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Aus Den Vereinen
"Die ehrlichsten Menschen, die ich kenne"

Kleve. Der Sportfunktionär und Chef des jetzt aufgelösten Uedemer G-Teams gab dem Sport geistig behinderter Menschen eine Plattform.

Der Uedemer Werner Weidemann zieht nach Jahrzehnten der aktiven Vereinsarbeit zum Ende dieses Jahres einen Schlussstrich. Eine Konsequenz daraus: das Uedemer G-Team musste aufgelöst werden. Im Gespräch berichtet Weidemann über die zahlreichen Erlebnisse im Rahmen seines Engagements. Er erinnert sich, wie alles begann, und erklärt, weshalb jetzt das Aus kam.

Herr Weidemann, Ihre aktive Vereinsarbeit hat nicht erst mit dem G-Team in Uedem begonnen. Vorher haben Sie sich im Nachwuchsbereich der Gocher Viktoria und beim SV Asperden engagiert. Wann war das und wie kam es dazu?

WERNER WEIDEMANN 1981 ist mein Sohn auf die Welt gekommen. Er hat im Alter von vier Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Mit ihm bin ich in den Sport hineingewachsen. Später wurde ich für viele Jahre Jugendgeschäftsführer. Mein Sohn hat dann den Verein gewechselt, hin zum SV Asperden. Da brauchte man auch Hilfe, und so habe ich meine Lizenzen, unter anderem die Vereinsmanager-Lizenz des Deutschen Fußballbundes (DFB), gemacht. 1995 gab es dann so wenige Fußball-Schiedsrichter im Kreis. Daraufhin habe ich die Werbetrommel gerührt, und wir haben mit 18 Leuten den Schiri-Schein gemacht. Davon sind allerdings nur noch drei dabei.

Gab es Veranstaltungen, an die Sie heute noch gerne zurückdenken?

WEIDEMANN Was mir in Erinnerung geblieben ist, war neben anderem die Jubiläumswoche 1996 beim SV Asperden. Da spielte eine Altherrenauswahl gegen die Traditionsmannschaft des MSV Duisburg. Auch an die Fahrten und Turniere mit den Jugendlichen nach Werdohl oder Holland denke ich gerne zurück. Meine Tätigkeit kam jedoch erst 1998 so richtig auf Touren, nachdem ich nach Uedem umgezogen war und beim Spielverein stellvertretender Jugendleiter wurde.

Was führte dazu, dass Sie sich wenig später so intensiv um den Behinderten-Sport gekümmert haben?

WEIDEMANN 1998 bin ich das erste Mal mit Behinderten in Berührung gekommen, was mir viel Freude gemacht hat. Da habe ich an Wochenend-Betreuungen mit der Freizeitgruppe der Lebenshilfe Kleverland in Uedem teilgenommen. Danach kam eins zum anderen. Die von uns betreuten Menschen saßen samstags ab 15.30 Uhr vor dem Radio und haben die Bundesliga-Übertragung gehört. Um mit ihnen ein Länderspiel mal live im Stadion zu erleben, nahm ich Kontakt zum DFB auf. Kurz danach saßen wir alle bei einem Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft im Dortmunder Stadion. Von da an sind wir regelmäßig zu Länderspielen nach Leverkusen, Köln, Düsseldorf, Mönchengladbach und Schalke gefahren. Sport, mit Behinderten zu machen und zu organisieren, war da jedoch noch kein Thema.

Das änderte sich dann aber schnell.

WEIDEMANN Stimmt. Unser erstes Fußball-Turnier hatten wir 2003, wo wir ohne vorheriges Training gleich den sechsten Platz belegten. Damit war der Stein ins Rollen gebracht und nahm Fahrt auf: Nordrhein-Westfalen-Meister 2003 sowie internationaler Fußballmeister von Köln 2003 im Rahmen der Special Olympics. Von da an wurde einmal pro Woche trainiert, regelmäßig kamen 14 bis 16 Spieler.

Das G-Team wurde dann im Vereinsregister eingetragen. Welche Sportarten wurden aufgenommen?

WEIDEMANN Beim G-Team gab es zunächst nur eine Fußballabteilung, auch dank der Unterstützung von Ex-Bundesliga-Torwart Andreas Wessels, der ein gebürtiger Uedemer ist. Er stellte uns seinen Fußball-Lehrerschein zur Verfügung, wodurch wir als Reha-Sportverein anerkannt wurden. Später kam noch eine Diplom-Sportlehrerin dazu, die sich um die Wirbelsäulengymnastik gekümmert hat. Einen weiteren Zweig des Vereins stellte die Laufabteilung dar, die bis im vergangenen Jahr auch noch regelmäßig aktiv war. Zudem gründete sich eine Tischtennisabteilung, die mit dem örtlichen Tischtennisverein kooperierte.

