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Kleve-Griethausen
Russische Soldaten in Griethausen

Kleve-Griethausen: Russische Soldaten in Griethausen
Der Gedenkstein für die verstorbenen russischen Soldarten auf dem Griethausener Friedhof. FOTO: Markus van Offern
Kleve-Griethausen. Gedenken zum Volkstrauertag: Ein umzäuntes und bewachtes Gelände neben den Ölwerken Spyck wurde genutzt als Kriegsgefangenenlager mit russischen Soldaten. Vermutlich 45 Kriegsgefangene liegen auf dem Friedhof in Griethausen. Von Rüdiger Gollnick

Der "alte Griethausener", nur unter den Initialen J.V. bekannt, dokumentiert, erinnert sich: "Sehnsüchtig blicke ich durch den Zaun zu dem Mann hin, der konzentriert an einem Holzstück schnitzt und ab und zu aufschaut. Ich halte eine eingepackte Stulle hoch, bedeute ihm: Tausche Butterbrot gegen Schnitzwerk. Doch der Mann schüttelt nur den Kopf, der Handel platzt, denn ich kann nicht mehr bieten. Und dabei hätte ich das Schnitzwerk so gerne gehabt. Es bestand aus einem durchlöcherten Ring mit einem Vögelchen, das pickte. Enttäuscht muss ich schließlich abziehen."

Und wo spielte sich der geplatzte Tauschhandel ab? Das umzäunte und bewachte Gelände neben den Ölwerken Spyck war ein Kriegsgefangenenlager für russischen Soldaten. Sie arbeiteten tagsüber in Klever Betrieben, in die sie mit dem Waggonzug, der zwischen Spyck und Kleve fuhr, gebracht wurden. Einwohner von Griethausen warfen immer mal wieder "Fresspäckchen" über den Zaun, denn die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen durch die deutsche Wehrmacht war katastrophal. Das schlägt sich nach dem Krieg auch in den Statistiken nieder: Von den 5,3 bis 5,7 Millionen russischen Kriegsgefangenen starben 3,3 Millionen in der Gefangenschaft. Genauer: sowjetische Kriegsgefangene, denn es waren Soldaten aus den Sowjetrepubliken, die zu schwerer Arbeit im Bergbau, in der Hüttenindustrie, bei der Trümmerbeseitigung oder in den landwirtschaftlichen Betrieben herangezogen wurden.

Neben den Ölwerken Spyck lag dieses so genannte Russenlager - heute nur noch eine eingezäunte, weitgehend freie, teils betonierte Fläche. Nach Unterlagen bestand es von Anfang 1943 bis Ende 1943. Etwa 100 Gefangene waren hier inhaftiert. Daneben existierten noch Kriegsgefangenenlager in den Molkereien in Griethausen und Warbeyen sowie bei Bauer Tünnissen in Huisberden mit etwa 20 bis 50 Gefangenen aus Polen und Frankreich, später auch aus Italien. Zudem gab es bei den Ölwerken Spyck noch ein Arbeitslager für Zivilarbeiter, in dem vor allem Holländer in der Zeit von August 1943 bis Oktober 1944 lebten. Aufgrund der schlechten Ernährung und medizinischen Betreuung starben immer wieder Kriegsgefangene, die von ihren Kameraden auf einer abgedeckten Karre am Rande des Griethausener Friedhofes begraben wurden. Wenn der kleine Totengräber-Trupp nach Spyck zurückkehrte, warfen Griethausener Bürger ihnen Päckchen vom Tor in den Karren. Blitzschnell versuchten die Gefangenen diese aufzufangen oder aufzuheben, wenn sie auf den Weg fielen. Das Begleitkommando versuchte das durch massive Schläge und Kolbenhiebe zu unterbinden.

Die Toten wurden am Rande, eigentlich außerhalb des Friedhofes, in nicht "geweihter Erde" begraben. Das war ein Brauch, wie man auch mit Selbstmördern umgegangen ist. Es war eine gesellschaftliche und nationale Diskriminierung der russischen Kriegsgefangenen. Lange Zeit bestand diese Trennung. Erst mit der Erweiterung des Friedhofes, etwa um 1990, wurden die Gefangenengräber in den Gesamtfriedhof einbezogen. Zwei Gedenksteine erinnern heute an die hier bestatteten russischen Gefangenen.

Eine Beurkundung der Sterbefälle ist nicht vorhanden, das Friedhofsamt der Stadt Kleve besitzt keine Unterlagen. Es liegt nur eine Notiz vor, dass 45 russische Kriegsgefangene hier bestattet liegen. Wenn in Deutschland am "Volkstrauertag" der Kriegstoten in den Städten und Dörfern gedacht wird, so gehört es auch zu einer Gedenk-Kultur, dass die toten russischen Kriegsgefangenen, die in den deutschen Lagern krepiert sind, nicht völlig vergessen werden: Sie starben als Fremde in Feindesland.

Es sei an die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck erinnert: "Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren."

Quelle: RP
 
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