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Kalkar
Rudi Hell - einer der letzten Rheinfischer

Unterwegs mit einem der letzten Rheinfischer
Unterwegs mit einem der letzten Rheinfischer FOTO: dpa, mjh ve
Kalkar. Der erste Aal, den Rheinfischer Rudi Hell an diesem Morgen sieht, hängt tot über dem Schiffstau in der Strömung. "Das waren die Wasserkraftturbinen", sagt er und fotografiert den Fisch. Hell ist zwar Fischer, aber er tickt mittlerweile ein bisschen wie die Wissenschaftler: hingucken, dokumentieren, weitergeben. Von Elke Silberer

Rudi Hell gehört zu den letzten Rheinfischern in NRW. Heute sind pro Jahr zehn bis 15 Nebenerwerbsfischer aktiv, berichtet die Rheinfischerei-Genossenschaft. Aale werden nur für die Wissenschaft gefangen, für Zander finden sich noch Abnehmer in der Gastronomie.

Wie seine Vorfahren geht Hell jeden Morgen von seinem Heimatdörfchen Grieth am Niederrhein zum Fluss. Er zieht sich die klobigen Gummistiefel an, tänzelt sicher über die unförmigen Ufersteine zum Wasser - die Schiffermütze auf dem Kopf. Seine Vorfahren haben rund 300 Jahre lang vom Fischfang gelebt. Immer waren es Aale: Der fette Fisch ließ sich gut verkaufen. Dann kamen die 70er Jahre, als der Rhein Kilometer gegen den Wind nach Chemie stank, erzählt Hell. Den Wildaal aus NRW sollte man nach Empfehlung des Umweltamtes wegen der Schadstoffbelastung nicht essen. Hell lacht: "Nun bin ich fast 79 und esse jede Woche einmal Aal. Da müsste ich doch längst etwas haben. Ich bin topfit." Außerdem ist der Aal in seinem Bestand gefährdet. Und da kommt er mit seiner "Anita II" ins Spiel.

Es ist der letzte Aalschocker in NRW, ein Kutter, mit dem jede Menge Fischer früher auf dem Rhein Aale fingen. Benannt hat Hell sein Boot natürlich nach seiner Frau. Der Kutter steht im Rhein an der Stelle, an der die Aale auf ihrer großen Wanderung vorbeikommen müssten. Wie immer hat Hell am Vorabend das Netz zwischen zwei Auslegebäumen des Bootes auf dem Grund des Rheins ausgebracht, da wo die Aale nachts unterwegs sind. Wie durch einen Trichter schwimmen sie dann in die Reuse dahinter.

An manchen Tagen ist nur Plastikmüll im Netz: Tüten, Eimer, Blumentöpfe, was die Leute so in den Rhein werfen. Oben am Ufer hat Hell dafür jetzt sogar einen Container aufgestellt. Der wird alle zwei Wochen geleert. "Wenn man Fische fangen will, muss man erst mal mit dem Müll fertig werden."

Hell öffnet eine Klappe am Boden der "Anita II": Vier Aale platschen in das Becken, das mit Rheinwasser durchgespült wird. Wenn es genug sind, werden sie abgeholt und nach Hamburg gebracht. Sie liefern dem Thünen-Institut für Fischereiökologie wissenschaftliche Daten. In der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Deutschlands wird der europäische Aal als gefährdet eingestuft, in der Liste der Weltnaturschutzorganisation wird er als vom Aussterben bedroht geführt. "Die Aale werden bei uns geschlachtet und vermessen", sagt Fischereibiologe Jan-Dag Pöhlmann. Die Daten fließen in eine europäische Datensammlung für Aale ein. An den Daten lesen die Forscher beispielsweise die Sterblichkeit ab. "Ziel ist es, den Bestand wieder zu stärken", sagt Pöhlmann.

Aber das ist es nicht, was Hell antreibt, auf Aalfang zu gehen. "Man hat das in den Genen. Man lebt dafür", sagt er und wird nicht der letzte Fischer in der 300-jährigen Familiengeschichte sein. Er hat drei Söhne. Der mittlere will das Geschäft vom Vater übernehmen.

(dpa)
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