Woher kamen die Aktiven?

WEIDEMANN Die Sportler kamen aus den Uedemer Wohnfamilien, aber auch aus Kalkar und Goch, wo sie noch bei ihren Eltern wohnten.

Wie schwierig war es, Unterstützung für das Projekt zu bekommen?

WEIDEMANN Das war hier vor Ort bei den Geschäftsleuten in Uedem nicht schwer. Es gab erfreulicherweise viele, die uns von Anfang an bis zuletzt unterstützt haben, wie etwa die Uedemer CDU-Frauen. Aber auch ein Gocher Autohaus hat uns geholfen und für unsere Fahrten nach Berlin, Hamburg, Bayern und Österreich jeweils einen Kleinbus zur Verfügung gestellt.

Trotzdem sagen Sie, dass der Sport geistig behinderter Menschen durch die Gesellschaft noch unzureichend bis gar nicht wahrgenommen wird.

WEIDEMANN Der Sport geistig behinderter Menschen ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht so weit, wie es beispielsweise der Sport körperlich beeinträchtigter Menschen im Rahmen der paraolympischen Wettbewerbe ist. Die geistig Behinderten stellen immer noch eine Randgruppe dar, das sieht man auch an dem geringen Zuschauerinteresse bei den Veranstaltungen.

Nur einmal war das mit dem Interesse ganz anders.

WEIDEMANN Sie spielen darauf an, als wir mit der Olympiafackel und dem olympischen Feuer der National-Games aus München zurückkamen und durch Uedem liefen. Als wir die Fackel im Staffellauf durch Uedem trugen, standen etliche Zuschauer am Straßenrand, jubelten den Läufern zu und fanden anschließend auch den Weg in die Halle zu unserem Turnier. Aber das war die Ausnahme.

Einer der glühendsten Anhänger des G-Teams war Uedems Bürgermeister Rainer Weber, der bei Ihrer letzten Veranstaltung im November seine Bewunderung ausdrückte und von vielen gemeinsamen Erlebnissen berichtete. Wie ist es zu diesem engen Kontakt gekommen?

WEIDEMANN Angefangen hat es mit Werner van Briel, den wir als damaligen Bürgermeister gebeten hatten, ob er die Schirmherrschaft für das Uedemer Turnier übernehmen wolle. Als Rainer Weber, den ich von der Bundeswehr her kannte, erster Bürger der Gemeinde wurde, hat er Briels Engagement fortgesetzt. Auf einigen unserer Reisen war er mit dabei. Etwa als wir 2005 das erste "respect"-Turnier in der "Soccer-World" von Andreas Wessels in Köln veranstaltet haben. Die Siegerehrung fand im voll besetzten FC-Stadion statt. Das war für Weber als Anhänger des 1. FC Köln natürlich ein Erlebnis. "Ohne euch hätte ich das niemals erlebt", sagte er. Auch als wir die "respect"-Liga, die aus zehn Mannschaften bestand, gewannen, war Rainer Weber bei der Siegerehrung dabei, die vor einem Länderspiel stattfand.

Das G-Team wurde im Laufe der Jahre zu einem Erfolgsprojekt. Hat die Teilnahme an großen Veranstaltungen und die Begleitung in den Medien geholfen, das Anliegen des Vereins nach vorne zu bringen?

WEIDEMANN Ich bin viel angesprochen worden: "Mensch, ihr seid wieder in der Zeitung gewesen!" Was wir mit "respect" erreicht haben, sind bis jetzt 21 Patenverträge in ganz Deutschland zwischen Fußballvereinen und Behinderten-Einrichtungen. Daran haben viele mitgewirkt - auch die lokalen Medien.

Wenn Sie sich etwas in den Kopf setzen, bleiben sie hartnäckig. Bürgermeister Weber erzählte beim letzten "respect"-Turnier die Geschichte mit dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dem FC Bayern München. Das verdeutlicht Ihren Willen beim Durchsetzen von Vorhaben.

WEIDEMANN Das stimmt. Da habe ich die zwei Seiten des FC Bayern kennen gelernt. Als wir 2003 NRW-Meister wurden, sollte die Saisonabschluss-Fahrt nach Bayern gehen. Ich habe deshalb den FC Bayern für vergünstigte Eintrittskarten im Olympiastadion angeschrieben. Eine Woche später bekam ich vom Fanbeauftragten des Vereins Bescheid, dass das Stadion ausverkauft sei und der FC Bayern die Meisterschaft (Meister wurden sie nicht, sondern Bremen) mit seinen Fans feiern wollte. Wir aber dürfen gerne einen Tag vorher zum Training kommen.

Doch wie kam dann die hohe Politik ins Spiel?

