem Libanon nach Deutschland. Weil ihr Leben dort von Verbrechern bedroht, ihr Vater entführt und misshandelt wurde, sah sich die fünfköpfige Familie zu diesem Schritt genötigt. "Hier in Deutschland ist es sehr schön, alles ist perfekt", sagt der 32-jährige Vater Arafat Ali und nippt an einem zuckersüßen Limonadengetränk. Die Couch auf der er sitzt, hat er von einigen Freunden geschenkt bekommen. In ihrer neuen Wohnung, in der Nähe des Kranenburger Rathauses, hat die Familie inzwischen fast alles, was sie zum Leben braucht: ein Badezimmer, eine Waschmaschine, einen Herd und einen Kühlschrank. Auch ein Flachbildfernseher steht im Wohn- und Schlafraum. Vieles schenkten ihnen Freunde und Bekannte, der Rest wurde von Nachbarn und der Gemeinde gestiftet. "Wir wurden hier so herzlich aufgenommen, das ist einfach . . .", sagt Arafat Ali und spitzt seine Lippen zu einem Kussmund zusammen.

Von Montag bis Freitag arbeitet er bei der Gemeinde Kranenburg im Bauhof, kümmert sich im Rahmen seines Ein-Euro-Jobs um die Pflege der Grünanlagen. Das stärke die Fitness und helfe dabei, durch den Kontakt zu den Kollegen, die deutsche Sprache besser zu verstehen, sagt Arafat Ali. Denn im Gegensatz zu seiner ältesten Tochter, die schon nahezu perfekt Deutsch versteht und sich problemlos ausdrücken kann, hapert es beim Vater noch an der Verständigung. Damit dies kein Dauerzustand bleibt, übt er jeden Abend mit seiner Frau und seiner Tochter. Wenn auch Lara mal ein Wort nicht einfällt, steht das Arabisch-Deutsch-Wörterbuch griffbereit im Wandschrank.

Mit seiner Frau Rana (31), Tochter Lara (7), Sohn Yassar (6) und seiner jüngsten Tochter Rama (1) führte er in der libanesischen Stadt Baalbek ein normales Leben, führte einen eigenen Handyladen. Als er jedoch von der "Mafia", wie Arafat seine Peiniger nennt, entführt und misshandelt wurde, geriet sein Alltag völlig aus den Fugen. Zwar kam er nach zwei Tagen Gefangenschaft gegen eine Lösegeldzahlung wieder frei, doch fortan wollten die Entführer immer mehr Geld von ihm. Sie drohten damit, seine Kinder und Frau ebenfalls zu entführen und zu töten. Der leidgeprüfte Palästinenser zog die Reißlinie, verkaufte sein Hab und Gut und floh in einer Nacht- und Nebelaktion nach Europa. Nach einer mehrmonatigen Reise landete Arafat mit seinen drei Kindern sowie seiner Frau zunächst in einem Flüchtlingsheim in Dortmund. Über Unna und Schöppingen gelangte die junge Familie schließlich nach Kranenburg.

"Im Heim war es nicht schön, aber hier habe ich sogar mein eigenes Zimmer", sagt Lara und strahlt über beide Ohren. Am Wochenende geht die wissbegierige Siebenjährige am liebsten mit ihren Geschwistern und den Eltern spazieren. Sie macht deutlich: "Im Libanon durften wir nicht aus dem Haus oder auf den Spielplatz gehen. Sonst wären wir getötet worden."

Ob das Glück der Familie länger anhält und sie in Kranenburg bleiben kann, ist aber unklar. Denn noch steht nicht fest, ob der palästinensischen Familie langfristig Asyl gewährt wird.

Quelle: RP
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