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Lokalsport
Ein Gespür für Schnee

Lokalsport: Ein Gespür für Schnee
Saison 1984/85, es war die Oberliga-Nordrhein, die zu der Zeit die 3. Liga war: Viktoria Goch hat den Wuppertaler SV im Hubert-Houben-Stadion zu Gast. Man trägt weitgeschnittene Jogginghosen. Die Mehrzahl der Akteure kann nur erahnen, wo sich der Ball gerade befindet. Für die Viktoria sind hier im Einsatz Hans-Jürgen Offermanns (Bildmitte mit Derbystar-Schriftzug) und Dirk Thomczik (am Pfosten). FOTO: Gottfried Evers
Kleve. Es gab eine Zeit, in der tiefe Temperaturen in Kombination mit reichlich Schnee kein Grund waren, Fußballspiele abzusagen. Im vergangenen Jahrhundert wurde auch dann angepfiffen, wenn kein Grün mehr zu sehen war. Gegner und Mitspieler konnten bei Schneetreiben nur schwer auseinandergehalten werden. Von Peter Janssen

In jedem gut sortierten Ballraum gab es ein Exemplar in signalorange. Aber immer nur eins. Weit hinten im Regal lag die Kugel - und in der Regel war sie platt. Dieser Lederball fristete ein tristes Dasein. Denn im Laufe der Zeit kam er immer seltener zum Einsatz. Gebraucht wurde er für Fußballspiele auf schneebedeckten Feldern. In den 80er Jahren wurde bis hinauf in die Oberliga, einst die dritthöchste Spielklasse, selbst im Tiefschnee gespielt. Heute finden Partien auf diesem Untergrund kaum noch statt. Im Profibereich sind Rasenheizungen Pflicht, bei den Amateuren hat die Kälte in Kombination mit einer veränderten Einstellung zum Fußball über das Spiel auf Schnee gewonnen. Man friert, es ist unangenehm und macht keinen Spaß. Abgesetzt.

Dabei gibt es keine Regel, die besagt, dass Meisterschaftspartien abgesagt werden müssen, weil Schnee auf dem Platz liegt. "Das alleine ist kein Grund. Aber der Ball muss rollen", sagt Holger Tripp (43), Vorsitzender des Kreisfußballauschusses. Tripp hat selbst auf Schnee gespielt und als Schiedsrichter Partien auf dem Untergrund geleitet. Zuletzt hatte der Fußballkreis Kleve im Dezember einen kompletten Spieltag aufgrund der Witterung abgesetzt. "Da ging es aber darum, dass die Plätze gefroren waren", betont er. Für Tripp steht jedoch fest: "Heute wird mehr und schneller abgesagt."

Die Witterung wird heute gern als taktisches Mittel eingesetzt. Eine lange Verletztenliste oder Gegner, die gerade einen Lauf haben, sorgen dafür, dass bei ersten Flocken der Gast angerufen wird: "Also hier geht gar nichts." Das war in den 80er Jahren so nicht möglich. Rolli Mooren (68) ist einer, der 25 Jahre lang im Fußballkreis Kleve-Geldern entschieden hat, wann Winter war und ob gespielt werden kann. "Die Vorgabe vom Verband war, wenn es irgendwie geht, anpfeifen. Abgesagt wurde nur, wenn ich auch einverstanden war. Aber da musste es schon extrem sein", sagt Mooren.

Wenn Schnee auf dem Platz lag, wurden Hütchen aufgestellt. Kaum höher als die Schneedecke standen die Markierungen an den Spielfeldecken, der Mittellinie und auf Höhe der Strafräume. Sie sollten einen Hauch Orientierung bieten.

Edgar Wagner (70), der heute noch Spiele leitet, kann sich in 35 Jahren nur an eine Partie erinnern, in der das Wetter Probleme bereitete. "In Kessel musste ich ein Abendspiel abbrechen, weil der Boden im Laufe der Begegnung immer weiter zufror. Das war irgendwann zu gefährlich. Sonst ging bei mir alles über die Bühne. Auch bei Schnee", sagt Wagner.

Was für die Unparteiischen schwieriger war: "Du wusstest oft nicht, hat der den jetzt beim Grätschen getroffen oder schreit der nur. Da wurde in der Regel für den Angeklagten entschieden", sagt Rolli Mooren. Er hätte jedoch selten Probleme gehabt, auch diese Situationen zu bewerten, denn: "Ich war eigentlich immer auf Ballhöhe."

Kleves ehemaliger Stürmer Jürgen Kalkes (51) stand für den VfB Kleve, SC Kleve, BV Kellen und Eintracht Emmerich auf dem Platz. Zu der Frage, ob es den Idealtypus eines Schneefußballers gebe, sagt er: "Nein, wenn du ein Guter bist, kommst du überall klar." Für ihn waren die Tage auf Pulverschnee besondere: "Da haben wir uns im Training gegenseitig in die Hacken getreten und rutschten wunderschön über den Platz." Doch erinnert er sich an eine Begegnung, in der die Bedingungen extrem waren. "Wir mussten mal nach Wermelskirchen. 170 Kilometer eine Strecke und unterwegs fing es an zu schneien. Da kommst du an, versinkst auf dem Platz, es ist weit unter null und gespielt wurde trotzdem. Aber bevor du 340 Kilometer für nichts fährst - dann doch besser auf die Eispiste."

Das Spiel auf Schnee ist für Kalkes kein gefährliches. "Kunstrasen ist schlimmer", sagt er. Bedeuten Minusgrade für medizinische Abteilungen heute erhöhte Alarmbereitschaft, weil Zerrungen oder Muskelfaserrisse drohen, winkt der Klever ab und erklärt: "Zerrungen hatten wir keine. Auch nicht auf Schnee." Gehen heute Mannschaften bei Minusgraden gerne mal in die Halle, war das für den Strafraumwühler unvorstellbar: "Drinnen war bei uns nur die Weihnachtsfeier." Jürgen Kalkes hatte in den 80er und 90er Jahren seine beste Zeit. In den Jahrzehnten davor wurde noch weniger darauf geachtet, welche Beschaffenheit der Bodenbelag besitzt. Grund dafür war auch, dass die Saison bis kurz vor Weihnachten lief und sie in der ersten Woche des neuen Jahres wieder startete. Die Chance war groß, dass zu der Jahreszeit vom Rasen kaum etwas zu sehen war.

Hans-Gerd Schouten (66) spielte in den 70er Jahren. Er kann sich an ein Punktspiel erinnern, das am 2. Weihnachtstag ausgetragen wurde. Von 1974 bis 78 war Schouten mit Eintracht Schneppenbaum in der Bezirksliga unterwegs. Der Stürmer gehörte zu den technisch versierteren Fußballern. Seine Fähigkeiten waren auf Schnee jedoch kaum gefragt. Leute, die sonst Probleme hatten, einen Baum zu umdribbeln, konnten plötzlich schwierige Bälle stoppen. "Der blieb einfach vor denen liegen", sagt der 66-Jährige. Er kann dem Spiel auf Schnee wenig positives abgewinnen: "Da konnte der Letzte immer gegen den Ersten gewinnen. Das hatte nichts mit Fußball zu tun. Es war ein Glücksspiel."

Vielleicht ist Fußball auch deshalb so faszinierend, weil er sich nicht kontrollieren und berechnen lässt. Besonders nicht im Schnee.

Quelle: RP
 
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