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Kleve
Shopping-Freude oder Besinnlichkeit

Kleve: Shopping-Freude oder Besinnlichkeit
In der Großen Straße drängelten sich die Menschen schon kurz nach Öffnung der Geschäfte am verkaufsoffenen Sonntag. FOTO: Klaus Dieter Stade
Kleve. Tausende strömten am verkaufsoffenen Sonntag durch die Geschäfte der Klever City, um Gutscheine einzulösen, Geschenke umzutauschen oder Schnäppchen zu ergattern. Andere blieben Zuhause - genossen einen "Tag der Ruhe". Von Dieter Dormann

Gelassen hatten die Verantwortlichen vom Klever City Netzwerk (KCN) und vom Stadtmarketing vor den Weihnachtsfeiertagen dem verkaufsoffenen Sonntag zum "After Christmas-Shopping" am 27. Dezember entgegen geblickt. Allenfalls "ganz schlechtes Wetter" könne dazu führen, so war zu hören, dass nicht Tausende von Kunden in die Geschäfte strömen würden, um Gutscheine einzutauschen, Geschenke umzutauschen oder "Schnäppchen" zu machen. Auf der Internet-Seite der Stadt war vor dem Fest zu lesen, ein Programm stehe noch nicht fest. Eine Sprecherin des Stadtmarketing kündigte an: "Besonderes gibt es nix". " Außer vielleicht dem Trödelmarkt auf der Hoffmannallee - den es aber auch fast immer an solchen Tagen gibt.

Egal - das Wetter spielte mit. Landwirt und Hobby-Meteorologe Hubert Reyers meldete mittags für die Jahreszeit viel zu milde 12 bis 13 Grad Celsius - allerdings bei geschlossener Wolkendecke. Der graue Himmel hielt Tausende aber nicht davon ab, sich dem "After-Christmas-Shopping" hinzugeben. Schon vor 13 Uhr, als die Geschäfte öffneten, waren Parkplätze in der Stadt knapp. Gegen 13.30 Uhr ging es auf der Großen Straße und der Kavariner Straße nur im "Stop-and-Go" vorwärts. Auch auf der Kalkarer Straße standen laut der Polizei einige Autofahrer im Stau. In den Cafés der Innenstadt mussten Kunden ebenso Schlange stehen.

"Die Stadt ist rappelvoll", stellte Jörg Hopmans, der das Geschäft "Exclusiv Moden Hopmans" auf der Hagschen Straße führt, schon um 14 Uhr fest. Auch die "Frequenz" in seinem Geschäft sei gut. Allerdings würden die meisten Kunden mehr umtauschen als kaufen. Ebenso hätte kaum einer Interesse an Winterkleidung, dafür würden jedoch Modelle aus der Frühjahrskollektion anprobiert.

Buchhandlung Hintzen wahrte die Sonntagsruhe und blieb geschlossen. FOTO: Stade, Klaus-Dieter (kds)

Geradezu euphorisch beschrieb Max Ingo Festing von "Saturn" in der "Neuen Mitte" das "After-Christmas-Shopping". Schon 30 Minuten vor der Geschäftseröffnung um 13 Uhr hätten etwa 300 Kunden vor der "Saturn"-Tür gestanden. "So etwas habe ich in Kleve noch nicht erlebt. Wahnsinn. Das hat Neueröffnungsniveau", schwärmte der "Saturn"-Chef. Seine Begeisterung war auch deshalb so groß, weil die Kunden relativ wenig umtauschten. Zwar lösten viele Gutscheine ein, aber viele kauften zusätzlich noch etwas. Einen wesentlichen Grund für den Erfolg des verkaufsoffenen Sonntags in Kleve sieht Max Ingo Festing in dem "Zentralitätsfaktor", den die Kreisstadt am Niederrhein habe. "Inzwischen ist jeder Dritte unserer Kunden kein Klever", sagt der "Saturn"-Filialleiter. Zugleich gesteht er ein, dass seine Belegschaft verkaufsoffene Sonntag "kritisch" sehen würde. Es sei schon Einiges an "Überzeugungsarbeit" nötig, damit sie an solchen Tagen zur Arbeit kommen würden.

Die Position der Gewerkschaft ver.di zum Thema "verkaufsoffene Sonntage" ist seit Jahren eindeutig. Sie ist dagegen. Alle - Mitarbeiter des Einzelhandels, aber auch die Kunden - hätten das Recht auf einen Tag der Ruhe, betonte Werner Kämink, der bei ver.di Niederrhein für den Handel zuständig ist. Doch wie "normal" das Shoppen selbst am Sonntag unmittelbar nach den Weihnachtstagen inzwischen geworden sei, zeige sich auch daran, dass die Stadt Kleve es offenbar nicht mal mehr für nötig halte, bei der Beantragung - wie es gesetzlich vorgeschrieben sei - die ver.di-Meinung zu dem Thema einzuholen.

"Natürlich könnten die Kunden auch an anderen Tagen in die Geschäfte gehen", sagt Thomas Harms, der beim Beratungsunternehmen E&Y im Kompetenzteam "Handel und Konsumgüterindustrie" in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig ist. "Aber die Verbraucher sind es mittlerweile gewöhnt, einzukaufen, wann sie es möchten." Wenn Kunden sonntags nicht in die Geschäfte gehen könnten, würden sie woanders kaufen.

Zu dieser "Erkenntnis" ist auch der katholische Pfarrer Christoph Grosch von der Klever Gemeinde "Zur heiligen Familie" gekommen. "Wir können die Entwicklung zu verkaufsoffenen Sonntagen leider nicht mehr aufhalten", meint der Seelsorger. "Strafpredigten" hält der Pfarrer dazu nicht mehr, sondern er lädt zu den Gottesdiensten ein und lebt Alternativen zu den Feier- und Sonntagen im Kaufrausch vor.

Eine ähnliche Sicht auf die verkaufsoffenen Sonntage hat der protestantische Geistliche Georg Freuling aus Kleve, der keineswegs eine "Spaßbremse" sein will, aber sich dennoch vehement für einen "Tag der Ruhe" in jeder Woche ausspricht - für Mitarbeiter der Geschäfte, aber auch für Kunden. Jeder sollte sich fragen, was er wirklich brauche, meint der Pfarrer. Einkaufsstress oder Besinnlichkeit?

Ein Antwort auf diese Frage hat das Klever Buchhändler-Ehepaar Matthias und Sigrun Hintzen, die drei Kinder im Alter von zwölf, 14 und 16 Jahren haben, gefunden. "Wir machen bei den verkaufsoffenen Sonntagen nicht mit. Wir wollen die Sonntagsruhe erhalten - für die Kunden, für die Mitarbeiter und auch - oder vor allem - für uns als Familie", sagt der Buchhändler, der Mitglied im KCN ist. In der Klever Einzelhändler-Vereinigung braucht man laut Matthias Hintzen darüber aber nicht zu diskutieren. "Das Groß will die verkaufsoffenen Sonntage." Mit der Entscheidung seiner Familie für die Sonntagsruhe ist der 52-Jährige auf viel Zustimmung gestoßen - zumindest bei seinen Kunden. Und bei seiner Familie.

Quelle: RP
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