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Kleve
Pogrom: Klever Leben in Asche gelegt

Kleve. Heute vor 75 Jahren brannte die Synagoge in Kleve – ein Wahrzeichen der Stadt. Viele der Täter kamen ungestraft davon. Mit dem Haus der Begegnung "Beth Hamifgash" soll am selben Ort ein zukunftsweisendes Projekt entstehen. Von Ludwig Krause

Jedes Mal, wenn sich Ereignisse jähren, die auf die ein oder andere Weise in die Geschichte eingegangen sind, setzt sich die Maschinerie der Erinnerungskultur in Gang. Bücher werden geschrieben, Artikel verfasst, Reden gehalten. Heute jährt sich die Pogromnacht zum 75. Mal. An die Verfolgung der Juden wird auch in Kleve jährlich gedacht. An das jüdische Leben in all seinen Formen und Facetten deutlich seltener.

Am 24. August 1821 ist die Klever Synagoge festlich eingeweiht worden. Es war bereits das zweite jüdische Gotteshaus, schon seit dem 17. Jahrhundert war die Gemeinde fester Bestandteil der Schwanenstadt. Schulkinder in ihren besten Anzügen drängelten in die Synagoge, Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft nahmen teil, Schaulustige versammelten sich am Straßenrand. Ein kleines Stadtfest, voller Leben.

Dort, in der Oberstadt, am Fuße der Schwanenburg, brannte 1938 die Synagoge. Klever Jugendliche warfen die Scheiben der jüdischen Schule ein, während Klever Polizisten einfach zuschauten. Wurden Klever Juden – unter ihnen alteingesessene Metzger, Kinobetreiber oder Kaufleute – von ihren Mitmenschen gequält und vertrieben. Auf der Hagschen Straße, auf der Großen Straße, im gesamten Stadtgebiet. Weil sie eine andere Religion hatten, weil sie Juden waren. Auch wenn die Befehle aus Berlin kamen: Vor 75 Jahren ist nicht etwa Unrecht gleich eines dunklen Schattens über Kleve gekommen. Es waren hiesige Bürger, die am 9. November 1938 einen Teil ihrer eigenen Stadt anzündeten, die Unrecht verübten. Dort, wo die Synagoge brannte, soll wieder Leben einkehren. "Durch ein Zentrum, das als einzige Aufgabe hat, für Respekt zu werben – und gegen Diskriminierung", sagt Ron Manheim, Initiator des Projekts "Haus der Begegnung ,Beth Hamifgash' Kleve".

Es soll eben keine neue jüdisches Stätte in Kleve entstehen, sondern viel mehr ein Ort, an dem man sich trifft, um einen Kaffee zu trinken, um zu feiern – aber auch, um sich der jüdischen Geschichte in Kleve bewusst zu werden. Ein Ort, der die breite Unterstützung der Bürger verdient.

Der Grundstein dafür ist gelegt: Bisher hat man in einem Arbeitskreis gearbeitet, am 28. November wird der Verein offiziell gegründet. Dann soll eine Stiftung folgen. "Jetzt fängt die eigentliche Arbeit erst an", sagt Ron Manheim. Denn das Projekt benötigt Geld. "Mit 1,5 Millionen Euro muss man rechnen", sagt er. Dafür werden Spender und Sponsoren gesucht, Fördermittel müssen akquiriert werden. In Kleve solle schließlich nicht weniger entstehen als ein "Pilotprojekt für die Bundesrepublik". Für Ron Manheim ein sehr persönliches Projekt. "Es ist das Gefühl, einen Auftrag zu haben", sagt er.

Sieben Klever standen 1949 wegen der Judenverfolgung in Kleve vor Gericht. Das Urteil am 1. Februar war milde: Ein Angeklagter erhielt ein Jahr, ein zweiter neun Monate Gefängnis, weil ihnen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Anstiftung zu schwerer Brandstiftung nachgewiesen werden konnte. Die übrigen fünf Angeklagten wurden freigesprochen. "Absperrdienst kann nicht als Verbrechen gesühnt werden", hieß es damals im Urteil des Schwurgerichts.

Quelle: RP
 
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