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Kleve
Nicht so leicht: Schüler spielen Weltpolitik

Kleve. Bei einer umfangreichen Politik-Simulation schlüpfen Schüler in die Rollen von Staatschefs. Dann widmen sie sich globalen Problemen. Von Sina Zehrfeld

Im pazifischen Ozean schwappt ein gewaltiger Strudel aus Plastikmüll. Zwischen den Regionen "Afrika" und "Arabien" wird es brenzlig: Ein afrikanischer Staudamm klemmt den arabischen Ländern das Wasser ab. Und die Nationen der Welt haben ein Auge auf die Rohstoffvorkommen des Nordpols geworfen. Reichlich Konfliktstoff gibt es also.

Und trotzdem steht Steffen Dennert (17), seines Zeichens UN-Generalsekretär, am Ende der dreitägigen Politik-Simulation unterm Strich ein großer Erfolg: "Dass wir es hinbekommen habe, in der Weltgemeinschaft so stark gegen den Klimawandel anzukämpfen." Und, ergänzt Malte Nil (16), der als Staatsminister von Japan fungierte: "Wir haben es geschafft, dass es relativ friedlich vonstatten ging."

46 Jugendliche des Gelderner Lise-Meitner-Gymnasiums haben bei einem Politik-Simulations-Projekt namens "Pol-Is" die Welt gelenkt. Drei Tage lang waren sie zusammen in Winterberg. Die Oberstufenschüler aus Grund- und Leistungskursen im Fach Sozialwissenschaften schlüpften in die Rollen von Regierungschefs und Ministern in einer - zur Vereinfachung - in "Regionen" aufgeteilten Welt. Einige verkörperten auch Vertreter von Institutionen, etwa der Weltbank.

Die Politiker vertreten in dem Spiel die Interessen ihrer Nationen. Eine Spielleitung inszeniert Ereignisse: Terror, Umweltprobleme, wirtschaftliche Geschehnisse. Die Akteure reagieren, erarbeiten Regierungsprogramme, schließen Verträge, halten Reden vor der UN-Vollversammlung. Und sie erleben, wie andere Länder und die eigene Bevölkerung ihre Entscheidungen aufnehmen.

Josefine Naton (17) war als Regierungschefin von "Nordamerika" - USA und Kanada - mit dabei. "Man merkt, wie komplex und schwierig Politik ist", stellt sie fest. Schaut man nur die Nachrichten, sei es leicht, sich darüber aufzuregen, dass nicht die richtigen Entscheidungen gefällt würden. "Aber wenn man selber versucht, Politik zu gestalten, merkt man, was alles zu beachten ist", erzählt sie: "Auf was und wen man alles Rücksicht nehmen muss."

Lehrer Christian Brauers hat schon einige Jahrgänge seiner Schule durch die Simulation begleitet und dabei Veränderungen an den Teilnehmern bemerkt. "Was wir beobachten, ist, dass die Schüler deutlich politisierter sind", stellt er fest. Sie sind besser informiert, uns sie lassen sich in ihre Rollen richtig hineinfallen.

Dabei müssen sie das Verhalten der tatsächlichen Machthaber in der Welt keineswegs "nachspielen". Die Vertreter von "Nordamerika" zum Beispiel hätten zwar für ihre Interessen "Hegemonialpolitik" betrieben, analysiert Lehrer Brauers. "Aber die haben ganz bewusst eine eher partnerschaftliche Haltung gefahren und haben mit Europa und Japan sehr konstruktiv gearbeitet."

Auch diplomatische Tricks gab es: Da griffen Staaten vor der UN-Vollversammlung zu harscher Rhetorik. Ihr Verhalten in der Praxis war dann aber ganz kooperativ und fortschrittlich: "Das war deutlich zu spüren bei Russland oder Arabien." Der Lohn: Am Ende hatte Arabien ein umfangreiches Bildungsprogramm aufgelegt und die Frauenrechte ausgeweitet.

"Wenn man einige Konflikte weglässt, haben wir einigermaßen gut versucht, die globalen Probleme zu lösen", zieht Josefine Naton ein Fazit. Zum Beispiel: Der Nordpol blieb neutrales Gebiet. Die reichen Industrie-Nationen verboten zahlreiche Plastikverpackungen, die Enwicklungs- und Schwellenländer wollten sie reduzieren. Und Malte Niel ist stolz auf Japans Führungsrolle beim Abbau des Plastik-Strudels im Meer. Ein Erfolg von Verhandlungen und Diplomatie: "Als einzige Region denkt man, das ist ja unschaffbar", sagt er. Zu militärischen Lösungen von Konflikten wollte niemand greifen. Das war in vergangenen Jahren schon mal anders, aber Krieg ist teuer und für die eigene Bevölkerung schon dadurch ziemlich schädlich.

Das dicke Ende kam diesmal bloß für Europa. Das stand wirtschaftlich gut da, fasst UN-Generalsekretär Steffen zusammen. Irgendwann ein bisschen zu gut. Dann kippte das Verhältnis so sehr, dass andere Länder aus Handelsbeziehungen aussteigen mussten. Die Folge: Finanzkrise in Europa.

Was die jungen Leute bei der Pol-IS-Simulation lernen, ist nachhaltig, sagt Lehrer Christian Brauers. "Sie können Spannungsfelder aus einer anderen Perspektive sehen, nicht nur aus unserer westlichen." Das schlage sich auch in Prüfungen nieder: Die Schüler schafften es, sich neue Vorstellungswelten zu erschließen. "Deshalb können sie sich zu weltpolitischen und europapolitischen Zusammenhängen äußern: Weil sie die wirklich verstanden haben."

Quelle: RP
 
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