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Rp-Serie 50 Jahre Kinder- Und Jugendpsychiatrie An Der Lvr-Klinik (10)
Paul-Moor-Schule sorgt für Motivation

Rp-Serie 50 Jahre Kinder- Und Jugendpsychiatrie An Der Lvr-Klinik (10): Paul-Moor-Schule sorgt für Motivation
Cornelius Busch ist Leiter der "Schule für Kranke", Dorte Brands ist die Konrektorin. Sie wissen, dass die Ferien für viele ihrer Schüler sehr lang waren. FOTO: Evers
Kleve. Ob lernbehindert oder gymnasial: Schüler aller Leistungsfähigkeiten treffen in der "Schule für Kranke" aufeinander. Stationärer Aufenthalt in der Klinik plus Unterricht. Mancher Jugendliche muss erst wieder "gruppenfähig" werden. Von Anja Settnik

Niederrhein Der Name der Einrichtung gefällt Pädagogen und Schülern nicht. Wobei es nicht der Name des Schweizer Heilpädagogen Paul Moor ist, über den sich die Betroffenen ärgern. Aber der Untertitel "Schule für Kranke" stigmatisiere, findet Cornelius Busch, der Schulleiter. Er hat sich deshalb schon ans NRW-Schulministerium gewandt und eine Namensänderung beantragt. "Zentrum für schulische Förderung bei Krankheit" würde ihm gefallen, denn dieser Name wäre positiv besetzt und signalisierte, dass die Krankheit ein Zustand ist, der überwunden werden kann. Vorerst allerdings müssen sich die Schüler damit arrangieren, eine "Schule für Kranke" zu besuchen, so lange sie Patienten der LVR-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sind.

"Im Regelfall bleiben die Kinder oder Jugendlichen 22 Tage in der Klinik und besuchen in dieser Zeit auch die Paul-Moor-Schule", erklärt Busch. 60 bis 70 Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren werden auf dem Klinikgelände sowie in den Außenstellen in Geldern und Pfalzdorf unterrichtet. Pro Jahr arbeiten die Lehrer mit rund 450 Schülern, die entweder depressiv sind, an einer Psychose oder einer Essstörung leiden, einen Suizidversuch hinter sich haben oder auch aggressiv gegen andere sind. ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, und Autismus sind weitere Diagnosen. Es sind Schüler jeden Alters und aller Schulformen, mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Unterrichtet werden sie in Kleingruppen von maximal zehn Kindern.

"Im Primarbereich fassen wir die Erst- und Zweitklässler sowie die Dritt- und Viertklässler zusammen", erklärt Konrektorin Dorte Brands. Die älteren Schüler werden vorwiegend in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen unterrichtet, zusätzlich gibt es AGs nach Neigung. Die Lehrer sind Grundschullehrer, Sonderpädagogen, Lehrer für die Sekundarstufe I und II. Selbst angehende Abiturienten, die zum Beispiel wegen Drogenmissbrauchs in der Klinik sind, gehören zur Schülerschaft.

Die Unterrichtsinhalte der einzelnen Fächer stehen an der Paul-Moor-Schule nicht unbedingt immer im Vordergrund. Denn nicht selten sind die Kinder und Jugendlichen gar nicht imstande, im üblichen Sinne zu lernen. Oftmals haben sie schon lange nicht mehr regelmäßig eine Schule besucht, verweigerten sich total, überforderten die Pädagogen, die sich schließlich um 25 und mehr weitere Schüler zu kümmern hatten.

Bevor sie wieder Gleichungen lösen und Vokabeln büffeln können, müssen solche Kinder und Jugendliche stabilisiert werden. "Wir haben Lerngruppen mit engagierten Kindern, aber es gibt auch sehr unmotivierte", erzählt Busch. Mit "Frontalunterricht" komme man bei ihnen nicht weiter. "Wir arbeiten dann mit einem Tages- und Wochenplan, sehr stark projektorientiert, ermöglichen Referate nach eigenen Interessen", ergänzt seine Kollegin. Im Mittelpunkt stehe immer, zu jedem einzelnen Schüler eine Beziehung aufzubauen, ihm zu helfen, seine Stärken zu finden.

Durch ihre psychischen Krankheiten habe sich bei den meisten jungen Klinik-Patienten viel negative Schulerfahrung angesammelt. Über Kunst und Musik, manchmal auch Gartenarbeit oder Möbel schreinern werde versucht, die Jugendlichen überhaupt wieder für etwas zu interessieren. Bei den Jüngeren funktioniere noch häufig die positive Verstärkung: Wenn dieses oder jenes klappt, gibt es zusätzliche Computerzeit, ein Ü-Ei oder ein Eis.

Aber manchmal haben es die Sonderpädagogen mit größeren Problemen zu tun - da fliegen schon mal die Gläser oder wird ein Lehrer sogar körperlich angegriffen. "Für solche Fälle steht in jedem Klassenraum ein Telefon. Im Notfall kommt ganz schnell jemand von der Station und nimmt den Betroffenen mit", berichtet Cornelius Busch. Wer so gar nicht gruppenfähig sei, bleibe auf der Station. "Dort ist es für die Schüler dann so langweilig, dass sie sich größte Mühe geben, bald wieder zu uns zu dürfen", sagt Dorte Brands.

Was sie an ihrem Beruf ein wenig traurig findet, ist, dass man selten "die Früchte seiner Arbeit ernten" kann. Denn nach drei Wochen sind die Schüler wieder weg. Im günstigsten Fall re-integriert, häufig wechseln sie aber auch in eine andere Einrichtung, vielleicht sogar zu Pflegeeltern, weil nicht selten das häusliche Umfeld Teil des Problems ist.

Quelle: RP
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