WEIDEMANN Auf kuriose Weise. Bei der Lizenzverlängerung in der Sportschule Wedau lernte ich einen Bayer kennen, mit dem ich darüber gesprochen habe. Das sei typisch Bayern, sagte der, aber du hörst von mir. Zwei, drei Monate später kam ich von der Arbeit nach Hause und meine Frau sagte mir, jemand aus der bayerischen Staatskanzlei habe angerufen und wollte mich sprechen. Kurze Zeit später ging erneut das Telefon. Die Sekretärin des Ministerpräsidenten Stoiber erklärte mir, dass das in Duisburg ihr Schwager war und er ihr die Geschichte mit dem Fanbeauftragten erzählt habe. Sie habe das ihrem Chef erzählt, der sich um die Angelegenheit kümmern werde. Mit Erfolg. Eine Woche später hatten wir die Karten und dazu noch unterschriebene Merchandising-Artikel.

Bei einer anderen Veranstaltung spielte Uwe Seeler eine entscheidende Rolle.

WEIDEMANN In Norderstedt bei Hamburg haben wir ein "respect"-Turnier gespielt. In der ganzen Stadt war keine Sporthalle zu bekommen. Da "Uns Uwe" die Schirmherrschaft über das Turnier übernommen hatte, besorgte er uns die Falkenberghalle, die an sein Grundstück grenzte. Er vermittelte auch die Patenschaft zwischen den Norderstedter Werkstätten und dem FFC Norderstedt. Genauso geholfen haben uns beispielsweise auch Oliver Bierhoff, Andreas Wessels, Ottmar Hitzfeld, Sepp Maier und einige andere. Das sind unvergessliche Erlebnisse und Begegnungen, die ich in Erinnerung behalten werde.

Sie waren aber auch in Uedem selbst immer präsent und haben dort eine Turnierserie ins Leben gerufen, die dieses Jahr im November zum 13. und letzten Mal stattfand.

WEIDEMANN Der Ursprung der Turnierserie lag ja in Köln. Sie ging auf eine Idee des Fußballverbandes Niederrhein zurück, der behinderte und nicht-behinderte Sportler zusammenbringen wollte und mich fragte, wie ich die Chancen für so etwas sehe. Das hielt ich bei meinen Erfahrungen in beiden Bereichen für nicht machbar. Die Idee eines Turniers - allerdings ausschließlich mit behinderten Menschen - ging mir danach nicht mehr aus dem Kopf. Die "Soccer-World" von Andreas Wessels schien mir dafür der optimale Veranstaltungsort zu sein. Am 25. August 2005 wurde dann dort das 1. "respect"-Turnier mit 32 Mannschaften ausgetragen. 50 weitere Turniere sollten noch folgen - in Berlin, später in Polen, Belgien, Holland, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hamburg.

Doch warum haben Sie nach diesen Erfolgen und Begegnungen jetzt einen Schlussstrich gezogen?

WEIDEMANN Das ist mir sehr schwer gefallen. Aber nach sechs schweren Knieoperationen lässt es meine Gesundheit nicht mehr zu, wie bisher weiter zu arbeiten. Das betraf dann auch das G-Team. Da wir im Vorstand niemanden fanden, der den Vorsitz übernehmen wollte, haben wir bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen, das G-Team Uedem beim Amtsgericht auflösen und aus dem Vereinsregister löschen zu lassen.

Was wird aus Ihnen, der sich für die Interessen der Sportler mit so viel Leidenschaftlich eingesetzt hat?

WEIDEMANN Ich werde nur noch passiv am Sportgeschehen teilnehmen. Meine DFB-Managerlizenz, die noch bis Ende 2016 läuft, werde ich nicht verlängern. Mir bleiben aber die vielen Augenblicke auf Bildern, Videos und DVDs, die ich mit dem Sport erlebt habe, und viele dadurch entstandene Freundschaften. Der Donnerstag, der regelmäßige Sport mit den Behinderten, wird mir jedoch fehlen.

Was wird aus den Mitgliedern des Vereins?

WEIDEMANN Die übernimmt ja leider kein anderer Verein. Wir haben die Mitgliedschaften zum Jahresende gekündigt.

Was wünschen Sie dem Behindertensport im Kreisgebiet?

WEIDEMANN Ich hoffe, dass die Behinderten, mit denen ich viel erleben durfte, weiter ihren Sport in den Einrichtungen wahrnehmen können. Ich habe nie ehrlichere Menschen kennen gelernt als die behinderten Sportler und bin ihnen dafür auch dankbar. Deshalb fällt mir der Abschied auch riesig schwer.

DIE FRAGEN STELLTEN SABRINA PETERS UND REINHARD PÖSEL.

Quelle: RP
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